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Neue Nationalzeitung · 1911-09-08 · Heft 18 (8.9.1911) · p. Seite 4

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XIII (1911)
Issue
Heft 18 (8.9.1911)
Date
1911-09-08
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 „Neue National-Zeitung" Nr. 18 ihre Disziplin, ihren Mut usw. Und die Stäbe bemühen sich, den ihnen bekannten Intentionen des Generalstabes entgegenzukommen. Auch nach Oesterreich reichen die Eecherchen des russischen Generalstabes. Der Militär-Attache der russischen Botschaft in Wien hat sich an den unseren Lesern aus der Mitarbeiterschaft in unserem Blatte bekannten Militärschriftsteller Moriz Frühling mit dem Ersuchen gewendet, ihm eine statistische Zusammenstellung der in der österreichischen Armee dienenden jüdischen Offiziere und Soldaten auszuarbeiten. Diesem Wunsche hat Herr Frühling auch entsprochen. Wir empfehlen dem russischen Generalstab das sorgfältigste Studium dieser Statistik. Die stattliche Anzahl jüdischer Generale, Eegiments-Kommandanten und Stabsoffiziere, die ihnen im Kriege und Frieden verliehenen Dekorationen, sind ein historischer Beweis, daß jüdische Offiziere ihrem Staate treuer und aufopferungsvoller dienen, als in gewissen Staaten christliche Offiziere. Dr. Alfred Stern als Jubilar Der Präsident der Wiener Kultusgemeinde Dr. Alfred Stern hat seinen 80. Geburtstag zum Anlasse genommen, um sich in einer Weise feiern zu lassen, wie es vor ihm noch kein Kultuspräsident getan hat. Der I. Sekretär der Kultusgemeinde und der Ex-Sekretär des eingegangenen Gemeindebundes waren die Regisseure. Neben dem Kultusvorstand sind zahlreiche rituelle und humanitäre Vereine ausgerückt, um mit Ansprachen, Adressen und Geschenken den Jubilar zu feiern. In den von der Gemeinde subventionierten Zeitungen und in den liberalen Blättern, die er nie für jüdische Angelegenheiten in Anspruch nahm, haben ihm servile Geister Weihrauch gestreut und seine mikroskopischen Leistungen seit der Zeit, da er sich, mit irdischen Gütern saturiert, auf sein Judentum besonnen hat, zu „Verdiensten" hinaufgeschraubt. Wir wollen dem 80jährigen Mann die Freude nicht stören. Allein ein Moment mag hervorgehoben werden, weil es für die Verhältnisse in der Wiener Judengemeinde typisch und daher von allgemeiner Bedeutung ist. Der Kultuspräsident trieft bei jeder Gelegenheit von Bibelphrasen. Er kennt also auch gewiß das höchste jüdische Gebot: die Zedakah, das Wohltun. Sie ist Pflicht eines jeden Juden; um so mehr, wenn er Kultuspräsident, also Führer und Vorbild der Gemeinde ist, um so mehr, wenn er Millionär ist. Dr. Stern ist eben beides. Er ist noch ein drittes: er ist ledig und hat für Niemanden zu sorgen. Und dieser Mann war bisher geizig, hartherzig; er ist es geblieben bis in das hohe Alter, da man sonst durch Wohltaten seinen Namen vor Vergessenheit zu schützen sucht. Man wird den Namen Dr. Stern vergebens in den Stiftungslisten aller jener Vereine suchen, die zu ihm nach Baden gepilgert sind; die Stiftungsliste der Kultusgemeinde weist uur einen Betrag von 20.400 Kronen auf, die Dr. Stern anläßlich des Todes seines Bruders Julius im Jahre 1902 aus dessen Vermögen hergegeben hat, um neben dem Namen des Bruders auch selbst figurieren zu können. Anläßlich seines letzten Jubiläums hat der Millionär und Kultuspräsident, dem die Vorsehung