Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XIII (1911)
- Issue
- Heft 20 (6.10.1911)
- Date
- 1911-10-06
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4 „Neue National-ffeitung'' Nr. 20 Am 20. September hielt er vor dem Gebäude des jüdischen Tagblattes „Der Adler" in Montreal an die versammelten 6000 Juden folgende Ansprache: „Meine Freunde! Ich komme soeben von einem großen Meeting und es freut mich ungemein, daß ich nun mit euch zusammentreffe. Ihr wißt, daß die Gesetze unseres Landes die besten und menschenfreundlichsten sind, die ein freies und zivilisiertes Land überhaupt besitzen kann. Eure Liebe und eure Treue beweisen dies. Als Chef der Regierung versichere ich euch, daß das Land eure Anhänglichkeit und euren Patriotismus zu schätzen weiß. Die liberale Eegierung wird die ganze Kraft aufbieten, um die Tore dieses Landes für eure Brüder und Schwestern stets offen zu halten." Leider war die Agitation der Juden vergeblich. Zu wenig organisiert, um einen jüdischen Kandidaten aufzustellen, waren sie auch zu schwach, um die Wahlen entscheidend zu beeinflussen. Der Sieg der Konservativen war für sie eine unangenehme Ueberraschung und mit banger Sorge sehen sie der Zukunft entgegen. Ministerpräsident Kokowzew. Der neue Mann und der neue Kurs in Kußland heißen: Koko wz e w. Die nationalistische Presse ist damit zufrieden und verkündet in triumphierendem Tone, der neue Kurs werde der alte bleiben. Bagrow hätte also vergebens sein junges Leben geopfert. Dem aber scheint doch nicht ganz so zu sein. Es ist bekannt, daß Kokowzew der eifrigste Gegner der von Stolypin betriebenen „Nationalisierung des Handels" war und daß er die Maßregel eines Kreditboykotts gegen die Juden seitens der russischen Staatsbank für undurchführbar erklärte. Mag nun Kokowzew die innere Politik im alten Geleise führen, der gewesene Finanzminister wird keinesfalls in unmenschlicher Weise neue Ausnahmsgesetze für die Juden aus dem Boden stampfen wie sein ermordeter Vorgänger. Das Joch, welches die asiatischen Gesetze Kußlands den Juden auferlegt haben, ist ohnehin genug schwer. Die Aera Kokowzew bedeutet für die russischen Juden wenigstens vorläufig eine Schonzeit. Mechanikus Schneider — Landesansscbuss. Die Majorität des nieder österreichischen Landtages hat es für gut befunden, den Mechanikus Schneider zum Mitgliede des Landesaussehusses zu wählen. Das wäre avoIiI in keinem anderen Lande der österreichischen Monarchie, ja gewiß in keinem anderen Staate möglich. Der Mann, der den niedrigsten Eassenantisemitismus vertritt, der in öffentlichen Körperschatten aus Werken von Talmudfälsehern unter Mißbrauch der Immunität die Eitualmord-Verleumdung breitgetreten, der gegen Juden die Sehußgeldtheorie propagiert hat, der schließlich durch seine besondere Vorliebe für Alkohol die logische Verbindung zwischen Antisemitismus und Säuferwahn hergestellt hat, wäre in jeder Partei, die noch nicht aller politischen Moral und jedes Verantwortlichkeitsgefühls bar ist, unmöglich. In der Wiener christlichsozialen Partei gehört dieser Mann zu den Führern. So lange Dr. Lueger gelebt hat, mußte sich Schneider mit dem Amte eines Landesaussehuß-Stellvertreters begnügen. Nun ist Dr. Lueger tot und Schneider tritt in den Vordergrund. Die Christlichsozialen von Wien haben nichts mehr zu verlieren. Offenbar halten sie den Schneider für ihren würdigsten Totengräber. Der Jude Bagrow. Die jüdischen Blätter, die neben ihren persönlichen Geschäften auch die Bekämpfung des Antisemitismus' und diverse Fleckenputzerei als ihr Hauptmetier betreiben, haben sich mit allem Eifer bemüht, Dymitrij Bagrow, den Mann, der den Stolypin aus der Welt geschafft hat, als einen Täufling, als einen Nicht-Juden, hinzustellen. Ihre Logik war überwältigend. Die russische Presse, voran die Organe der Huligans, bezeichneten Bagrow als Juden und erzählten, daß er vor seinem Tode den Rabbiner zu sprechen wünschte — daher sei er kein Jude. Die russische Presse habe den Bagrow fälschlich als Juden hingestellt, um für seine Tat das ganze jüdische Volk verantwortlich zu machen, Die Herren haben dabei übersehen, daß kein einziges der in Rußland erscheinenden jüdischen Zeitungen und Tagblätter die Zugehörigkeit Bagrows zum Judentum geleugnet hat, daß auch diese jüdischen Blätter von dem Erscheinen des Rabbiners beim Vollzuge der Todesstrafe und von seinem unerfüllt gebliebenen Wunsch, den Rabbiner unter vier Augen zu sprechen, zu berichten wußten; in ihrer Vogelstraußpolitik beachten diese sonderbaren Journalisten nicht, daß Bagrow von den Rabbinern in Kiew feierlich in den Bann gelegt wurde, was die lokalen, gut informierten Seelsorger gewiß unterlassen hätten, wenn Bagrow dem Judentum ohnehin nicht angehört hätte. Bagrow war also Jude. Das bestätigen seine zahlreichen Freunde und Bekannten, die ich zu sprechen Gelegenheit hatte. Sein Großvater, ein bekannter jüdischer Schriftsteller, bekannt ' zumeist durch seine Memoiren aus der Kantonistenzeit, hat sich auf die alten Tage wohl getauft, sein Vater jedoch und er sind Juden geblieben. Wir haben uns Bagrows nicht zu schämen. Er hat seine Tat mit dem Leben gebüßt und ist wie ein Held in den Tod gegangen. Man mag über den politischen Mord wie immer denken; die Attentate der russischen Terroristen wird die Geschichte ganz anders beurteilen als jene Verbrechen, denen Sadi Carnot, Mac Kinley und König Humbert zum Opfer gefallen sind. Die russischen Terroristen haben ihr Leben geopfert im Interesse ihres Volkes, im Interesse der Freiheit, um dessen Feinde aus dem Wege zu räumen. Ihre Opfer waren selbst über Leichen gegangen und haben menschliches Leben nicht geschont. Sie mußten damit rechnen, daß ihnen das Gleiche widerfahren wird. In den Reihen der russischen Terroristen waren stets auch Juden. Siet, die am meisten unter dem politischen Despotismus zu leiden hatten, mußten, wenn sie nach Freiheit lechzten, auch selbst Opfer darbringen. Sie mußten an der Befreiung mitarbeiten, wenn sie die Freiheit verdienen wollten. Und so sehen wir seit jeher Juden in den tiefen Kasematten verschmachten, nach Sibirien ziehen, am grauen Morgen an den Mauern der Zitadelle den Märtyrertod sterben. Wer zählt die Namen? . . . An den Gewaltakten selbst waren Juden wenig beteiligt. Bei der Ermordung dos Zaren Alexander II. hat kein Jude mitgewirkt, und nur eine Jüdin, in deren Wohnung die Revolutionäre zusammenzukommen pflegten, wurde zum Tode verurteilt, dann aber begnadigt. Gregor Gerschuni, der eine hin-