Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XIII (1911)
- Issue
- Heft 19 (22.9.1911)
- Date
- 1911-09-22
- Page
- Seite 8 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 8 „Neue National-Zeitung" Nr. 19 an den Eiwanderungskommissär auf Ellis Island die bisherige Gepflogenheit, von jedem Immigranten die Vorweisung von 25 Dollars zu verlangen, abgeschafft: „Tin Gesetze gibt es keine Bestimmung, daß die einlangenden Immigranten eine bestimmte xGeldsumme vorzuweisen haben. Das muß von Fall zu Pa 1 bestimmt werden. Der Immigrant soll im Besitze jener Summe sein, die zur Erhaltung seiner Person, eventuell seiner Familie, bis er Arbeit erlangt, dienen würde. Der weiterreisende Immigrant muß sich über den Besitz eines Fahrbillets bis zum Bestimmungsorte respektive über den Besitz des Fahrpreises ausweisen." Diese neueste Interpretation ist trotzdem nicht so günstig, wie es den Anschein hätte. Die Beamten haben es in der Hand, ganz nach Willkür die Höhe der nachzuweisenden Geldsumme zu bestimmen. * * Ein Zirkulär der JCA. Die Jewish Colonization Association hat an 140 Eabbiner in Kußland nachstehendes Zirkular versendet: „Euer Ehrwürden! In der Gemeinde, an deren Spitze Euer Ehrwürden als Seelsorger stehen, befindet sich zweifellos gleichfalls eine große Zahl der bedauernswerten Glaubensgenossen,- welche infolge des Existenzkampfes, der täglich mit immer größerer Erbitterung geführt werden muß, sich gezwungen sehen, ihre "heimatliche Scholle zu verlassen, zum Wanderstab zu greifen, um in überseeischen Ländern ihr trockenes Brot für sich und die ihrigen sich mühsam zu verdienen. Diese Aermsten der Armen, welche auf ihrer Wanderschaft auf die Frage: Wohin? nur ein Achselzucken haben, fallen nicht selten in die Hände von skrupellosen Agenten, "welche ihnen den letzten Sparpfennig wegnehmen und sie dann dem nackten Elend preisgeben. Um diesem unsagbares Unheil stiftenden Uebel abzuhelfen, hat die jüdische Kolonisationsgesellschaft (JCA} in mehreren Städten Informationsbureaux errichtet, mit der Bestimmung, allen Glaubensgenossen, die genötigt sind, in überseeischen Ländern eine neue Heimat zu suchen, mit gutem Bat an die Hand zu gehen. Zu demselben Zwecke ist auch unsere Monatsschrift „Der jüdische Emigrant" ins Leben gerufen worden. Dies unser Bestreben wird besonders fördernd unterstützt werden, wenn ihm auch von der Kanzel herab das Wort geredet werden wird. Wir richten daher an Euer Ehrwürden unseren warmen Appell, zu den kommenden hohen Feiertagen in den Festespredigten auch unserer Institution Erwähnung zu tun und der Tempelgemeinde unsere Informationsbureaux wärmstens zu empfehlen." * * Die Behandlung jüdischer Emigranten auf den Schiffen des Norddeutschen Lloyd. Aus Kiew wird der „K J. K." berichtet: Infolge der vielen Klagen jüdischer Auswanderer über schlechte Behandlung auf den Schiffen des Norddeutschen Lloyds hatte die Verwaltung der Jüdischen Emigrationsgesellsehaft in Kiew eine Beschwerdeschrift an die Direktion der genannten Schiffahrtsgesellschaft gerichtet. In dem Sehreiben war u. a. betont, daß die Einigrationsgesellsehaft, falls ihre Forderungen betreffs einer korrekten, menschenwürdigen Behandlung der jüdischen Zwischendeckpassagiere nicht erfüllt werden sollten, genötigt wäre, die Beförderung der nach Galveston bestimmten Auswanderer auf