Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XIII (1911)
- Issue
- Heft 18 (8.9.1911)
- Date
- 1911-09-08
- Page
- Seite 7 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 18 „Neue National-Zeittmg" Seite 7 werden gewissenhaft beobachtet, und für die große Masse des "Volkes ist die Religion der einzige moralische Halt. Die talmudisch-juristischen Studien, für die Fez ehemals so berühmt gewesen ist, haben heute vollständig aufgehört. Die Jeschiboth sind nach der Eeihe aus Mangel an Schülern eingegangen. Früher hatten unsere Glaubensgenossen sieh durch ihre geistige Eegsamkeit auf diesem Gebiete ausgezeichnet; unter der jüngeren Generation findet man aber keine Leute mehr, die den Talmud verstehen — mit Ausnahme der Rabbinersöhne, die sich ebenfalls für das Rabbineramt vorbereiten. Der einzige Ort, an dem öffentlich der Talmud gelehrt wird, ist Ihre Knabenschule. Dieser geistige Niedergang ist besonders bei einem Volk zu beklagen, das sieh durch lebhafte Intelligenz auszeichnet und das mit Recht auf seine großen Gelehrten und Schriftsteller früherer Zeiten stolz ist. Noch tiefer ist die Umwandlung des religiösen Gefühls zu bedauern, das seinen Ausdruck in groben abergläubischen Formeln, im Wunderglauben und im Glauben an übernatürliche Kräfte der, „Zaddikim" findet und dem Kultus des Avahren Gottesglaubens den Platz streitig macht. Die Allianceschule in Fez besteht bereits seit 27 Jahren; viele Generationen sind in ihr unterrichtet und erzogen worden, und doch muß leider festgestellt werden, daß der von uns erteilte Unterricht den jungen Leuten keinen praktischen Nutzen gebracht hat. Außer für ein halbes Dutzend Beamte bedeutet das an unserer Schule erworbene Wissen keinen Broterwerb. Alle diese Generationen, unter denen sich tüchtige und vielversprechende junge Leute befanden, haben es nicht zuwege gebracht, die wirtschaftliehe Lage des Mellah zu verändern. Welche anderen Erfolge haben die Schulen in Tetuan und in Bagdad aufzuweisen? In Fez hat es den Juden bisher an der nötigen Energie gefehlt, ' üm! sich aus ihrem Elend und den hergebrachten Gewohnheiten aufzuraffen. Sie haben nicht einmal versucht, sich auf einen höheren Grad des Wohlstandes zu bringen. Die Gemeinde von Tetuan hatte sich in viel schwierigerer Lage befunden, bevor die Kühnheit, der Unternehmungsgeist und die Zähigkeit ihrer jungen Leute sie nach und nach zu ihrem gegenwärtigen Wohlstand gehoben haben. Was die Tetuaner hauptsächlich durch Auswanderung erreicht haben, haben die jungen Leute in Fez nicht versuchen wollen; sie selbst hatten nicht des Mut, die Heimat zu verlassen, und niemand hat es verstanden, sie in dieser Richtung zu beeinflussen. Durch die Initiative der Alliance war der Versuch einer Auswanderung nach dem Senegal gemacht worden, nach dem Scheitern dieses Versuches war keine Lust dazu vorhanden. Die frühen Heiraten legten den jungen Männern eine Kette an, die sie an die Heimat festschmiedete. Es ist ein trauriges Schauspiel, wie diese mit guter Schulbildung versehene und für den Kampf ums Leben wohl vorbereitete jüdische Jugend durch die traurigen Zustände zum Müßiggang verurteilt ist, geistig und körperlich verkommt und aufs neue von allen Vorurteilen und Irrtümern beschmutzt wird, von denen die Schule sie mit so großer Mühe befreit hat. Wenn der Jüngling nach beendetem Elementarunterricht aus unserer Schule abgeht, muß für ihn eine Lebensfrage entschieden werden, die