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Neue Nationalzeitung · 1911-09-08 · Heft 18 (8.9.1911) · p. Seite 6

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XIII (1911)
Issue
Heft 18 (8.9.1911)
Date
1911-09-08
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
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Seite 6 „IReat Naiaongl-Zeitung" Nr. T8 seines Herzens; von allen Seiten schüttelte man* uns die Hände, was der Hindu niemals tut. Inzwischen war es finstere Nacht geworden; wir bestiegen unseren „Pusch-Pusch", den drei Moplahs vorwärts trieben, und fuhren langsam zum Hafen zurück. In der langen Judengasse brannte vor jedem Hause in einer Nische eine Sabbatkerze; in den erleuchteten Wohnungen aber sahen wir die Familien um die Abendmahlzeit versammelt — wieder ein Zeichen, daß' diese Leute, so schwarz sie auch sein mochten, dennoch der alten Sitte treu geblieben waren; denn der Hindu kennt keine gemeinsame Familienmahlzeit, sondern speist mit den größeren Söhnen ohne Frau und Töchter. f)as Judenvierfel von Fez. *) Der im Südosten der Stadt Fez gelegene Hell ah gehört zu dem neuen „Fez und Djedid" benannten Stadtteil. Er ist von allen Seiten von einem hohen Mauergürtel eingeschlossen, der ihn vom Araberviertel trennt und ihn nach der Landseite gegen die Ueberfälle der benachbarten Kabylen schützt. Als einzigen Ausgang nach außen hat der Mellah ein massives Tor, das von einem Pikett bewaffneter Soldaten bewacht wird; nach Sonnenuntergang wird das Tor geschlossen und die Einwohner bleiben auf diese Weise eingesperrt. Der Mellah befindet sich in der nächsten Nachbarschaft und unter dem unmittelbaren Schutz des Souveräns. Das Palais des Sultans, dessen Befestigungen die aufsäßige und unruhige Bevölkerung der Stadt beherrschen und in Schach halten, hält seit über dreihundert Jahren die furchtsame und ehrerbietige jüdische Einwohnerschaft unter seinem Schute. Diese wird direkt von einem mit entsprechender Vollmacht ausgestatteten Pascha beherrscht, der den Titel Seheikh-el-Jahud führt und die jüdische Gemeinde bei den öffentlichen Behörden verfritt. An ihn wendet man sich, wenn eine Abgabe für den Maghzen erhoben wird, wenn eine allgemeine Bekanntmachung an die jüdische Gemeinde übermittelt, oder wenn ein Individuum verhaftet werden soll, gegen das ein Strafverfahren schwebt. Zu den Amtsgeschäften dieses Scheikhs gehört auch die Aufrechterhaltung der Ordnung im Judenviertel, die Polizeigewalt, die Aufsieht über die guten Sitten der Einwohner. An großen mohammedanischen Festtagen, bei der Hochzeit des Sultans oder der Geburt eines Prinzen bringt eine vom Scheikh geleitete und von ihm vorgestellte jüdische Deputation dem Sultan die Glückwünsche und die üblichen Geschenke der jüdischen Gemeinde dar. Das Innere des Mellah und die in den engen, schmutzigen Straßen herumwimmelnden, zerlumpten Männer und Frauen ist kein erfreulicher Anblick. Der reiche Muselmann, der eingesessene Bürger von Fez setzt nie den Fuß in das von ihm verachtete und verpönte Judenviertel; der *) Die internationalen politischen Verwickelungen, welche durch den Wettbewerb der führenden europäischen Mächte um die Einflußsphäre in Marokko heraufbeschworen wuTden, lassen in uns die Hoffnung rege werden, daß endlich auch unseren unglücklichen Stammesbrüdern in diesem Lande ein menschenwürdiges Dasein winkt. Von diesem Gesichtspunkte müssen wir die weitere Entwicklung der marokkanischen Weltkrise mit dem größten Interesse verfolgen und wünschen, daß dort der europäische Einfluß in der Form einer Souveränität zustande komme. Nur dann kann sich die schreckliche Lage unserer Brüder zum besseren äudern. Dem soeben erschienenen Jahresberichte der Alliance Israelite Universelle für das Jahr 1910 entnehmen wir obige Schilderung des Judenviertels in der Hauptstadt