den Schiffen mittelst einer anderen Gesellschaft zu bewerkstelligen. Daraufhin erhielt der Vorstand der Emigrationsgesellschaft von der Direktion des Lloyd die Mitteilung, daß eine auf dem Dampfer „Hannover" eingeleitete strenge Untersuchung die Berechtigung einer Reihe von Klagen ergeben hat, die seitens der jüdischen Passagiere dieses Schiffes erhoben worden waren. Demzufolge sei der erste Offizier der „Hannover" entlassen und der zweite Offizier strafversetzt worden. Die schuldigen Matrosen und Schiffsdiener würden streng bestraft werden. Auch der Kapitän der „Hannover", der für das Verhalten der Schiffmannschaft verantwortlich sei, habe eine nachdrückliche Verwarnung erhalten. Die Direktion des Nordd. Lloyd spricht schließlich ihre Ueberzen^ung aus, daß die getroffenen strengen Maßnahmen zu den gewünschten Eesultaten nicht nur auf dem Dampfer „Hannover", sondern auch auf den andern Schiffen des Nordd. Lloyd führen werden. SPRECnSd/lL. Ein „Jubiläumsgeschenk" für den Herrn Kultuspräsidenten. Geehrter Herr Kedakteur! Ich bitte Sie, mir zu gestatten, nachstehenden Vorfall in Ihrem werten Blatte zur öffentlichen Kenntnis zu bringen. Einen Kommentar halte ich wohl für überflüssig. In den Blättern wurde anläßlich des Jubiläums des Herrn Präsidenten Dr. Stern auch verlauthart, daß ihm die Kultusgemeindebeamten einen Becher als Geschenk überreichten Glauben Sie, daß es aus eigener Initiative geschah? Dazu haben wir keine Mittel. Wir haben gegenüber Herrn Dr. Stern auch keine Verpflichtung. Wiederholte Eingaben, die wir ihm wegen Bewilligung einer Teuerungszulage überreichten, hat er einfach in den Papierkorb geworfen und nicht einmal einer Antwort gewürdigt. Ein Geschenk hat er aber von uns angenommen, und zwar aus unserem H i 1 f s f o n d s, den wir uns zusammensparten. Hievon hätten wir 1500 K hergeben sollen, doch als wir uns dagegen wehrten, genügten auch 500 a. Mußten denn wir arme Beamte dem . Mülion.är.(>- einen kostbaren Becher überreichen? Hätte' eine"* Adresse/' cäiFAlbum oder dgl. nicht gentigt? Hochachtungsvoll Ein Gemeindebeamter im Namen Vieler. Deutsches Reich. Die Ausweisungen polnischer Juden in München. München. Die hiesige Polizei ist plötzlich gegenüber den polnischen Juden sehr empfindlich geworden und weist sie aus. Bei der Ausweisung galizischjüdischer Familien handelt es sich nicht um Hausiererfamilien, sondern um die Inhaber von vier Wäschegeschäften und eine Anzahl Reisender derselben. Öhnö zu untersuchen, wie weit der Vorwurf unreellen Geschäftsgebarens, der den Ausgewiesenen gemacht wird, gerechtfertigt ist, kann man getrost behaupten, daß ihre Hauptschuld — wenn nicht ihre einzige — eben die ist, daß sie polnische Juden sind. Vorläufig haben annähernd 20 P-amiii'liien einen Ausweisbefehl erhalten, und es ist noch nicht abzusehen, wie viele jüdische Familien brotlos werden, wenn die vier, teils recht bedeutenden Geschäfte der Ausgewiesenen aufgelöst werden müssen. Tief beschämend ist die Haltung eines Teiles der „eingeborenen" bayerischen Juden, die ihrer Genugtuung über die Ausweisung der „Pollaken" unverhohlen Ausdruck geben. Charakteristisch in dieser Beziehung ist insbesondere die Haltung des in Regensburg erscheinenden israelitischen Familienblattes „L a u b h ü 11 e", das eine haßerfüllte Notiz des berüchtigten Antisesmitenblättes