Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XIII (1911)
- Issue
- Heft 18 (8.9.1911)
- Date
- 1911-09-08
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 18 Neue National-Zeitung" Seite 5 schlechte Luft und ohrenbetäubender Lärm. Hindus aller Kasten, vornehmlich der niederen, Moplahs, reiche, hellfarbige Parsis, Eurasier aller Schattierungen, die Nachkommen der Portugiesen und Holländer, drängten sich durcheinander. Auffallend war die große Anzahl von Elefantiasiskranken, die ihre unförmig geschwollenen Beine schwerfällig vorwärts bewegten. Ich zählte in fünf Minuten zwölf Männer und zwei Frauen: einer der Männer, dessen krankes Bein dreimal dicker war als das gesunde, schleppte nichtsdestoweniger 50 Pfund schwere Eisenstangen vom Schiffe zum Zollamte! Schließlich gelangten wir zu der jüdischen Kolonie, die am Ende der Stadt ein eigenes Viertel bewohnt und sich in weiße und schwarze Juden teilt. Die „schwarzen Juden" zeigen in ihrem Typus eine wunderliche Mischung von jüdischen und indischen, das heißt vorzugsweise dravidischen Rassemerkmalen und muten in ihrer dunklen Haut höchst eigentümlich an, Schriftliche Aufzeichnungen über Zeit und Ursache ihrer Einwanderung existieren nicht. Die Tradition, die ihren Ursprung auf die ins Exil geschleppten zehn Stämme Israels zurückführt, wird meist angefochten. Meines Erachtens jedoch ohne zureichenden Grund. Denn schon die Ansiedlung der weißen Juden an der Malabarküste — nicht in Kotschin, sondern der nördlich davon gelegenen Stadt Kraganor, die später zerstört worden ist — reicht urkundlich weit in das erste christliche Jahrtausend zurück und ist wahrscheinlich nach der Zerstörung Jerusalems durch Titus erfolgt. Diese weisen Auswanderer haben sich aber trotz der langen Zeit und blutiger Verfolgungen rein weiß erhalten, und es ist kaum anzunehmen, daß sie die schwarzen Glaubensgenossen in ihrer Nachbarschaft geduldet haben würden, wenn diese aus Abtrünnigen aus ihrer eigenen Mitte hervorgegangen wären. Vielmehr müssen die schwarzen Stammesgenossen ältere Rechte gehabt haben, und es erscheint mir wahrscheinlich, daß ihre Vermischung in einer frühen Zeit stattfand, wo die Juden sich noch nicht so streng von anderen Völkern absonderten. Auch der Umstand, daß die schwarzen Stämme von jeher wenig Gesetzeskenntnis und nur wenige heilige Schriften besessen haben, sondern von Zeit zu Zeit durch die weißen Brüder mit heiligen Schriften versehen worden sind, spricht für eine sehr frühe Einwanderung. Bekanntlich vermischte sich auch der aus dem ersten Exil nach Samaria zurückkehrende Teil der zehn Stämme mit den dortigen heidnischen Einwohnern und wurde deswegen von den nach Jerusalem zurückkehrenden rein gebliebenen Juden verachtet. Aehnlich wird es sich auch mit den von Assyrien durch ganz Asien nach Afghanistan, China und Indien weitergewanderten Familien verhalten haben. Wir durchfuhren langsam das ganze lange Ghetto — nebenbei bemerkt, die bei weitem reinlichste von allen Straßen der Stadt — und sahen zuerst die weißen, darauf die schwarzen Juden. Im weißen Quartier erinnerten die oft mehrstöckigen, unmittelbar an der Straße liegenden und eng aneinander gebauten Häuser eher an mittelländische als an indische Städte. Da es Samstag war, schaute alles in Feiertagskleidern zum Fenster heraus. Wir sahen prächtige Typen; ein Künstler würde hier herrliche Studien machen