Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XIII (1911)
- Issue
- Heft 19 (22.9.1911)
- Date
- 1911-09-22
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 1.9 „Neue National-Zeitung" Seite 5 Autokraten, den Lueger in der Seitenstettengasse genannt hat, so wird man nicht bestreiten können, daß Dr. Stern ein Charakter ist. Die letzte Wahl des Dr. Stern in den Kultusvorstand, bei der er die knappe Majorität von 59 Stimmen erhielt, während beispielsweise auf einen den weitesten Kreisen unbekannten Emanuel Hoffmann 230 Stimmen über die absolute Majorität entfallen sind, würde schon an und für sich am besten beweisen, wie weit es mit der „Popularität" des Herrn Dr. Stern her ist. Nichtsdestoweniger halte ich es für meine Pflicht, als Mitglied der Wiener Kultusgemeinde, gegenüber dem geradezu Ekel erregenden Weihrauch, den gewisse Leute ihrem Brotgeber streuen, um die große Oeffentlichkeit zu verwirren, hier die Person des Dr. Stern und seine verhängnisvolle öffentliche Tätigkeit an der Hand von Tatsachen zu illustrieren und überlasse das Urteil darüber der unvoreingenommenen jüdischen Oeffentlichkeit. Hat man schon vergessen, welche eigentümliche Rolle Dr. Stern anläßlich der Hetzrede des Rabbiners David gegen die polnischen Juden gespielt hat? Wie Dr. Stern seine schützenölen Fittiche über Dr. David ausgebreitet hat und wie er der in dieser Angelegenheit bei ihm erschienenen Deputation unter Führung des Dr. Birnbaum die Türe wies? Ist nicht Dr. Stern der Schöpfer jener Maßregel, daß nur diejenigen das Wahlrecht ausüben dürfen, welche die Kultussteuer für das laufende Jahr bereits bis zum Wahltermine bezahlt' haben, so daß von 25.000 Kultussteuerzahlern kaum 10.000, und gerade nur die Höherbesteuerten ihr Wahlrecht ausüben dürfen? Ein Artikelschreiber, und zwar der bei den letzten Wahlen durch Protektion des Dr. Stern gewählte, einst radikaloppositionelle Dr. Schreiber hat es in seiner servilen Gesinnung dem Dr. Stern auch als Verdienst angerechnet, daß er der Erfinder der Kurie der Höherbesteuerten war, jener Kurie, welcher als Ausfluß kapitalistischen und plutokratischen Geistes in keiner jüdischen Gemeinde der Welt, sondern nur in Wien zu finden ist. Dr. Stern hat sich jedoch gegen dieses „Verdienst" in der jüngst erschienenen Numer seines Leibblattes gewehrt, wahrscheinlich deswegen, weil qr seinen Namen doch nicht mit einer reaktionären, volksfeindlichen Maßregel verbunden wissen will. Allein derselbe Dr. Stern ist der ärgste Gegner der Erweiterung des Wahlrechtes in der Kultusgemeinde. Ich erinere mich ganz genau, wie Dr. Stern schon vor 12 Jahren in einer jüdischen Vereinsversamlung die sophistische Phrase gebrauchte, daß man eine obligatorische 10 Kronen-Steuer nicht einführen könne, weil Leute, die keine 20 Kronen Steuer zahlen können, nicht besteuert werden sollen. An diesem Argument halt Dr. Stern auch noch heute fest. Im offiziellen Wahlaufrufe des Jahres 1908 wurde die Erweiterung des Wahlrechtes in Aussicht gestellt. Im vorigen Jahre haben nicht nur die offiziellen Kandidaten in den Wählerversammlungen, sondern auch der neugewählte Kultusvorsteher Df. Samuely im Namen seiner Freunde anläßlich der ersten öffentlichen Vorstandssitzung nach den Wählen versichert, daß sie für eine Erweiterung des Wahlrechtes eintreten werden. Trotzdem wurde das Wahlrecht nicht erweitert, weil es Dr. Stern nicht will. Denn der „gefeierte" Kultuspräsident weiß, daß das erweiterte Wahlrecht in erster Linie seinen Sturz herbeiführen würde. Die 59 Stimmen Majorität wird der Präsident beim erweiterten Wahlrechte schwerlich bekommen. Dr. Stern hat anläßlich seines Jubiläums angekündigt, daß er die Errichtung eines großen Zentral- Tempels in der Inneren Stadt anstrebe. Das glaube ich ihm aufs Wort. Dr. Stern ist für alles, was ihm Reklame macht — nur darf es ihm nichts kosten. Der neue Tempel erfordert mindestens zwei Millionen Kronen. Die Gemeinde hat kein Geld. Es müssen also die Mittel im Wege einer Sammlung aufgebracht werden. Da würde man ja glauben, daß Dr. Stern selbst mit dem besten Beispiele vorangehen wird, daß er anläßlich seines Jubiläums die Sammlung für einen Zentral- Tempel, den er ja ins Leben rufen will, selbst mit einer Spende eröffnet. Doch davon will Dr. Stern nichts hören. Er will bauen, um seinen Namen in der Tempel-Vorhalle zu verewigen. Das Geld aber sollen die anderen hergeben. Wie würde beispielsweise Dr. Stern als liberaler Gemeinderat wettern, wenn antisemitische Gemeinderäte oder deren Verwandte kommunale Lieferungen bekämen? Aber unter seinem Regime ist es in der Kultusgemeinde üblich, daß Kultusvorsteher oder deren nahe Verwandle zu Lfeferanten bestellt werden. Das hat natürlich zur Folge, daß die Beamten sich nicht trauen, die oft sehr mangelhaften Lieferungen zu beanständen. Wo ist die starke Hand, über die seine Lobhudler so sadistisch in Zuckungen geraten? Öerr Dr. Stern mag sich in seinen Blättern von Soldschreibern oder Strebern feiern lassen; für die jüdische Bevölkerung Ist es ganz gleichgültig, ob er 80 oder 90 Jahre alt wurde. Die Bevölkerung wünscht, daß er recht bald einem Nachfolger seinen Platz überlasse, der für die Armen ein Herz, und wenn er reich wäre, auch eine offene Hand hätte, der mehr Volksmann wäre und der in der Zeit, wo die obersten Schichten immer mehr aus den jüdischen Reihen davonlaufen, auch den Minderbesitzenden ein Recht einräumen würde, ihre Kultusrepräsentanten mitzuwählen. Ein solcher Mann würde sich im Herzen der jüdischen Bevölkerung ein Denkmal setzen und er hätte es nicht notwendig, sich durch den Bau eines prunkvollen Tempels seinen Namen zu sichern. J. Turoff (Berlin): f)ie jüdische Emigration nach Nordamerika. (Aus dem Jahresbrericht der JCA pro 1910) Die Emigration nach Kanada. Die Zahl der jüdischen Immigranten in Kanada, die im Vorjahre infolge der ökonomischen Krisis von 8700 auf 2600 zurückgegeangen war, ist im Berichtsjahre wieder auf 5213 gestiegen. Seit zwei Jahren nehmen jedoch die Einwanderungsbehörden eine feindselige Haltung gegen die jüdischen Einwanderer ein. Nicht genug, daß sie von ihnen den Vorweis von 25 Dollars im Sommer und 50 im Winter verlangen, sie haben mehrfach die Unverschämtheit gehabt, die Juden auf gleiche Stufe mit den Chinesen (!) zu stellen und sie als „uner-