Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XIII (1911)
- Issue
- Heft 20 (6.10.1911)
- Date
- 1911-10-06
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 „Neue National-Zeitung" Nr. 20 sogar um etwas den Erdboden. In Tigrena hat man eben einen Synagogenbau beendet, der sich ganz über der Erde erhebt. So habe ich zwei vollständig jüdische Dörfer und zwei unterirdische Niederlassungsgruppen unserer Glaubensgenossen gefunden. Das eine Dorf, unter dem Namen Yehud-Äbbas bekannt, liegt der Wüste, die nach Tripolis führt, am nächsten. Das Dorf zählt in sechs unterirdischen Höfen 240 Einwohner und hat eine Synagoge, deren Dach kaum über den Erdboden ragt. Die Bewohner sind die letzten Ueberlebenden einer vormals zahlreichen, durch Pest aufgeriebenen Bevölkerung. Männer und Frauen stellen einen schönen Typ dar, den die Höhlenluft nicht verderbt hat. In den Höhlen arbeiten alle Juden. In der Jahreszeit, die der Feldarbeit vorausgeht, sind sie Schmiede, dann sind sie Feldarbeiter und während der Brachzeit wandernde Kaufleute, die das ganze Land durchziehen. Viele von ihnen fabrizieren einen Dattelschnaps, die Frauen weben für die Eingeborenen, arbeiten in den Feldern und an den Fruehtbäumen. Manche Juden von Gharian beschäftigen sich überdies mit der Fabrikation von Holzschuhen. Bei der allgemeinen Unwissenheit hat man nur wenige örtliche Ueberlieferungen bewahrt. Die Sehochtim und die Talmud-Tora-Lehrer sind von tiefer Unbildung. In der Talmud-Tora von Beni- Abbas sind 16 Schüler, in der von Tigrena 40. Bemerkenswert ist, daß man in der Synagoge „Piutim" singt, die anderwärts unbekannt sind, und deren Verfasser aus dem Troglodytenlande stammen. Als Nahrung dienen den Höhlenbewohnern Gerstenbrot, Feigen und Datteln. Aus diesen bereiten sie einen Schnaps, dem sie auch selbst nur allzusehr zusprechen. Ihre Lieblingsspeise ist ein aus Gerste und Oel hergestelltes Gemisch, daß sie mit den Fingern, ohne Gabel oder Löffel, zum Munde führen. Fast jeder Judei hat einen Esel, den am Sabbat die Araber ohne weiteres in Anspruch nehmen, indem sie sagen: „Wenn der Jude seinen Tag verliert, so ist das kein Grund, daß das Vieh dasselbe tut." Solche Ungeniertheit findet man nicht bloß bei den Troglodyten. Die überaus fanatischen und faulen arabischen Nachbarn ersparen dieser fleißigen, arbeitsamen Bevölkerung auch sonst nicht Schädigungen aller Art. Die Synagoge, ein altes und verehrtes Heiligtum, wäre beinahe unter dem Vorwand zerstört worden, daß sie einer Moschee zu nahe stehe. Erst der urkundliche Nachweis, daß die Synagoge 500 Jahre vor der Moschee gebaut worden, gab dem türkischen Verwaltungschef die Möglichkeit, die Synagoge zu erhalten. Den größten Kummer bereiteten die Araber dadurch, daß sie den Friedhof beackerten, auf dem die irdischen Reste einer langen Ahnenreihe der Israeliten ruhen. Drei und eine halbe Stunde von Beni Abbas liegt malerisch das Dorf Tigrena, das in etwa zwanzig Höhlen 650 jüdische Einwohner hat. Die wirtschaftlichen Verhältnisse sind hier wie dort die nämlichen, aber die Beziehungen zu den Eingeborenen scheinen mir in Tigrena erträglicher. Das Dorf hat zwei Synagogen, deren eine unter der Erde, und eine Talmud-Tora-Schule, in der däe Kinder fast nichts lernen. Der einzig© des Hebräischen kundige Mann