Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XIII (1911)
- Issue
- Heft 18 (8.9.1911)
- Date
- 1911-09-08
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 Neue National-Zeitung" Nr. 18 wieder beginnen, und einen Teil dieses Unterrichtes bildet bekanntlich auch der in unserer Religion. Eingeweihte werden es verstehen, wenn wir sagen: Nicht ganz erfreulich, wie im Herbste, wird unsere Stimmung, wenn wir an den Religionsunterricht denken, der unser» Jugend mit dem Gegenstande bekannt machen soll, welchem sie leider das geringste Interesse entgegenbringt, von dem sie sich mit einem gewissen Widerwillen abwendet. Wo soll da der Lehrer die Freudigkeit des Berufes hernehmen wenn er sieht, wie er tauben Ohren predigen, verschlossene Herzen begeistern soll? Unsere Jugend, täuschen wir uns darüber nicht, will von unserer Religion nichts wissen, sie belächelt die Bibel, rümpft die Nase, wenn man ihr unsere Geschichte vorträgt, ihr ist die Religion ein Konglomerat veralteter Formeln, versteinerter Gebräuche. Die Erzählungen der Bibel sind ihr kindische Legenden, und was unsere Dichter und Denker hervorgebracht, scheint ihr lange überholt zu sein von der Dichtung und Weltanschauung späterer und unserer Zeit. Wie kann sich ein Maimonides messen mit dem vergötterten Nietzsche, von den geringeren Denkern des Judentums gar nicht zu sprechen? Schwer ist es, die herbstlichen Gedanken zu unterdrücken, wenn wir das Verhältnis unserer Jugend zu unserem Judentum und dem Religionsunterrichte in Erwägung ziehen, und, fast möchten wir sagen: „Elelzt's auch im Judentum?" Die Frage wollen wir allen vorlegen, denen der Bestand des Judentums noch am Herzen liegt oder zumindest liegen sollte. Merken sie es nicht, daß der Herbstwind mächtig am dürren Gezweige rüttelt und durch das gelbe Laub raschelnd fährt? Der Jugendunterricht ist und bleibt die wichtigste Grundlage für die Zukunft des Judentums, und, gerade die Jugend scheint uns unwiderbringlich verloren. Es sind gewisse Werke der philosophischen, wissenschaftlichen und schönen Literatur, die eine heillose Destinktion innerhalb unserer Jugend hervorgebracht haben. Es scheint, als hätte es dieses Schrifttum förmlich darauf abgesehen, die Grundlagen unserer Religion und dessen, was das Judentum lehrt, zu zerstören. Harnacks „Wesen des Christentums", Sombarts „Die Juden und das Wirtschaftsleben", ebenso wie die früheren Chamberlains und Dührings haben in den Köpfen der jungen Leute eine furchtbare Verwirrung angerichtet. Dazu kommen die vielgelesenen Werke der neuesten Belletristik, mit ihren umstürzlerischen Anschauungen, ihrer oft beabsichtigten Verhöhnung und Herabsetzung des Judentums, denn in fast allen diesen Büchern spielt der Jude eine traurige, verächtliche Rolle. Schwer wird es, wenn wir die bedenklichen, herbstlichen Erscheinungen bemerken, die am Judentum unserer Zeit rüttelt, optimistisch von einer herrlichen Zukunft zu sprechen, wie wir dies häufig in leeren, salbungsvollen Redensarten hören. Das „Elelzen" im Judentum — natürlich sprechen wir hier nicht von dem Westeuropas und seiner großen Städte — wird niemand zu leugnen wagen, der sich noch die Augen offen hält für die Erscheinungen unserer Zeit. Dem widersprechen, hieße offen leugnen, was sich vor unserem Auge abspielt. Auch die künstlich hervorgebrachte Wiedergeburt einer neuen Orthodoxie wird nicht helfen. In die Rader des Fortschrittswagens wirft