Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XIII (1911)
- Issue
- Heft 20 (6.10.1911)
- Date
- 1911-10-06
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 20 „Neue National-Zeitung" Seite 3 speisen und sich in die Gesellschaft der Männer zu mischen. Die Ehen werden in der Nähe der Brunnen geschlossen, dort wo die jungen Mädchen Wasser schöpfen. Ich habe manche anmutige Rebekka von Djebel gesehein, dicht am Brunnen, vo'n den jungen Burschen des Dorfes umgeben. Die Gewerbe unserer Glaubensgenossen sind hier ungefähr die nämlichen, wie bei den Juden von Gharian. Nach Ansicht der türkischen Behörden sind in dieser Gegend, die durch die ausnehmende Faulheit ihrer Bewohneir ruiniert worden, die Juden das einzige arbeitsame, schaffende Element, allein imstande, sogar die benachbarten Muselmanen zur Arbeit anzuregen. Das gilt bis an das äußerste Ende von Djebel Nefussi, wohin immer die jüdischen Kaufleute, die Schnapsfabrikanten (deren beste Kunden die Juden selbst sind) und Schmuckhändler dringen. Die Beziehungen zwischen Juden und Berbern sind besser als zwischen Juden und Arabern. Bis zur Mitte des vorigen Jahrhunderts wurden die Juden als Sklaven betrachtet. Die Türkei beseitigte diese erniedrigende Einrichtung, hat aber noch nicht Zeit gehabt, die moralischen Erniedrigungen zu unterdrücken, denen die Juden von Seiten ihrer arabischen Nachbarn ausgesetzt sind. Ein Beispiel von hundert: Der Bezirksrabbiner macht eine Reise nach Nalut. Eingeborene zwingen ihn, von seinem Maultier abzusteigen, weil ein Jude in Gegenwart von Muselmanen nicht auf einem Sattel sitzen darf. Wollte der Rabbiner wagen, sich zu beklagen, so wäre er in Gefahr, alle Seinigen von den Arabern umgebracht zu sehen. Die vereintesten Heiligtümer, die ältesten Friedhöfe werden von den Muselmanen entweiht; auf dem Felde nehmen die Araber ohne Bedenken den Ernteertrag ihrer jüdischen Nachbarn in Anspruch. Die oberen Behörden haben guten Willen, aber die Einzelheiten entgehen ihnen. In den letzen Jahren haben die Türken Djebel vollständig pazifiziert und unsere Glaubensgenossen fangen an, sich von neuem in den Ortschaften niederzulassen, aus denen ihre Vorfahren haben weichen müssen. Vor allem aber täte eine Intervention bei den türkischen Behörden dahin not, daß den Abkömmlingen der vormaligen eingeborenen Juden alle Heiligtümer und Friedhöfe, die heute noch vorhanden sind und von den örtlichen Traditionen und von den Eingeborenen selbst als solche an mehr als fünfzig Stellen bezeichnet werden, zurückgeigeben werden. Nach dreitägigem Wüstenmarsch verweilte ich in der Küstenstadt Zauia, die etwa 800 unserer Glaubensgenossen einschließt. Ihre soziale Läge läßt zu wünschen übrig. Die fanatische Bevölkerung der Oase erspart den jüdischen Nachbarn keine Bedrückung. Bei meiner Rückkehr nach Tripolis hätte ich zweimal Gelegenheit, den oberen Behörden zu schildern, wie ich die Juden der Oasen gefunden habe. Ich freue mich, daß ich bei den leitenden Männerii die freundlichsten Absichten hinsichtlich unserer Glaubensgenossen gefunden habe: Man hat mir die Versicherung gegeben, daß ein Rundschreiben an die Ortsbehörden ergehen wird, daß sie die Eingeborehen an Rechtsverletzungen gegenüber iden Juden hindern sollen. Unter allen Umständen erwarten die Aufsichtsbehörden, daß die nahe bevorstehende Einrichtung von Katasterämtern den Besitzungen und den Ernteerzeugnissen der Juden im Innern des Landes wirksameren Schutz verschaffen wird. POLITISCHE RUNDSCHAU. Drr Krieg. Die Okkupation von Tripolis durch Italien bringt der jüdischen Bevölkerung dieser türkischen Provinz eine wahre Erlösung. Auf der niedrigsten Stufe der Kultur, zum größten Teil Höhlenbewohner, verachtet von den Berbern, mißhandelt von den Arabern, führen die 20.000 jüdischen Bewohner von Tripolis ein menschenunwürdiges Dasein. Die politische Umwälzung in der Türkei, das parlamentarische Eegime, die jungtürkische Herrschaft haben ihr bitteres Los nicht geändert. Wie ihre Brüder in Marokko führen sie ein Sklavenleben, inmitten eines Milieus, welches für ihre Menschenrechte kein Verständnis besitzt. Die italienische Herrschaft, welche dieses Land der Kultur erschließen und dem modernen Wirtschaftsleben näher bringen wird, bedeutet für die Juden von Tripolis den Beginn einer neuen xVera: der Menschenrechte, der Kultur und der Annährung an das Gfesamtjudentum, dem diese Parias noch ganz fernstehen. Jüdische Freischärler. Wie aus Berlin berichtet wird, sollen sich zionistische Aerzte und Studenten dem türkischen Botsehafter für den Kriegs- und Sanitätsdienst zur Verfügung gestellt haben. Was damit hezweckt wird, ist mir unfaßbar. Sollen die Jungtürken dadurch für den Zionismus gewonnen werden? Wollen die Zionisten am Kriegsfeuer ihre Suppe abkochen? Bedenken die Herren nicht, daß sie sich dabei eher die Finger verbrennen könnten? Bereits im griechisch-türkischen Kriege hat das Zionistische Aktionskomitee der türkischen Kegierung — vier Aerzte zur Verfügung gestellt. Trotzdem wurde die öffentliche Meinung der Türkei für den Zionismus keineswegs günstiger gestimmt. Und jetzt kommt noch in Betracht, daß es sich um einen Krieg gegen Italien handelt, diesem judenfreundlichsten Staate in Europa, dem wir zu Dank verpflichtet sind; daß dieser Krieg hoffentlich den Sturz der Jungtürken herbeiführen wird, die zu den unversöhnlichsten Gegnern des Zionismus gehören. Die jungen Leute, die so abenteuerlüstern sind, werden der jüdischen Volkssache einen besseren Dienst leisten, wenn sie zu Hause bleiben. Die Parlamentswahlen in Kanada. Die Liberalen in Kanada haben bei den letzten Parlamentswahlen eine Niederlage erlitten. Zu ihren Leidtragenden gehören in erster Linie die Juden. Die Demission des langjährigen Premiers, Sir Willfrid Laurier, zu Gunsten eines konservativen Kabinetts wird eine empfindliche Einschränkung der Einwanderung im Wege neuer Pröhihitiv-Gesetze zur Folge haben und davon werden besonders die Juden betroffen sein. Deshalb sind auch die jüdischen Wähler mit Begeisterung für Laurier eingetreten. Der Premier selbst hatte keinen Anstand genommen, m einem großen jüdischen Massen- Meeting zu erscheinen und den jüdischen Bürgern von Kanada seine besondere Sympathie auszudrücken.