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Neue Nationalzeitung · 1911-09-22 · Heft 19 (22.9.1911) · p. Seite 11

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XIII (1911)
Issue
Heft 19 (22.9.1911)
Date
1911-09-22
Page
Seite 11 (sequence 11)
Language
German
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Nr. 19 „Neue National-Zeitung" Seite 1! meinten, sie würde eine alte Jungfer werden. Das Mädchen war eigentlich zu bedauern. Und der Vater war auch ein braver, frommer Mann, man konnte über ihn nichts sagen . . . Was ist da zu tun? Die Gemeinde hat kein Geld . . . und wenn sie auch geben will, kann sie nicht geben ... Der Rabbi, Ehre seinem Andenken, hatte drei Töchter . . . und was für Töchter! . . . Gerade um diese Zeit hatte unser Städtchen ein eigentümliches Pech: Alle Kinder, die zur Welt kamen, waren Mädchen, lauter Mädchen . . . eine war natürlich älter als die andere. Woher für alle Männer beschaffen? Da kann man ihnen nicht helfen. Man stimmt wenigstens in das allgemeine Gejammer mit ein, da man ihnen ja doch keine Hilfe bringen kann ... Reb Kleinmaus wollte sich schon herablassen. Er verringerte seine Ansprüche. Sein Eidam könnte auch ein Schneider . . . ja sogar ein Schuster sein! Nur einen Eidam wollte er haben . . . Diese Entschlossenheit war eigentlich gar nicht nach dem Geschmacke unserer Kehillah. Denn, das paßte sich doch wirklich nicht, daß der Schwiegersohn unseres Rabbiners ein Schneider oder Schuster war!! . . . Aber was sollte er anderseits machen, da er sich doch keinen Rat wußte, wie er seine Tochter anbringen sollte . . . Und heiraten muß doch ein jüdisches Mädchen! ... Mit einem Male verbreitete sich im Städtchen das Gerücht, der Rabbi hätte gefunden, was er schon so lange suchte . . . Alles öffnete bei dieser „Sensation" Augen und Ohren . . . Ja, eine gute Partie hatte der Rabbi für seine Tochter gefunden. Was e r war? Ein Thorah-Schüler. Kein Witwer oder Geschiedener mit Kindern, o nein, ein junger Mann war es! Wirklich! . . . Und fünfzehnhundert Psalmen hat er auswendig gekannt . . . und was er sonst noch alles kann! Kurz und gut: überall freute man sich über die Glückspartie, die das Mädchen da machen würde. Das ganze Städtchen bringt seine Glückwünsche dar. Ich natürlich auch. Und neugierig, wie ich nun schon einmal bin, will ich wissen, was hinter der ganzen Sache dahinter steckt. Gerade kam nämlich zu der Zeit ein entfernterer Verwandter ins Städtchen, der aus demselben Ort wie der Bräutigam war und den nahm ich mir gleich als Auskunftei her. . . Ja, es war eine ganz anständige Familie, obwohl nicht verschwiegen werden kann, daß der Vater des „Bräutigams" einen Bruder hatte, der sich mit seinem Kopf in einer Schlinge verfangen hatte, aus der man nur herausgelassen wird, wenn man -nicht mehr von dieser Welt ist. . . Da kann ja der Bräutigam nichts dafür . . . und er kann doch fünfzehnhundert Psalmen auswendig! . . Von der mütterlichen Seite weiß man auch nichts besonders Schlechtes! Allerdings liegt eine Schwester von ihr seit ungefähr 20 Jahren irgendwo in einem Spital — sie hat's im Kopf! Die Arme! — Du meinst, das gehört alles nicht hieher? Ah, du willst wissen, ob nicht schon einer in der „Liste der Ausgetretenen" figurierte? .... Nun, das weniger. Aber da hatten sie so einen Taugenichts. Das größte Glück an der Sache war nun, daß er für einige Jahre aus seinem öffentlichen Wirkungskreis