nicht leicht zu beantworten ist. Was soll er anfangen, um sich zu beschäftigen und seinen Lebensunterhalt zu verdienen? Zum Auswandern fehlt ihm entweder der Mut, oder die Eltern versagen ihm die Erlaubnis. Wird er eine kaufmännische Stellung finden? Nein; der Großhandel liegt hier in den Händen der Mohammedaner und diese stellen keine Juden an. Soll er ein Handwerk erlernen? Die einzigen im Mellah ausgeübten Gewerbe sind die Goldschmiede- und die Graveurkunst, Stickerei und Sehnfiiderei^ aber sind so überfüllt und die Konkurrenz ist so groß, daß man dabei sieh nicht mehr ernähren kann. Schmiede, Mosaikarbeiter, Sattler, Weber, Färber usw. sind gutbezahlte Arbeiter, aber diese Berufe werden wiederum nur von Mohammedanern ausgeübt, die keine jüdischen Lehrlinge zulassen; vielfach ist hier auch bereits das Genossenschaftssystem in Betrieb. Unserem jungen Mann stehen also nur die niedrigsten Gewerbe offen. Sind die Eltern wohlhabend, so kann er ein kleines Spezereigeschäft aufmachen oder die Märkte der Vororte und die eingeborenen Stämme besuchen, um dort die landwirtschaftlichen Produkte einzuhandeln oder Kleinigkeiten zu verkaufen. Die wirtschaftliche Entwicklung, die sich in Marokko durch den Zuzug europäischer Einwanderer vorbereitet, hat, wie ich schon vorher berichtet, einen wirksamen Einfluß auf unsere Jugend gehabt. Sie hat das Gefühl, daß sie jetzt auf einem weiteren und günstigeren Gebiete wird arbeiten können, und wir dürfen mit Zuversicht erwarten, daß die geistigen Fähigkeiten Ihrer Schüler bald ein geeignetes Feld finden, und daß die hiesigen Israeliten in wenigen Jahren die Früchte Ihrer Opferwilligkeit ernten werden. Zum X. Zionistenkongress. Los von Herzl. Der in unserem Blatte eingenommene Standpunkt, daß der letzte Kongreß den politischen Zionismus begraben hat, daß nunmehr die von Herzl so energisch abgelehnte „Infiltration" und „Klein-Kolonisation" platzgreifen und an Stelle des politischen der „Kultur"-Zionismus hebräischer Berufs-Schriftsteller und hebraisierender Dilettanten tritt, daß mit einem Worte die von Herzl und Nordau heftig bekämpfte „evolutionäre" Richtung Achad-Haams in den Vordergrund tritt — diese Anschauung durchdringt immer mehr selbst die zionistische Presse, so weit sie nicht von den 70.000 Mark Preßfond ihren Teil bezieht In mehreren zionistischen Blättern wurde vor dem Kongresse sehr viel propagiert ein „Zurück zu Herzl". Am Kongreß aber wurde Friede geschlossen, und der Preis dieses Friedens war das Endergebnis: Los von Herzl. * Der Achaähaamismns. Das jiddische Tagblatt „Unser Leben" in Warschau bringt diese Anschauung sehr deutlich zum Ausdruck: „Noch einer war unter den Triumphierenden, unter den Zufriedenen, oder unter den — Glücklichen. Er erklärt offen, daß der Sieg der russischen Delegierten sein Sieg ist. Zum ersten Mal war Achad- Haam am Zionfetenkongreß vor 14 Jahren, als Herzl die Delegierten des Diaspora zum ersten Mal um sich versammelte. Alle waren begeistert, gerührt, nur Achad-Haam blieb kalt, nüchtern. Er hat den ersten Kongreß voll Unzufriedenheit verlassen. Seitdem hat er alle Kongresse ängstlich gemieden . . . Und nun hat er entdeckt, daß der Geist Herzls erlischt, daß die Traditionen des großen Führers vergessen, daß seine Tafeln zertrümmert sind — er erscheint plötzlich am Kongreß. Am Jubiläums- Kongreß! Ist das nicht ein deutliches Wahrzeichen, daß der Zionismus gestorben — und der Achadhaamismus lebt!