Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XIII (1911)
- Issue
- Heft 17 (25.8.1911)
- Date
- 1911-08-25
- Page
- Seite 10 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 10 „Neue National-Zeitung* Nr. 17 nisse niclit findet. Icli kann Ihnen erklären, daß ich dort in Syrien gefragt worden hin nach russischen Schneidern usw.; es ist eine große Nachfrage. Nicht aus ökonomischen Gründen geht der Emigrant nicht hin, er geht nach Amerika, weil er dort bereits Bruder oder Vater oder sonst einen Verwandten hat, der ihn macht und der ihn dorthin zieht. Jemanden, der ihn nach Syrien oder Palästina ziehen würde, hat er nicht. Und dessen Aufgabe müssen wir übernehmen. Eeferent stellt den Antrag: Der zehnte Zionistenkongreß stellt fest, daß die bisherigen Versuche zur Eegulierung der Emigration ungenügend sind und daß es Aufgabe der Zionisten ist, sich mit der jüdischen Auswanderung zu befassen, insbesondere mit der Einwanderung in Palästina. Berichterstatter Leo Motzkin: „Als die Aufforderung an mich kam, hier über die Auswanderung zu sprechen, war ich mir nicht ganz klar, ob es angebracht war, diese Frage auf dem Zionistenkongreß zu beraten. Ich wußte von vornherein, daß sie den Zionistenkongreß sehr kühl stimmen wird, daß sie ihn nicht in der' Seele fassen wird, und zwar aus folgendem Grunde: Die Zionisten teilen sich, wenn eine solche Frage aufgeworfen wird, in verschiedene Gruppen, die alle die Erörterung über diese Frage für ziemlich überflüssig halten. Die eine Gruppe erklärt: die Antwort auf die Frage der Auswanderung haben wir längst theoretisch erteilt: Im Zionismus, und eine Antwort haben wir nicht. Andere Zionisten sagen folgendes: Wir haben zwar die Antwort auf das Auswanderungsproblem in vollem Maße nicht erteilt, aber wir haben überhaupt keine Antwort auf diese Frage. Und die dritte Gruppe der Zionisten sagt: Selbst wenn wir eine Antwort hätten, selbst wenn wir der Ansicht wären, daß wir mit dem Auswanderungsproblem uns zu befassen hätten, genau so wie die anderen, so wäre das eine Verschwendung an Kraft, die wir uns einstweilen nicht leisten können. Ja, wenn wir wirklich schon das gesamte Judentum in uns vereinigten, dann hätten wir die Pflicht, alle Aufgaben des Judentums zu erledigen; solange wir aber nur einen kleinen Teil des Judentums repräsentieren, sollten wir uns mit unseren nächsten Aufgaben begnügen und nicht darüber hinausgehen. Dieser Komplex von Auffassungen bewirkt es, daß nur ein Bruchteil der Zionisten in Wirklichkeit für diese Frage nicht nur als Menschen, sondern auch als Zionisten Interesse hat. Und da ich das wußte und da ich selbst zum Teil dieser Gruppe gehöre, so war es mir sehr schwer, diese Aufgabe zu übernehmen. Wenn ich es trotzdem tue, so tat ich es nur deshalb: Ich sagte mir, es geht nicht an, daß der Zionismus über eine Lebensfrage des Judentums hinweggeht oder mit den verschiedenartigsten Ansichten und Aeusserungen, Stimmungen und Gedanken sich dazu stellt. Die Zionisten sollen sich klar machen, wie sie sich dazu zu stellen haben. Es geht nicht an, eine Auswanderung, die den Zuwachs übersteigt, als quantite' negligeable zu betrachten. Zu welchen Eesultaten wir auch gelangen, jedes klare Eesultat ist besser, als eine gänzliche Mcht-Stellungnahme." Der Eeferent kritisiert