können. Besonders lieblich waren die rassig geschnittenen, zarthäutigen Gesichter der Kinder, und unter den älteren Männern gab es Patriarchengestalten von ungemein ehrwürdigem Aussehen. Von allen Seiten grüßte man uns, nickte und winkte uns freundlich zu. „Saläm! Saläm!" rief es uns aus Kindermund entgegen, und auf unseren Gegengruß folgte fröhliches Lachen. Es bettelte niemand. Vor der Synagoge der Weißen standen Männer, die uns freundlich aufforderten, einzutreten. Aber unsere Zeit war leider zu knapp; wir dankten daher höflich und wandten uns dem Quartier der Schwarzen zu. Auch hier ein unaufhörliches Rufen, Grüßen und Winken, bis wir am äußersten Ende des Viertels vor der Synagoge der Schwarzen anlangten. Bereitwilligst ließ man uns eintreten, und bald umstand uns eine Schar von alten und jungen Männern in Feiertagskleidern, über dem langen Obergewande eine kurze Weste von bunten Farben, einzelne von kostbarem Stoff. Das war nicht indische, sondern syrische, palästinensische Tracht; und dabei die braune Haut, die Sprache der Malayalen oder auch gebrochenes Tamulisch und einzelne englische Brocken — es war eine seltsame Versammlung! Die geräumige Synagoge war außen und innen einfach; in der Mitte war der erhöhte, von einem hohen Geländer umfriedigte Standort des Vorbeters, von der Decke hingen große und kleine Kronleuchter herab, deren Lichter während des Gottesdienstes nach und nach angezündet wurden. Der Gottesdienst begann, als wir noch im Gespräch begriffen waren, mit dem ungleichmäßigen Einsetzen eines Gesanges, der ohne die geringste Pause fast eine Viertelstunde währte und von Alt und Jung kräftig mitgesungen wurde. Dann betrat der Lehrer die Kanzel und betete vor, wobei die Gemeinde von Zeit zu Zeit einfiel oder doch mindestens ein „Amen" rief. Auch die Wehklage fehlte nicht, wurde vielmehr durch lautes Schluchzen und lebhafte Gesten zum Ausdruck gebracht. Dann erhoben sich alle, stellten sich so auf, daß ihre Gesichter dem Heiligtum zugewandt waren, und begannen ein stilles Gebet, das ebenfalls eine Viertelstunde dauern mochte. Darauf setzte man sich wieder, und es wurde nun ein Lied gesungen, dessen Singweise der des Eingangsliedes sehr unähnlich war und unserem europäischen Ohr gar nicht so fremd klang. Ein frischer, fröhlicher Rhythmus trug die gefällige Melodie; aus dem Text fiel uns außer dem Halleluja besonders ein oft wiederkehrendes „Eliahu" auf. Dann folgte eine lange Gebetsliturgie, bei der die Gemeinde die einzelnen Bitten des Lehrers mit zahllosen Amen bekräftigte, dann wieder ein langer, im Ton dem Eingangsliede ähnelnder, etwas unordentlicher Gesang, und damit war der Gottesdienst zu Ende, Musikinstrumente waren nicht gebraucht worden. Leider fehlte es uns an Zeit, um nach dem Gottesdienste noch die heiligen Schriften einzusehen. Eine Chroniktafel, die an der Wand hiner, war jungen Datums und gab — in hebräischer Quadratschrift ohne Punktation — über die Gründung der Synagoge Auskunft. Als die Leute sahen, daß wir des Hebräischen kundig waren, war ihre Freude groß. Von einem Neuen Testament wußten sie nichts: von Christus, seinem Auftreten, hatten diese halbblütigen Abkömmlinge der zehn Stämme keine Kenntnis. Als wir Abschied nahmen, holte uns ein alter Mann aus dem Garten hinter der Svnagof^e Mvrtenzweige, die er im Scheine einer Laterne abschnitt — ein rührendes Zeichen für die Freude