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Neue Nationalzeitung · 1911-09-08 · Heft 18 (8.9.1911) · p. Seite 3

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XIII (1911)
Issue
Heft 18 (8.9.1911)
Date
1911-09-08
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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$r. 18 Neue KatictBai^Zgitjffiag** Seite 3 als Novum verkündet, tief verborgen liegt im unbekannten Schachte unserer Philosophie und Dichtung, und dann können wir jede Verteidigung und jeden Angriff, die immer etwas anrüchiges an sich haben, uns ersparen. Wie eine Rakete wirkt mancher Satz in den Schriften der als große Denker und Wirtschaftslehrer unserer Zeit verschrieenen Männer. Wir sind imstande, diese Raketen sehr rasch zum Verpuffen zu bringen, ohne weitschweifige Apologetik, ohne scharfe Polemik, die immer so wirken, als fühlten wir uns schuldbewußt. In der Zeit der Zionistenkongresse, die, man möge von ihnen halten was man will, dem Judentum unserer .Zeit ein neues Ideal zu erheben versuchen, darf man uns nicht mit dem alten Rothschild kommen, der am Freitag abend den Sabbath weihte und schmunzelnd .die Million berechnete, die er an der Börse gewonnen. Der Wucherer, der, vor dem Tode zitternd, ein elendes Almosen den „verschiedenen Wohltätigkeitsanstalten'' hinwirft, soll nichts als der Vertreter den jüdischen Religion mit schUlerlnden, rührseligen Phrasen von bezahlten und nicht bezahlten Leuten gepriesen werden. Veraltete Gebete können nicht das Wesen unseres Gottesdienstes bilden, ebensowenig, wie die „koschere Wurst" die Säule der Religion. Dies mögen die bedenken, welche so gerne über den Niedergang des Judentums und seiner Religion heuchlerische Klage erheben. An den langen, langen Feiertagen, die jetzt kommen, werden sie Zeit und Muße dafür finden. Die Zeit stürmt vorwärts, ein schönes Thema für eine Rosch-Haschana-Predigt, ein Thema, das zum Denken Anlaß gibt. Der 2. Teil des Themas lautet: Wir dürfen nicht stille stehen. Sonst wird das Wort vom Herbstein für uns zur traurigen Wahrheit werden, das trübselige Wort vom: „Elelzen'\ Der Rassenhass des Mobs. POLITISCHE R<JNbSCn/m. J jiden-Pogrom s in Süd-Wales. Die Judenexzesse in der zu Großbritannien gehörigen Provinz "Wales haben die ganze "Welt in Erstaunen versetzt. Die Plünderungen jüdischer Läden und Wohnungen, die Einäscherung jüdischer Häuser, die Bedrohung des Lebens jüdischer Staatsbürger, mit einem Worte Pogroms nach russischem Muster in Großbritannien, hätte niemand für möglich gehalten. Gilt ja Großbritannien als das ideelle Land der jüdischen Gleichberechtigung; die Juden erreichen die höchsten Würden in der Bureaukratie und im Heere, jüdische Abgeordnete werden in Bezirken gewählt, die keinen einzigen jüdischen Wähler aufzuweisen haben; die öffentliche Meinung Großbritanniens, Parlament, Eegierung und Volksversammlungen haben wiederholt die Judenhetzen im Osten im Namen der Humanität gebrandmarkt und gegen diese Barbareien protestiert. Und trotzdem? Trotzdem erbricht der englische Pöbel jüdische Läden, raubt und vernichtet jüdisches Eigentum, zwingt die Juden, sich in Kellern und Dachböden zu verkriechen, um dem Tode zu entgehen? Die englische Presse schämt sich. Sie empfindet die Schmach, welche dem Eufe und der Kultur Großbritanniens angetan wurde, indem es auf eine Stufe der Barbarei mit Bußland und Eumänien gestellt wird. Ein Teü der Presse verurteilt daher die Exzesse bedingungslos, ein anderer Teil, darunter die altersschwache, bankerotte „Times" sucht sie zu „erklären". Die „Erklärung" geht dahin, daß die jüdischen Kaufleute Warenwucherer sind, daß sie die Preise der Lebensmittel hinaufschrauben. Die antisemitische Presse des Kontinents hat sich auch gierig dieser Argumente bemächtigt und sie für ihre Hetzzwecke verwertet. Allein die „Times", die sich unter Schändung ihrer großen Traditionen immer mehr zu einem antisemitischen Hetzblatt entwickelt und beispielsweise den Albanesenaufstand jüdischem Einflüsse zuzuschreiben versuchte, hat auch diesmal gelogen. In Tredegar selbst, wo die Plünderungen ihren Anfang nahmen, wurde sie in einem großen Protest- Meeting von einem Arbeiterführer Lügen gestraft. Er verwies darauf, daß die arbeitende Bevölkerung von den christlichen Kaufleuten und Hausbesitzern weit mehr ausgebeutet werde. Sind denn in Tredegar, Bargoed, Giljoch usw. nur die paar Dutzend jüdische Familien, die als Krämer, Hausierer und Eatenhändler ihr Dasein fristen, die einzigen „Ausheuter"? Sind etwa die christliehen Kohlenbarone und Hausbesitzer selbst die Ausgebeuteten? Allein ihnen wurde kein Haar gekrümmt. Nur den jüdischen Eatenhändlern wurden nebst den Waren auch ihre Bücher vernichtet, damit sie die Plünderer nicht mehr mahnen können. Es war also nichts anderes als eine Mischung von Eaub- und Eassen-Instinkt, welche die menschlichen Bestien gegen die Juden losließ. Solche Exzesse haben wir in Wien-Ottakring vor 22 Jahren und in Jaslo-Neusandec vor 13 Jahren erlebt. Sie wurden durch die bewaffnete Macht unterdrückt. So geschah es auch in England. Im Grunde ist also der Mob überall gleich; der rusrisehe Muschick und der im Lande der entwickelnden Kulturen lebende Proletarier. Der Antisemitismus der Massen hat mit dem Fortschreiten der Kultur nichts zu tun, auch nichts mit den wirtschaftlichen Bedingungen der jeweiligen Gesellschaftsordnung. Seine sichtbaren Ausbrüche und deren Umfang hängen jeweilig bloß von dem Schutze zusammen, den uns eine bestimmte Eegierungsform und deren Eegierung zu gewähren geneigt sind. Das ist die traurig» Lehre, die wir aus den Ereignissen von Wales zu schöpfen haben. Keine jüdischen Soldaten in Russland. Der Czarismus begnügt sich nicht mehr damit die Juden wirtschaftlich zu vernichten; er sucht sie auch aufs Tiefste zu demütigen und als Fremdlinge zu stempeln. Nachdem die Juden in den letzten großen Kriegen, welche Enßland mit der Türkei und Japan führte, zahlreiche Beweise ihres Heldenmutes und ihrer Opferwilligkeit geliefert haben, als Soldati-n und Matrosen, resp. Heizer, auf den Kriegsschiffen zu Tausenden ihr Leben eingebüßt haben, oder zu Krüppeln zusammengeschossen wurden, geht die russische Kriegsverwaltung jetzt daran, die Juden aus dem Heere auszustoßen. Die Juden sollen nicht mehr als Soldaten dienen dürfen, dagegen eine spezielle Steuer erlegen müssen. Die dritte Duma hat sich bereits dagegen ausgesprochen. Wer weiß, aber, wie sich die vierte Duma dazu stellen wird? Inzwischen sammelt man also Material. Der Generalstab hat den untergeordneten Stäben bereits Gutachten abverlangt, über die Eignung der Juden zum Soldatenstande,

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