Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XIII (1911)
- Issue
- Heft 19 (22.9.1911)
- Date
- 1911-09-22
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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NSÜ5 tfCiONßL-ZElDUNG XIIL JAHRGANG. WIEN, 22. SEPTEMBER 1911. Nr. 19. Rosch-Haschanah-Betrachtungen. Rückschau auf das Jahr 5671. Von Professor Dr. M. Grünfeld. Einem rollenden Rade gleicht die Zeit, das stets dieselben Punkte zum Vorschein bringt. Welches Volk könnte, wenn wir seine Geschichte betrachten, diesen Satz mehr bestätigen als unser israelitisches? Immer, seit Aegypten bis auf unsere Tage, dieselbe Kette von Anfechtungen, Verfolgungen, Kämpfen und Siegen. Seit den Zeiten des Hamanschen Pogroms oder des Versuches, einen solchen im Reiche des damaligen Schahs zu veranstalten, bis auf die Tage Plehwes, unseligen Angedenkens, und die Stolypins, des gewesenen Machthabers im Lande der Reußen, immer dieselbe Kette furchtbarer Erscheinungen, unter denen eine geknechtete Volksmasse zu dulden hat. Geschlechter gingen, Geschlechter werden kommen, für uns hat die Erde, auf der wir wohnen, immer dieselbe Gestalt behalten. Die Erscheinungen mögen wechseln, das Ding an sich bleibt, also können wir uns mit Kant ausdrücken. Um dieselbe Zeit etwa, in welcher der Zionisten- Kongreß in Basel tagte, der „Jubiläums-Kongreß", der so wenig mit den Ideen Herzls übereinstimmte, wie dessen General- Gewaltige mit Herzl selbst, hören wir wieder von ganz ausgewachsenen Juden-Verfolgungen, diesmal zur Abwechslung in England. Man traut seinen Augen und Ohren nicht. Nennt diese englischen Pogroms „Riots", es ist dieselbe Erscheinung wie in Rußland, eine andere Bezeichnung für dieselbe Sache. Die Erscheinung mag wechseln, es bleibt doch die alte Sache. Seit dem Ende des 13. Jahrhunderts war das große Britenreich den Juden verschlossen. Wir wollen hier nicht historische Forschungen darüber anstellen, ob es zur Zeit Elisabeths und Shakespeares Juden in England gab und dem großen Dramatiker ein Leibarzt der Königin als Modell diente, da er seine gewaltige Dichtung vom Kampfe ums Recht schrieb. Der große Manasse ben Israel bahnte die Ansiedelung der Juden in England an, seine Saat entwickelte sich zur fruchtreichen Ernte. Macaulay und neben ihm andere Große, stritten für das Recht der Juden, Sitz und Stimme im Parlamente zu erhalten, 1858 zog der erste Jude, Sir Lyonel Rothschild, in dieses ein, und jetzt, 1911, im Lande Shaftesburys, Byrons, Disraelis Judenverfolgungen, ein Jahr nach dem Tode des Judenfreundes Eduards des VII., kaum nachdem sein Sohn unter altehrwürdiger, prunkvoller Prachtentfaltung gekrönt worden. Wird man da noch das Wort von den freien Bürgern im freien Staate England gebrauchen können? Tredegar wird in der Geschichte' der Judenverfolgungen einen ebenso schwarzen Punkt bilden, wie Kiew in der der russischen. Mögen noch im letzten Lebensjahre des verstorbenen Königs Juden, wie Sir Rufus Isaacs, der Neffe des ehemaligen Lord-Mayors, Sir Mathew Nathan, Herbert Samuel, Edwin Montagu und andere zu hohen, höchsten Aemtern berufen worden sein, was sich in den letzten Augusttagen in den Grafschaften von Wales ereignete, beweist, daß für uns die Geschichte immer dieselben Erscheinungen aufweist, wir dem Mob aller Länder preisgegeben sind, wenn es gewissenlosen Hetzern gelingt, ihn gegen uns aufzustacheln. Was der famose österreichische Abgeordnete Wenzel Mysliwetz mit tönenden Worten verkündete, auch in Oesterreich könne es zu Pogroms