Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XIII (1911)
- Issue
- Heft 19 (22.9.1911)
- Date
- 1911-09-22
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 Neue National-Zeitung" Nr. 19 kommen, Worte, die der unparteiisch sein sollende „Sprecher" des Hauses, der zu seinen christlichsozialen Parteigenossen versammelte Pattai ruhig anhörte, und denen er sogar beifällig zunickte, erscheint uns nicht so ganz unmöglich, wenn wir hören, was im Lande Bacons geschieht. Für uns ist das Unwahrscheinliche Ereignis geworden. Und so überschreiten wir mit sehr gemischten Gefühlen die Schwelle des neuen Jahres, ängstlich uns fragend, ob die Zeiten des „bösen Verhängnisses" denn noch immer nicht für uns vorüber sind. Geschlechter gehen, Geschlechter kommen. Die Christi ich sozialen Wiens haben die Wahrheit dieser Worte am 12. Juni und noch mehr eine Woche darauf, in ihrer ganzen zermalmenden Wahrheit erfahren. Das waren furchtbare Gerichtstage für eine Partei, die sich als Volkspartei bezeichnete und die doch nur im krassen Egoismus einem Gotte diente, der von einem ihrer Genossen als der „Gott Nimm" bezeichnet wurde. Die Junitage des verflossenen Jahres offenbarten uns die große Tragödie einer schrecklichen Götzendämmerung, einer furchtbaren Abrechnung mit Leuten, die sich zur schwindelhaften Höhe emporgerungen und die nun rasselnd ins alte Eisen stürzten. Und dies hat mit seiner inappelabeln Macht der Stimmzettel bewirkt. Die deutschen Nationalverbändler zogen an Stelle des gegangenen christlichsozialen Geschlechtes in die Hallen unseres Parlamentes ein. Eine andere Bezeichnung für dieselbe! Sache, können wir Juden wehmütig sagen. Die Freiheit dieser neuen Männer ist nicht die, welche wir meinen. Die blutigen Opfer von Drohobycz, das in dieser galizischen Stadt vergossene Blut, schreit zum Himmel und von den deutschen Freiheitsmännern fand sich niemand, der mit dem Mute der Wahrheit, mit der Tapferkeit der Ueberzeugung dafür eingetreten wäre, dies unschuldige Blut als Ankläger zu bezeichnen für ein verrottetes System, das viel Unheil, namentlich über die Juden Galiziens gebracht hat. Ueber das Elend dieser Aermsten der Armen zu sprechen, hieße die berühmten Eulen nach Athen tragen. Es wurde aber doch viel darüber gesprochen, verhandelt, diskutiert und disputiert. Die Ueberklugen setzten sich an den grünen Tisch. Das nennt man im Jargon des Jahrhunderts: Enqueten veranstalten. Eine derartige Enquete gleicht einem ärztlichen Konsilium. Da liegt der arme Kranke, sieht dem Tode bange ins Auge und die Hochgelehrten beraten, bis der Arme stirbt. Der alte Geschichtsschreiber hat dies mit den Worten ausgedrückt. Während Sagunt untergeht, beraten sie zu Rom. Sagunt — das sind die galizischen Juden, und die römische Beratung — das ist die be—rühmte Enquete. Ihre Beratungen bildeten für den gewesenen Ministerpräsidenten — Minister gehen, Minister kommen — schätzbares Material. Was sonst noch von unserem Oesterreich zu sagen wäre? Der Ausgleich der Tschechen und Deutschen ist noch immer nicht zustande gekommen, die Teuerung führt zu blutigen Exzessen, wir haben noch keine Wehrreform, der jüdische Gemeindebund besteht wirklich noch, hat aber noch kein Lebenszeichen von sich gegeben, wie demnach jeder Einsichtige sieht, können wir noch immer auf eine schönere Zukunft warten. Es ist uns zu hoffen gestattet Die Weissagung des Herrn tschechisch-national-katholischen