Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XIII (1911)
- Issue
- Heft 19 (22.9.1911)
- Date
- 1911-09-22
- Page
- Seite 10 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 10 „Neue National-Zeitung" Nr. 18 FEUILLETON. ). b. Perez. (Zum sechzigsten Geburtstag.) Vor etwa 30 Jahren gab Schülern Aleichem unter dem Titel „Jüdische Völksbibliothek" jüdische Sammelbücher heraus. In einem dieser Bücher erschien ein größeres Gedicht, das J. L. Perez zum Verfasser hatte. Das Gedicht war formvollendet und gefiel so sehr, daß sich der Dichter Jakob Dienesohn nach dem unb- "kaxmten Verfasser erkundigte. „Der Verfasser ist ein junger Mann in einem polnischen Städtchen," antwortete Schülern Aleichem. Das war nun der Beginn der literarischen Laufbahn von J. L. Perez, dessen 60. Geburtstag jetzt von der jüdisch-literarischen Welt gefeiert wird. Perez veröffentlichte dann noch einige hebräische Gedichte im „Haschacher" und kurze Zeit darauf kam er mit einem Päckchen Manuskripte aus seinem Heimatstädtchen nach Warschau. Seine Freunde druckten ein Erzählungsbüchlein von ihm, aber die Buchhäridlerweigertensich, es zu kaufen, und die 2000 Exemplare mußten verschenkt werden ... Seit dieser 'Zeit hat sich vieles geändert und J. L. Perez ist heute der hervorragendste unter den jargonschreibenden Schriftstellern unserer Zeit. Keiner kennt die kleinen polnischen Judenstädtchen so wie er. Der Ghassid in der „Klaus" oder der Wasserträger in der Kellerstube oder der kleine Händler beim Obststand haben in Perez einen glänzenden Schilderer gefunden. Meisterhaft zeichnet er das seltsame Leben der Ghassidim und wenn so ein Chassid die Wundertaten seines Rabbi erzählt, dann glaubt man ihn vor sich zu sehen. Perez ist ein Meister des Dialogs. Ob er nun einen kranken Knaben oder einen armen Träger sprechen läßt, haben wir immer den Eindruck des Echten. Als Mensch ist Perez ungemein interessant. Er ist auf allen Gebieten des Wissens bewandert. Er hat Naturgeschichte studiert und populäre Artikel über Medizin und Physik geschrieben mit dem einzigen Zwecke, das Volk zu belehren. In der letzten Zeit warf man Perez vor, daß seine letzten Werke schwer verständlich sind. Vi le wissen nicht, was der Dichter in diesen Büchern will. Wenn es auch richtig ist, daß diese Werke nicht für jedermann geschrieben sind, so sind sie doch nicht darum schwerverständlich, weil Perez weit vom Volke lebt und schafft. Es geschah nur darum, weil der Dichter uns noch sehr viel zu sagen hat und es ihm an Zeit fehlt, es gründlich zu sagen. Er fühlt sich wie ein Sterbender, der seinen letzten Willen kundgibt, und aus Angst, daß ihm nicht Zeit bleibt, Alles zu sagen, seine Gedanken in höchster Eile aufs Papier wirft. Da kommt es ihm nicht auf die Form an, und ihn quält nur der Gedanke, ob er nichts an Bedeutung vergessen hat. Perez war immer bestrebt, jüngere Talente anzuerkennen und in die Literatur einzuführen. Reisen, Naumberg, Asch und Weissenberg und viele andere jüdische Schriftsteller haben Perez viel zu danken. Er liest Alles, was in jüdischer Sprache erscheint und auch die hervorragendsten Werke anderer Nationen sind ihm nicht fremd. Perez hat die jüdische Literatur zu dem gemacht, was sie heute ist, und wenn man heute im Jargon künstlerische Werke schafft und vielversprechende Talente in dieser Sprache dichten — so ist es sein Werk. Er ist heute der angesehenste jüdische Schriftsteller, auf den wir stolz sein können. Möge er noch lange schaffen; wir glauben, daß er uns noch viel zu geben hat. Bl. Perez. f. L.'Perez: ©er verwunschene Brunnen. (Schluß.) Nun dreht sich der tolle Spuk! Die Tiere stehen auf dem Rad . . .«ine weiße . . . dann eine schwarze ... weiße . . . schwarze . . . Nicht genug damit, langen sie jetzt an zu miauen! Wie sie zu miauen beginnen, erscheint wie auf einen Ruf der Frosch auf 'der «inen Brunnenseite . . . das schmerzzuckende Haupt des ertninkenen Knaben auf der anderen Seite . . . Weiter kann ich über den schrecklichen Vorgang nichts berichten, denn ich bin in Ohnmacht gefallen. Reb Elieser macht eine kurze Pause, wie wenn er sich von'dem damaligen Schrecken erholen , wollte und fahrt dann fort: Leider kam; es aber noch schlimmer. Bisher hatte der Brunnen nur ein Menschenopfer gefordert, den Knaben. Er hatte sich damit zufrieden gegeben und die Leute in Angst und Schrecken versetzt . . . mit seinem Frosch- und denl^Catzenspuck nicht nur uns, sondern auch die Tiere. Du brauchst nur an die Pferde zu denken! . . . Aber jetzt forderte er auch Menschen!!! Eines schönen Tages sitze ich bei Rabbi Kleinmaus zu Mittag. Dieser gute Mann hatte auch eine Tochter . . . eine Venus war sie zwar nicht . . . wenn ich offen sein soll, war sie sogar häßlich. Dabei war sie ja noch nicht alt. So in die zwanzig wirb! sie wohl gewesen sein. Sie , war sonst ein ganz annehmbares, jüdisches Mädchen. Besondere Fehler hatte feie auch keine . . . höchstens, daß sie kein Geld hätte. Aufrichtige Freunde und auch weniger boshafte Leute