sich niemand ungestraft. In Zeiten, in denen Inserate Luftschifffahrten ankündigen, die Technik unwegsame Pfade fahrbar macht, die Lokomotive kilometerlange Tunnels durchbraust, die Elektrizität das ganze Leben umgestaltet, in solchen Zeiten können wir unseren jungen Leuten nicht mit Vielem von dem kommen, was allerdings unsere Vorfahren beseligte und ihr höchstes Glück bildete. Sie übten jeden Brauch, der für sie das Wesen der Religion bildete. Scheiden wir die Spreu vom Weizen, retten wir was sich retten läßt, und geben wir uns damit zufrieden. Wir halten es für einen Fehler, wenn der ganze Unterricht in unserer Religion, wo, wie und wann immer er ausgeübt wird, sei es in der Schule oder öffentlichen Versammlungen, sei es im Hause, obgleich von diesem blutwenig zu verspüren ist, öder in synagogalen Vorträgen, in Apologetik und Polemik ausartet. Zuviel verteidigen und angreifen reizt zum Widerspruche und bewirkt sehr häufig das Gegenteil von dem, was man erzielen will. Es muß doch nicht jede Einführung und Einrichtung, jeder Brauch und jede Sitte als ein„Ikkar", ein unwiderleglicher Grundsatz, der Religion hingestellt werden. Die Fundamente unserer Religion werden ewig bleiben, auch, wenn wir manche Institutionen einer späteren Zeit als solche anerkennen und ihnen nur historische Bedeutung zuschreiben. Da sehen wir ein kleines Häuflein verzweifelter Kämpfer hinter einem Walle starrer Formeln sich verschanzen, sie verteidigen, hören sie den Bann aussprechen gegen die Ueberzahl ihrer Bekämpfer. Und, in diesem unseligen Kampfe wird das Wesen, der Kern der Religion zerstört. Der tüchtige Lehrer unserer Religion hat heute die große, schier nicht zu bewältigende Aufgabe übernommen, sich mit allen Erscheinungen unserer Zeit bekannt zu machen! und zu lehren, wie auch dem Judentum nichts fremd ist, sich auch hier der Efeu um das alte Gemäuer rankt, dieses aber nicht zu zerstören vermag. Es ist unsinnig, jeden unbedeutenden Menschen, den oft unsere Geschichtsbücher nennen, als ein Phänomen zu preisen, die Einführungen, die er für seine Zeit traf, als bindend hinzustellen, sich für jeden Komentator, Dezisor, für jede Response ins Zeug zu legen, und allen diesen Einrichtungen einer Zeit, für die sie angemessen waren, das Wort zu reden. In unserem Piutim findet sich manches, schöne bedeutsame Wort, mancher prächtige, kostbare Gedanke', aber, hat nicht schon Abraham in Esra ein vernichtendes Urteil über viele dieser Paitanim ausgesprochen? Ringt es uns nicht auch ein Lächeln ab, wenn wir in den „schweren" Feuilletons nicht nur gelehrter Zeitungen, sondern auch der Blätter, die sonst in Banken und Börse machen, Ausgrabungen veranstalten sehen unbekannter, elender Skribenten, die wohl für einen kleinen Kreis ihrer Zeit etwas bedeutet haben mögen, welche man heute aber besser der wohlverdienten Vergessenheit überläßt, in die sie unwiderruflich versunken sind? Der richtige Lehrer unserer Religion muß für unsere Jugend aus dem Schatze unseres Judentums das ewig grünei, unverwelkliche Blatt zu finden verstehen, das den Herbststürmen trotzt. Mag mancher dürre Zweig vom Baume des Judentums durch die herbstlichen Stürme gerüttelt werden, dem Himmel Dank, der Stamm ist so stark, daß er allen Stürmen, allem Gewoge der Zeit trotzen kann und wird. Lassen wir die Tatsachen für sich sprechen, weisen wir darauf hin, daß das, was mancher Philosoph und Schriftsteller unserer Zeit