verschwunden ist. . . . Ach so, du willst über den Bräutigam recht viel wissen? Das ist wirklich ein Mustermensch! Ein Gelehrter! Ja, und vor lauter Lernen, so vertieft ist er nämlich immer, vergißt er ans Essen, ans Trinken, ans Schlafen ... er lernt nur! Und wenn er auch nicht lernt, so denkt er doch ans Lernen. Er geht immer im Traum umher und hört kaum, was man zu ihm spricht. . . Die Eltern müssen ihm wie einem kleinen Kinde nachlaufen!! Sie behüten und betreuen ihn wie den eignen Augapfel! . . . Denn allein kann man ihn keinen Schritt gehen lassen . . da würde er die Wände heraufkriechen! Da kann ich dir ein Stückchen von ihm erzählen: Eines schönen Tages hat er sich aus dem Hause allein herausgeschlichen. Und wie es schon seine Art ist, geht er, ganz in Gedanken versunken durch dick und dünn immer so weiter, bis er glücklich ganz seelenruhig in den Teich hineinspaziert. . . Er merkt es aber gar nicht, sondern spekuliert und spekuliert. . . . Wenn nicht gerade eine Wäscherin am Teiche gearbeitet hätte, so hätte ihn kein Mensch gehindert,, seine tiefen Meditationen den Wassernixen zu offenbaren. Die Frau schlug Lärm . . und ihr verdankt ihr euren Chosen. Ein ander Mal lernte er eifrig die Seheehitah- Regeln. Zu diesem Zwecke hatte er sich ein großes Messer geschliffen, das er sich beim Schochet eigens ausgeliehen hatte. Das Messer besaß dann eine solche Schärfe, daß uns der Schochet versicherte, er hätte noch nie mit einem so scharfen Messer geschlachtet, nur einmal in 100 Jahren bekäme man ein so scharfes Messer. . . Bevor er das Messer auf seine Güte geprüft hatte, überließ er es seinem Schüler. Der hätte sich bestimmt damit die Zunge durchgeschnitten in seiner Gründlichkeit, wenn die Leute es ihm nicht weggenommen hätten . . . sonst hätte euer Rabbi heute keinen Schwiegersohn! . . . Mein Verwandter im zweiten oder dritten Grade konnte mir noch mit einigen solchen Geschichten aufwarten. . . . Gleichwohl freute ich mich doch, dass Rabbi Kleinmaus einen so thorahtüchtigen, soliden Schwiegersohn bekommt. Und wie ich so bei der Mahlzeit saß, die zu Ehren der Bräutigamseltern angerichtet worden war (ich bin nämlich mif dem Rabbi — allerdings nur im fünften Grade — verwandt), da ließ ich meine Freude in all den guten Sachen, die es da zu essen gab, austoben. . . Der Bräutigam hatte zwar kein bestechendes Exterieur . . . hoch aufgeschossen, blaß, mit großen, verträumten Augen, ein Gesicht, ganz durchgeistigt und auch nicht unsympathisch. . . Man mußte mit ihm Mitleid haben, wenn man ihn anschaute. Er wollte etwas aus der Thorah vortragen und ließ es sich auch nicht zweimal sagen. Und alles war mit ihm zufrieden. Daran knüpfte sich dann ein Disput und da schien er ganz in seinem Element zu sein, er wurde auch ganz heiß dabei. Seinem zukünftigen Schwiegervater, der ganz anderer Meinung als er war, ist er beinahe in den Bart gefahren . . . aber mitten drin brach er den Streit ab und starrte ins Leere ... er hatte sich anscheinend in einen Gedanken verbissen und wollte ihn selbst zu Ende denken. ... Ich bin zwar kein großer Gelehrter in Thorahsachen . . . und als sie zu streiten anfingen, konnte ich ihren Diskussionen nicht einmal folgen, ich merkte aber trotzdem an Prämissen und Konklusionen, daß sie alle der blasse Jüngling schlug und als er seine Ausführungen so abrupt unterbrach,

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