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Neue Nationalzeitung · 1911-09-22 · Heft 19 (22.9.1911) · p. Seite 3

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XIII (1911)
Issue
Heft 19 (22.9.1911)
Date
1911-09-22
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 19 „Neue National-Zeitung" Seite 3 diesem Betrachte wird uns das Scherifenreich etwas näher gerückt. Unduldsamkeit: In diesem Zeichen leben noch auch unsere Volksgenossen Deutschlands und wir müssen weder nach Persien aoch nach Afrika gehen. Uns kann es ja gleichgültig sein, ob die Söhne deutscher Millionäre den Offiziersrock tragen können oder nicht. Aber schmählich ist es doch, daß die berüchtigten Debatten über die jüdischen Reserveoffiziere im deutschen Reichstag© noch immer abgehalten werden mußten. Was die Besetzung von Staatsbeamtenstellen in Deutschland anlangt, soferne sie Juden betrifft, so können wir darauf hinweisen, daß es sogar mit Oesterreich sich messen kann, was viel sagen will. Der Rest ist — Taufe. Von diesem Allheilmittel wird natürlich in Berlin ebenso wie in Wien reichlich Gebrauch gemacht. Taufe und Minderzahl der Geburten beschäftigen schon einige gelehrte und phantasiereiche Köpfe, die vom nahenden Untergange des Judentums in Westeuropa sprechen und diesen statistisch beweisen wollen. Immerhin eine zum Nachdenken Anlaß gebende, nicht sehr erfreuliche und aussichtsreiche Tatsache. In Frankreich, mit seiner übrigens sehr geringen jüdischjen Bevölkerung, steht, es nicht besser. Die jüdische Religion fristet in dem Lande der großen Revolution, das vollständige Trennung des Staates von der Kirche durchführte, ein krisenhaftes Dasein, an dem man den hippokratischen Zug erkennt. Daran wurde auch durch den Finanzminister im gewesenen Ministerium Briand, Lucien Klotz, einen Elsässer, nichts geändert. Ueberall dieselbe Erscheinung. Auch der große Erfinder des Heilmittels „Salvarsan", der geheime Obermedizinalrat Professor Paul Ehrlich in Frankfurt, der sich stolz als Jude bekennt, konnte es nicht bewirken, daß sein Schwager Dr. Weigert Professor an der Berliner Universität werde, wenn er Jude bliebe. In der Stadt, in welcher der Wohltäter der Menschheit, Prof. Ehrlich, lebt, sollte von einem Privaten, Herrn Schiff, eine Universität erichtet werden, wenn — ja wenn auch Juden an ihr Anstellung fänden. Man hat diese Wahlbedingungen abgelehnt. „Die Geschlechter geben, aber die Erde bleibt ewiglich und die Beschränktheit auf ihr stirbt nicht aus." Vergeblich, mit dem Vorurteil und der Dummheit zu kämpfen. Also wird die Geburtsstadt Goethes keine Universität, aber auch keine jüdischen Professoren besitzen. Italie'n r&hmt sich weiter seines mutigen römischen Bürgermeisters aus jüdischem Stamme, des Herrn Ernesto Nathan, den die Wiener Christlichsozialen in ihrer Art beschimpften, sie, die sich weigerten, dem großen Tolstoi einen Nachruf im Parlamente halten zu lassen. Nathan und Tolstoi und Pattai, die Wahl kann nicht schwer werden. Die jüngste Republik Europas, Portugal, •besitzt eine kleine jüdische Gemeinde, aber eine ruhmvolle jüdische Geschichte. Die 1200 Juden Portugals sind am Sturze des famosen Königs Manuel sicherlich nicht schuld, obgleich wir uns nicht wundern würden, etwas dergleichen in den antisemitischen Blättern Deutschlands oder Österreichs zu lesen. Die Juden müssen ja an allem schuld sein. Und doch war der Spanier Ferrer kein Jude. Dafür war Vicente Ferrer zur Zeit des Papstes Benedikt XIII., der einen getauften Juden zum Leibarzte hatte, <ein eifriger -Judenfresser. , Die spanischen und portugiesischen Juden, die einstens in die Türkei wanderten, haben hier ihre Sprache, Geistesart, auch ihre Namen wohl bewahrt, gewiß ein Zeichen dankbaren Gedenkens an die Länder, in denen sie einst so mächtig blühten. Die Türkei ist den Juden zur zweiten Heimat geworden, wenn sich auch das jungtürkische Element mit dem zionistischen Gedanken nicht befreunden will. Was die Zukunft Palästinas, des Landes der Väter birgt, wer kann es aussprechen? Aber mit der Pflege der hebräischen Sprache allein, für die sich die Ussischklin und Levin auf dem jüngsten Kongresse so begeistert einsetzten, wird man der jüdischen Einwanderung nach Palästina gewiß nicht allein aufhelfen. Da wandern sie schon lieber nach Amerika, besonders nach den Vereinigten Staaten, deren Präsident, Taft, die jüdischen Einwanderer in einer Rede als ausgezeichnete Bürger begrüßte, für die er seine Bewunderung ausdrücken müsse. Und Australien, mit seinen 20.000 Juden folgt getreulich den Spuren des Freisinns der Vereinigten Staaten. Juden sind hier im Gemeinde- und politischen Leben hervorragend tätig, wirken auch in den Parlamenten, und wandern fleißig in diesen Erdteil ein. Fassen wir zusammen: Neben mancher freundlichen Erscheinung im Leben des Judentums zeigt uns manche unerfreuliche Tatsache, daß auch im verflossenen Jahre der Hamanismus mächtig sein Haupt gegen uns erhob. Wir dürfen aber unsere Flinte nicht ins Korn werfen und müssen unser Pulver trocken halten. „Schreibe uns ein ins Buch des Lebens", so beten wir am Rosch Haschanah-Tage. Entwickeln wir unser Judentum zu einem lebensfähigen Volkstum und unsere Religion zu einer solchen, die das Leben nicht zu scheuen hat mit seinen wechselvollen Erscheinungen. Wir blicken auf eine große Vergangenheit zurück, aber vergessen wir der Gegenwart nicht, die drängend an unsere Türen pocht und sorgen wir für die Zukunft vor. Geschlechter gingen, aber Geschlechter werden kommen, und für diese haben wir zu kämpfen. Geben wir uns nicht selber auf. Und unerschütterlich laßt uns einen Glauben bewahren, den auf den Sieg der Gerechtigkeit. Dieser Gedanke beseele uns am „Tage des Gerichts". POLITISCHE RUNDSQH/W. Stolypin — ermordet. Das Schicksal Plehwes hat auch Stolypin erreicht. Im Besitze der Regierungsgewalt, ein Vertrauensmann des Zaren, der Herr der Duma, ist er von der Waffe des Revolutionärs niedergestreckt worden, weil aus den Strömen Blutes, in denen er jede freie politische Regung zu ertränken suchte, ein Rächer erstanden ist. War es ein bloßer Zufall, daß dieser Rächer jüdischer Abkunft war, der Enkel eines bekannten jüdischen Schriftstellers, der sich taufen ließ, und eines "Vaters, der wieder zum Judentum zurückkehrte? . . . Bagrows Stammbaum. Die Frage nach der Konfession des Attentäters Bagrow beschäftigt daher auch lebhaft die russische Presse. Je nach ihrer Parteizugehörigkeit ziehen sie daraus ihre Schlüsse. Die Huligan-Blätter machen für das Attentat die ganze jüdische

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