von Marokko, welche Herr El in äi eh, Direktor der Allianceschule in Fez, als Bericht nach Paris geschickt hat. Die Redaktion. Fremde, der es zum ersten Male betritt, empfindet eine Mischung von. Trauer und Ekel vor dem Schauspiel, das sieh, seinen Blicken bietet: enge, überwölbte Straßen ohne Licht und Luft; vom Schmutz der Jahrhunderte geschwärzte Mauern; an den Straßenecken zusammengeworfene Schmutzhaufen, über die man stolpert; schwere und kaum zu atmende Luft, die von unnennbaren Gerüchen erfüllt ist. ©ie sich in dieser Umgebung bewegende und hier arbeitende Bevölkerung macht auch keinen erfrischenderen Eindruck. Die Gesichter sehen blaß und leidend aus, die Körper sind schlecht gebaut Und bewegen sich ungeschickt, da& vollständige Fehlen jeder Hygiene drückt die Leute zu Boden, deren Intelligenz übrigens eine ziemlich rege ist. Man fragt sich;, welcher Herkules wohl diesen Augiasstall zu reinigen imstande -wäre, und welches Wunder der Zivilisation dieses Volk wieder zu heben, es körperlich und sittlich zu gesünderer Lebensweise führen und es wieder zu selbstbewußten, menschenwürdigen Wesen umzugestalten vermochte. Am Sabbat und an den Festtagen sieht es im Mellah weniger abstoßend aus, denn am vorhergehenden Tag ist der Versuch der Eeinigung gemacht worden. Die ganze Woche hindurch tragen die Männer nur schwarze Kleidung, ein Ueberbleibsel aus den Tagen der Sklaverei und1 der Erniedrigung; an den Pesttagen aber ziehen sie Gewänder von den verschiedensten bunten Farben an — hellgrün, hellblau, lachsfarben — die aus feinen Woll- oder Seidenstoffen gefertigt sind. Wenn der Anblick dieser Kleider etwas freundlicher wirkt, so ist doeh der Eindruck der Verweichlichung, den Farbe, Schnitt und Verwendung der Kleidung machen, um so angenehmer. . . . Das~ größte Lob, das man Ihren Schulen erteilen darf, besteht darin, daß sie zur Verminderung der vorzeitigen Heiraten beigetragen haben. Die jungen Leute, die unsere Schulen absolviert haben, treten jetzt mit dem genauen Bewußtsein ihrer künftigen Pflichten und Verantwortlichkeiten ins praktische Leben ein; sie haben eine höhere Bildung als ihre Umgebung und verstehen jetzt, den Heiratsplänen ihrer Angehörigen energischen Widerstand zu leisten; sie empfinden ehrliche Scham vor zu früher Heirat mit unreifen Mädchen. Auch die Mädchenschule hat großen Anteil an dieser Wandlung. Die persönliche, unermüdliche Tätigkeit Ihrer Lehrerin, die ihren Einfluß in den Familien geltend machte, und die wohltätigen Folgen des Unterrichts haben zahlreiche halbwüchsige Mädchen vor den unnatürlichen frühen Ehen bewahrt. Sie können sieh kaum vorstellen, wieviel Gutes sie dieser jüdischen Bevölkerung von Fez erweisen, nicht nur durch Schulen als solche, sondern aueh durch den hiesigen Aufenthalt des weiblichen Lehrpersonals. Sie leben in enger Verbindung mit dem Mellah und liefern den Familienmüttern der Gemeinde ein gutes Vorbild. Ueber tausend Einzelheiten wird die Sehulvorsteherin von ihnen um Eat gefragt, sie muß in Hygiene- und Toilettenfragen, in Wirtschaftsführung, Kinderpflege und Erziehung den unkultivierten Frauen mit Eat und Tat beistehen. Der Mädchenschule in Fez wird es in hervorragendem Maße zu verdanken sein, daß die Gemeinde eines Tages zu gesunderen Sitten zurückkehrt, wenn es vielleicht auch noch bis zu der Zeit dauert, da die Schülerinnen von heute Frauen und Mütter geworden sind. In diesem Bewußtsein müssen Sie den besten Lohn und die beste Eeehtfertigung für die Opfer finden, die Ihnen die Erziehung der jüdischen Frau im Fez auferlegt. In Fez ist das religiöse Leben der Juden so weit ausgebildet, wie kaum an anderen Orten. Der dritte Teil des Lebens eines hiesigen Juden wird auf Gebete und fromme Uebungen verwendet. Alle religiösen Vorschriften

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