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Neue Nationalzeitung · 1911-09-22 · Heft 19 (22.9.1911) · p. Seite 4

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XIII (1911)
Issue
Heft 19 (22.9.1911)
Date
1911-09-22
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 „Neue National-Zeitung" Nr. 19 Bevölkerung verantwortlicli und hetzen zu Pogroms auf; die liberalen und jüdischen Blätter stöbern seinen Stammbaum durch und beweisen, daß bereits sein Großvater getauft war, sein Vater allerdings wieder Jude geworden sei, der Attentäter aber selbst dem Judentum fern gestanden ist. Die Babbiner wetteifern in der Verurteilung der Tat und suchen durch Beileids- und Entrüstungs-Telegramme die aufgepeitschten Wogen der öffentlichen Meinung zu beruhigen — das offizielle Kußland erklärt, Pogrome nicht aufkommen zu lassen. Trotzdem ist Bagrows Stammbaum für die Juden Kußlands zum Sehreckgespenst geworden. Die Blutsgemeinschaft mit ihm bringt die Juden in Gefahr, mit ihrem Blute das Attentat zu sühnen. Das System Stolypin. In der furchtbaren Geschichte des jüdischen Martyriums gebührt dem System des soeben ermordeten Judenpeinigers ein eigenes Blatt. Jedes Zeitalter der Geschichte kennt eine andere Art der Judenverfolgungen. Einst wurden sie den wilden Tieren hingeworfen, dann auf dem Seheiterhaufen verbrannt oder von der Inquisition zu Tode gemartert. Die letzten Dezennien haben in einigen Staaten — Rußland voran — ein neues System der Judenverfolgungen gezeitigt. Die Juden werden überfallen, geplündert, getötet — über Geheiß der Regierung. Die Huligans werden verurteilt und dann vom Zaren begnadigt. Mit diesem System hat Stolypin aufgeräumt. Es war ihm zu — langsam. Gegen Millionen Juden war es ungenügend. Und der Vertrauensmann des Zaren ersann neue Mittel, um die Juden zu peinigen, ihnen das Leben' zu verbittern und nur das nackte Leben zu lassen. Er wandelte Städte in Dörfer um und ließ die Juden von dort vertreiben; die Prozentnorm in den Schulen dehnte er aus auf Externisten und Absolventen auswärtiger Schulen; er verjagte die Juden von den Märkten, wo sie seit jeher ihr karges Brot verdienten; er erfand das diabolische Mittel der Nationalisierung des Handels, um die Juden in ihrem Hauptberufe unmöglich zu machen; seine Anregung war es, daß die russische Reichsbank den Juden keinen Kredit gewähre; auf seine Initiative ist die Schmähschrift über die Juden im Getreidehandel zurückzuführen. Seine letzte Tat war die Aufforderung an die russischen Komitees der IOA, entweder die Emigration der Juden energisch zu betreiben oder zu — liquidieren. Stolypin wollte keine Pogroms, die seinen Ruf in Europa komprommittieren könnten. Sein System war sicherer und traf die großen Massen in ihrer Lebensexistenz. Darum, was immer kommen mag, werden die Juden Rußlands den Tod des Premierministers mit Gleichmut zu ertragen wissen, in der Hoffnung, daß mit seinem Tode auch sein grausames System ein Ende nehmen wird. Der deutsche Anwaltstag hat sich mit großer Majorität wider die Einführung des numerus clausus ausgesprochen. Er wäre nicht bloß eine Gefahr für die Freiheit der Berufswahl und eine unverdiente Zurücksetzung der fähigsten Elemente, sondern würde in der Folge eine antisemitische Zuchtrute wider das „Ueberhandnehmen der Juden in der Advokatie" bilden. Recht drastisch aber sehr zutreffend klang der Vorschlag eines Sprechers, die Juristenknäblein nach ägyptischem Vorbilde zu ertränken, aber nicht nur die jüdischen, sondern auch die christlichen. Die Debatte und der Beschluß des deutschen Anwaltstages verdienen auch in Oesterreich besondere Aufmerksamkeit. Trotzdem die jüdischen Advokaten en masse, wie nirgends, die Flucht aus dem Judentum ergreifen, nimmt der Perzentsatz der Juden in der Advokatie — da man ihnen die anderen Gebiete der juristischen Betätigung verschließt — immer mehr zu und damit die Klage über die Verjudung der Advokatie. Es fehlt auch bei uns, selbst in den Reihen des Barreaus, nicht an unberufenen Aposteln, die das Heil des numerus clausus verkünden; bewußt oder unbewußt wollen sie damit den jüdischen Juristen ihren letzten selbständigen Beruf entreißen. Denn vom numerus clausus bis zur Ernennung — dem Zustande vor dem Jahre 1868 — ist nur ein Sehritt. Der Beschluß des deutschen Anwaltstages hat diesen Plänen des Standesselbstmordes hoffentlich auch bei uns ein Ende bereitet. Der fievr ^ultuspräsident. Von einer hervorragenden Persönlichkeit, die in der jüdischen Gesellschaft Wiens großes Ansehen genießt, erhalten wir nachstehende Zeilen: Von den Bergen zurückgekehrt, wo ich nicht nur ferne den Geschäften, sondern auch dem Durcheinander der politischen Ereignisse und den ihnen auf dem Fuße folgenden Preßerzeugnissen (ohne Unterschied der von ihnen vertretenen Interessen) lebte, bin ich nun gezwungen, um als vollwertiger Zeitgenosse! zu gelten und wieder auf dem Laufenden sein zu können, die verstaubten Zeitungsstösse wieder durchzustöbern. - In unserer lieben Kultusgemeinde, wo es ja das ganze Jahr ohne Emotionen zugeht — es sind ja nur abgeklärte Herren dabei — hat sich ja auch im Laufe der Sommerszeit nichts ereignet, was die Gemeinde als solche besonders interessieren, oder sonst aus ihrer apathischen Ruhe bringen könnte. Die Feier, welche dem Herrn Dr. Alfred Stern von seinen Vorstandskollegen, den hiezu kommandierten Beamten und einigen Vereinsmaiern mit Zuhilfenahme einiger Soldschreiber veranstaltet wurde, hat ja doch die große jüdische Oeffentlichkeit ganz kalt gelassen. Diesem Umstände dürfte es wahrscheinlich zuzuschreiben sein, daß auch Dir Blatt, welches ja allen Grund hätte, die verhängnisvolle Tätigkeit des Dr. Stern in der Gemeinde bei dieser Gelegenheit zu beleuchten, nur eine Notiz darüber gebracht hat, die den berüchtigten Geiz und den mangelnden Wohltätigkeitssinn des Herrn Kultus- Präsidenten ins rechte Licht stellt. Allein, verzeihen Sie, wenn ich nicht ganz Ihrer Ansicht bin und mir vielmehr erlauben werde, mich etwas näher mit der Person des Präsidenten zu beschäftigen, den sein Leibschmock in Artikeln des In- und Auslandes als das Vorbild eines opferwilligen, verdienstvollen jüdischen Politikers und Volksmannes darzustellen bemüht war. Wir hoffen, damit der öffentlichen Aufklärung und der geschichtlichen Wahrheit zu dienen. Was waren doch die Vorgänger des Herrn Dr. Stern für Stümper? Keinem von ihnen ist es eingefallen, sich einen Mann aus öffentlichen Mitteln als Leibsekretär beizulegen, damit er urbi et orbi sein Lob verkünde. Zieht man noch in Betracht, daß derselbe Herr noch vor einigen Jahren den Dr. Stern in Zeitungsartikeln heftig angegriffen, ihn einen

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