hier ist der Chacham Baschi der tryglodytischen Judenschaft, Rabbi KalifaHadschai. Gleich den Rabbinern des Mittelalters und einer Reihe von Vorfahren übt der Chacham die ärztliche Kunst aus. Kalifa ist ein schöner Mann, der ausgezeichnet hebräisch spricht. Er gab mir eine handschriftliche Sammlung von „Piutim", von denen er einen Teil selbst verfaßt hat. Er ist der wahrhafte Sproß des jüdisch-arabischen Mittelalters, Die wirtschaftliche Lage der Juden im Troglodytengebiet ist überaus unsicher. Die ganze Existenz der Juden hängt von dem guten Willen der arabischen Kundschaft ab. Die Bezahlung der Schmiede und anderen Handwerker besteht in dem geldarmen Lande fast ausschließlich in Naturalien: so und so viel Maß Gerste, Feigen oder Oliven, nach dem Ausfall der Ernte. Selbst Ackerbauer, sieht der Jude, ohne Einspruch zu wagen, wie die arabischen Nachbarn sich der Erstlinge seiner Olivenbäume, des Ertrages seiner Aecker sich bemächtigen, die in der weiten Ausdehnung der muselmanischen Felder sich verlieren. Ein unternehmender Hausierer, der bis nach Fezzan vordringt, ist allen Nachstellungen und Demütigungen ausgesetzt, die die Phantasie des muselmanischen Mittelalters hat ersinnen können. Als türkischer Untertan hat er die Wehrsteuer selbst da zu entrichten, wo die Muselmanen Militärdienste nicht zu'leistsm brauchen und von den Vorteilen der o tto mTa n i s ch e n Justiz und der ottomanischen Gesetze hat er keine Nutznießung. Eine freundschaftliche Intervention bei den aufgeklärten Behörden von Tripolis, um den Juden eine gerechtere Verteilung der Steuern und des Landbesitzes zu sichern, der im Innern niedrigen Preis hat, würde die wirtschaftliche Lage der arbeitsamen Bevölkerung wesentlich bessern, die abermals beweist, bis zu welchem Grade unsere Rasse sich jeder Umgebung und jeder sozialen Lage anzupassen vermag. Was die moralische Lage betrifft, so würde genügen, einen guten Hebräisch-Lehrer zu schicken, der hinreichend zivilisiert ist, um sich mit den Behörden ins Vernehmen setzea zu können. Schon dadurch würde die gesellschaftliche Stellung der Juden im Troglodytenlande sehr gehoben werden. Eine Tagereise trennt Djebel Gharian von Djebel Iffron. Dieses zählt noch drei israelitische Dörfer: El Ksir, El Meanien und Dissir mit einer Gesamtbevölkerung von etwa 2000 Seelen. Wenn die Juden der erstgenannten Provinz Höhlen bewohnen, so suchen die der anderen Provinz auf Berghängen Schutz, wo ihre Wohnungen an die versteckten und schwer zugänglichen Dörfer der Berber erinnern. Diese interessante jüdische Bevölkerung hat ihre Sitten und Ueberlieferungen und sogar eine seltsame Art hebräischen Dialekts bewahrt. Die letzten Ueberlebenden einer zahlreichen jüdischen Bevölkerung, deren zahllosen Spuren man. durch das ganze weite Gebiet des Djebel Nefussi begegnet, stellen die Juden von Iffron einen der schönsten und stattlichsten Menschentypen dar, die zu sehen mir je vergönnt gewesen. Die Frauen besonders, in eine Art gefältelten bunten Tuchs gekleidet, fallen durch die Weiße der Haut, die Schlankheit des Wuchses, die Regelmäßigkeit der Züge auf. Ihre soziale Lage gleicht der der Männer. Wenn die Frau, gleich der Tochter des alten Juda^ Leinen und Gürtel webt, Korn mahlt, so hat sie dafür auch das Recht, an der Seite des Mannes zu