Mysliwetz ging allerdings nicht in Erfüllung. Aber, werter Herr Mysliwetz, für die Unterdrückung der Nationalitäten in Ungarn sind wir wirklich nicht verantwortlich zu machen. Das tun dort die Herren auf eigene Faust und aus eigener Machtvollkommenheit. Die Herren Magyaren verstehen sich darauf vortrefflich, und die magyarischen Juden, die sich in ihrer Schwärmerei für das Land Arpads nicht zu fassen wissen, müssen erst durch ganz fühlbare Nasenstieber antisemitischen Kalibers, zu denen auch die so beliebten Judenausweisungen gehören, darauf aufmerksam gemacht werden, daß für die Juden, auch im Lande der Zigeunerliebe, der Puszta, des Tokayers und der Melonen, etwas faul ist. Wir Oesterreicher aber können uns noch längere Zeit und am Anblicke des Froschmäusekrieges im ungarischen Parlamente, genannt Debatte über die Wehrreform, erfreuen, und stille, aber nicht vergnügliche Gesichter machen, wenn der edle, ritterliche magyarische Bruder den Bissen Fleisch und das Stückchen Brot uns verteuert. Es geht nichts über den mongolischen Edelmut. Der mongolische Blutstropfen machte sich natürlich auch in R u ß 1 a n d in diesem Jahre wieder fühlbar. Ueberflüssig, dies hervorzuheben. — Peinigungen, Verfolgungen, Ausweisungen von Juden, sollen wir diese bereits zur Alltäglichkeit gewordenen Erscheinungen wieder anführen? Wie heißt es in dem alten jüdischen Sündenbekenntnisse: Die Zeit würde vergehen, sie aber noch immer nicht zu Ende sein. Immer dieselben Punkte in dem rollenden Rade des jüdischen Martyriums in Rußland. — Stolypin, sein Name sagte alles. Die Reichsduma, das Volksparlament, was bedeutet es? Ein weiter Mantel ist, es, der den diabolisch waltenden Absolutismus der alten Zaren- Allgewalt nicht zu verhüllen vermag. Der diesen Despotismus bekämpfte, der gegen „die Macht der Finsternis" mit dem Mute eines Giganten anstürmte,, der Uebermensch Leo Tolstoi — er ist nicht mehr. Auch er hat der Natur ihren Tribut gezollt. Trauernd mit allen gebildeten Menschen standen wir an dem Sarge dieses einzigen Menschen, der Menschenliebe verkündete — im Zeitalter der Dreadnoughts. Da starren sie alle in Waffen, die mächtigen Staaten Europas, und geben der Zivilisation den prächtigen Anblick, wie man wegen Marokkos, mit einem unseligen Kriege drohen kann. Das Scherifenreich besitzt sicherlich viele unbehobene Schätze. Daß aber dieses Land des wildesten Fanatismus Deutschland und Frankreich gegeneinander aufzuhetzen vermag, zeigt, daß Tolstoi seine Werke wirklich vergeblich geschrieben hat. Es sind schöne Worte, die Urchristentum und Menschenverbrüderung verkünden, aber doch nur Worte, Worte, Worte. Und Geschäft bleibt Geschäft. Die Machtsphäre hat sich wieder einmal mächtiger erwiesen — als Tolstoi und christliche Liebe. — Die freundlichen, nachsichtigen Leser dieser unserer unmaßgeblichen, nachdenklichen Betrachtungen mögen nicht befürchten, djaß wir sie! mit Marokko belästigen werden. Das tun die Zeitungen viel gründlicher. Aber wäre es nicht schrecklich, wenn dieses Land des abscheulichsten Fanatismus wegen seiner Gold-, Kupfer- und anderer Schätze Veranlassung zu einem Weltkriege gebe? Zu einem Kriege zunächst zwischen Deutschland und Frankreich. Einst war Fez, Marokkos Hauptstadt, der Sitz der höchsten jüdischen Gelehrsamkeit, welche einen Alfassi hervorbrachte; heute schmachten unsere Völksgenossen in diesem Lande unter dem Drucke barbarischer Unduldsamkeit. In