ein hohes Alter geschenkt hat, für die Armen nichts übrig. .. Wen es nicht anwidert, diesen Mann zu feiern, der ist eben reif — Präsident der Wiener Kultusgemeinde zu werden. Dr. Hermann v. Staden: Bei den schwarzen Juden'' in Indien. Unter den Nationen, die sich im Laufe der Geschichte, sei es als Eroberer, sei es, um Handel zu treiben oder eine Zuflucht zu suchen, auf der Halbinsel Vorderindien niedergelassen haben, sind auch die Juden vertreten. Die bedeutendste ihrer Niederlassungen, die von Kotschin an der südlichen Malaberküste, ist noch besonders merkwürdig dadurch, daß ein Teil dieser Juden schwarz ist, daß heißt dunkelhäutig wie die Hindus. Ich lernte dieses wunderliche1 Völkchen, dessen historischer Ursprung in Dunkel gehüllt ist, gelegentlich eines Ausfluges kennen, den ich in der Gesellschaft eines deutschen Missionärs unternahm. Dieser in Coimbatore ansässiger Herr hatte sich zu einer Audienz bei dem Divan (Minister) des Radjahs von Kotschin in Ernakulam, der Hauptstadt dieses Eingeborenenstaates, angesagt und mich aufgefordert, ihn zu begleiten, was ich um so dankbarer annahm, als der Missionär infolge seines zehnjährigen Aufenthaltes in Indien und seiner Kenntnis von Land und Leuten ein vortrefflicher Führer war. An einem köstlichen Jännermorgen brachen wir von Coimbatore auf und fuhren zunächst auf der Bahnlinie, die Madras mit Calicut verbindet, westwärts bis Schoranur. Hier mieteten wir, da die zur Aufschließung des Kotschinlandes erbaute Kleinbahn noch nicht eröffnet war, zwei Ochsenbandis, gelangten nach einer herrlichen Fahrt durch blühendes, dichtbevölkertes Land abends nach der Stadt Tritschur, wo wir im Europäerrasthause ein Bad nahmen, uns durch unseren Boy ein Abendbrot bereiten ließen und frische Bandis mieteten. Mit diesen fuhren wir in unglaublich langsamem Tempo die ganze Nacht hindurch, bis wir morgens 7 Uhr an dem Schiffsanlegeplatz Karuwe ipattanam eintrafen. Hier endete die Landreise, und an ihre Stelle trat eine Bootfahrt auf der Lagune, die diesen Teil der Malabarküste begleitet. Das Fahrzeug, dem wir uns anvertrauten, war zehn bis zwölf Meter lang, aber nur ein Meter breit und von einem niedrigen, halbrunden, geflochtenen Dache überwölbt, das sich in der Mitte auseinanderschieben ließ. Auf dem hohen, geschweiften Schiffsschnabel saß ein prachtvoll gefärbter Königsfischer von derselben Art, die sich auch bei uns an Flüssen und Seen findet, und ging auf Fischfang aus. Unbekümmert um uns Menschen äugte er scharf aufs Wasser, fuhr blitzschnell hinab und schwang sich mit dem erhaschten Fischlein wieder auf seinen Sitz, wo er es in Gemütsruhe verschlang. Nach elfstündiger Fahrt landeten wir aibends 7 Uhr vor dem Rasthause von Ernakulam. Nachdem wir in Ernakulam bei dem Divan, einem liebenswürdigen Engländer von der Dicke Fallstaffs, die erbetene Audienz erlangt hatten, setzten wir am Nachmittage auf einem Dampfboot über nach Kotschin. Hier bietet sich ein ganz anderes Bild: lärmendes Getriebe auf den Schiffen und am Hafen, große Holzschneidereien, in denen das aus dem Innern von Kotschin und Travankore kommende Teakholz verarbeitet wijd, Stapelplätze für alle möglichen Produkte, besonders für Kokosnüsse, und auf der meilenlangen, der inneren Küstenlinie parallel laufenden Hauptstraße dichtes Menschengewühl,

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