das Verhalten vieler großer jüdischer Korporationen zu der jüdischen Auswanderungsfrage, die nicht in ihrer ganzen Größe und Tiefe aufgeworfen wird. Er bemängelt das Fehlen eines Prinzips bei der Auswanderungstätigkeit dieser Korporationen und bemerkt, daß dort, wo sie ein solches Prinzip aufgestellt haben, dieses ein entnationalisierendes war. Deshalb sollten die Zionisten sich umsomehr gegenüber dem Plane einer Gesamtorganisierung der Arbeit in Form eines Emigrationskongresses nicht gleichgültig verhalten. Motzkin stellt den Antrag: Der Zionismus erblickt in der jüdischen Auswanderung nicht nur ein Eesultat allgemeiner wirtschaftlicher Verhältnisse, sondern in erster Eeihe eine Folgenerscheinung der historischen Judennot. Wenn auch die endgültige Lösung der Emigrationsfrage mit der Lösung der Judenfrage, das heißt, mit territorialer Konzentrierung in Palästina verknüpft ist, erblickt jedoch der Zionismus in der Eegelung der Emigration eine temporäre Lebensfrage der bedrängten jüdischen Massen und sieht in jedem Bestreben, das auf die Zerstreuung dieser Massen ausgeht, eine antinationale Tendenz. Der Zionismus schließt sich daher allen Bestrebungen nach Gesamtorganisierung der Auswanderungshilfe an, begrüßt mit Freude die Idee eines Emigrationskongresses, an dem die zionistische Organisation vertreten sein soll. Die Parolen des Zionismus sollen dabei folgende sein: a) Allgemein jüdische Organisation und Eegelung der Auswanderung. b) Konzentration, nicht Zerstreuung. c) Ausforschung aller Arbeitsmöglichkeiten im Orient. Die Debatte über beide Eeferate war sehr schwach. Wahrscheinlich dürften die meisten Delegierten der gleichen Ansicht gewesen sein, wie Eabbiner Dr. Daiches, daß „die Emigrationsfrage nie h tindenKongreß gehört." Hauptredner war Herr Trietsch, der die Schaffung eines Emigrations-Amtes beantragte. Der Kongreß beschloß den Antrag Katzenelsohn und die prinzipiellen Thesen Motzkins mit unwesentlichen Abänderungen anzunehmen, dagegen den Antrag Trietsch's abzulehnen. * * * Die „JCA" und die jüdische Emigration. Das russische Ministerium des Innern hat die „JCA" ausdrücklich darauf aufmerksam gemacht, daß es ihre wichtigste Pflicht sei, die jüdische Emigration zu fördern, nicht aber den Juden im Lande selbst zu helfen. In diesem Sinne hat der Departements-Chef Putilow, welcher die Lokalkomitees der „JCA" inspizierte, denselben die Unzufriedenheit des Ministers des Innern bekanntgegeben. * * * Der Eniigrations-Kongress in Wien. Unter Bezugnahme auf unsere Notiz, daß der Emigrations-Kongreß abgesagt sei, erhalten wir von Herrn Dr. Gustav Kohn, als Obmann des „Komitee in Angelegenheit des jüdischen Emigrations-Kongresses" eine ausführliche Zuschrift. In derselben wird zugegeben, daß der Kongreß im laufenden Jahre nicht mehr stattfinden wird, doch sei derselbe nicht fallen gelassen. Es wird für die nächste Zeit eine Vorberatung vor dem Kongresse in Aussicht gestellt. aiiEti weitteiieN Die jüdische Kolonialbank " weist laut Bilanz vom 30. Juni 1911 Einnahmen per 10.388 Pf. St. auf. Aktien sind 'bisher (im Laufe des 13jährigen Bestandes) 258.161 Stück verkauft worden; die Bank verfügt somit über ein Vermögen von 6 Millionen Kronen. Es sind somit ca.- 87°/0 des j % Millionen Pf. St. betragenden Aktienkapitales unverkauft.