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Neue Nationalzeitung · 1911-08-25 · Heft 17 (25.8.1911) · p. Seite 9

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XIII (1911)
Issue
Heft 17 (25.8.1911)
Date
1911-08-25
Page
Seite 9 (sequence 9)
Language
German
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Nr. 17 „Neue National-Zeitung* Seite 9 ein unerwünschtes Element nach Amerika komme. Man übersieht dabei, daß das einfach an dem hohen Prozentsatz von Frauen und Kindern liegt; daher ist der Prozentsatz der Berufslosen scheinbar größer, als bei den anderen Nationen. Nicht einmal 10, nicht einmal 5 Prozent Berufslose wandern aus. Nach einer langjährigen Statistik, die wir in Liebau gemacht haben, schwankt es zwischen 2 und 3 Prozent, nicht mehr, und auch diese stehen meistens zwischen 15 und 16 oder über 70 und 80 Jahre. De facto findet man fast gar nicht, daß ein erwachsener Mensch, der auswandert, keinen Beruf hat. Die „nichterwünschte" Immigration. Das Wort von der nichterwünschten Immigration ist in letzter Zeit viel gebraucht worden. Eine sehr angesehene antisemitische russische Zeitung hat sogar mit großer Freude behauptet: auch Amerika will keine Juden mehr haben, es hat 24.000 Juden zurückgeschickt. Nicht ein Buchstabe ist davon wahr. Im Gegenteil, die Zahl der in Amerika Zurückgewiesenen, ist bei den Juden sogar kleiner als bei den anderen, 0'8 gegenüber 11 Prozent. Freilich immer noch ein hoher Prozentsatz; die Einwanderungskommission in New-York geht mitunter mit viel zu großer Strenge und zu schematisch vor, aber es wird dort absolut kein Unterschied gemacht zwischen Juden und Nichtjuden. Wir brauchen nicht zu befürchten, daß man uns diese Zufluchtsstätte in Amerika auch noch verschließt. Ich blicke sehr ruhig in dieser Beziehung in die Zukunft. So groß die jüdische Einwanderung in Amerika ist, so ist sie doch nicht groß im Verhältnis zur dortigen Gesamteinwanderung. Dort gilt das stolze Wort Mac Kinley: in Amerika sucht nicht der Mann die Arbeit, sondern die Arbeit den Mann. Eooseyelt in seiner Botschaft an den 59. Kongreß sagt, daß die Union nicht zuviel Einwanderer an guten Leuten haben kann. Und Carnegie erklärte: „Wir entziehen den europäischen Ländern das beste Blut. Jeder Arbeiter bereichert unser Land; mögen sich die europäischen Länder um diese Frage kümmern. Wir brauchen es nicht zu tun". Ein Einwanderer hat nach amerikanischen Begiiffen einen gewissen Kapitalwert. Die Planlosigkeit der jüdischen Emigration. Aber was mich bedrückt und bestürzt, das ist die Plan- und Systemlosigkeit, mit der unsere Emigration vor sich geht. In Italien hat die Eegierung ein Budget von Millionen. In Neapel genügen dreiundzwanzig Beamte nicht, um die Auswanderung zu beobachten und zu regeln. Ich will nicht sprechen von Ungarn und Belgien, wo sehr viel geleistet wird, und zwar bei einer Emigration, die ohne Schwierigkeiten vor sich geht, ohne die Schwierigkeiten der Pässe, ohne all das, was der russische Auswanderer durchmachen muß, bis er überhaupt die Möglichkeit hat, auszuwandern. Und eine Auswanderung wie die jüdische, die größte unter allen, unter den abnormalsten Verhältnissen, die man sich denken kann, wenn wir da fragen, was geschehen ist, so kommen wir zum Schluß: geschehen ist wenig, fast gar nichts! Als ich in Libau alle die Leiden zu sehen und zu hören bekam, da fiel mir die Eichtigkeit des Satzes ein: Weinet nicht über den Toten, weinet über den Auswanderer! Was ist bei uns geschehen zur Abhilfe dieser großen elementaren Not? Bis vor zehn Jahren, wo die Frankfurter Konferenz stattfand, überhaupt nichts. In Frankfurt hat man die Aufgabe unter die verschiedenen Organisationen verteilt. In Deutschland sollte der Hilfsverein der Deutschen Juden es übernehmen, in Kußland das Zentralkomitee der Ica, in Oesterreich die Allianz usw. Der Hüfsverein der Deutschen Juden hat sehr viel Herz und viel Seele der Sache entgegenbracht. (Beifall.) Früher war geplant, daß der Hilfsverein die Zentrale sein und die Sondervereine mit ihm zusammenarbeiten sollten. Das ist leider nicht geschehen. Die anderen Vereine arbeiten für sich, und das ist der Hauptfehler. Er bewirkt, daß das, - was geschieht, uneinheitlich und unorganisiert ist. Das Zentralkomitee der Ica in Eußland hat mit den wenigen Mitteln, die ihm zur Verfügung gestellt sind, doch einen Apparat geschaffen, der in einigen Punkten ganz Gutes leistet, aber eben nur im Verhältnis zu den Mitteln; sage und schreibe 50.000 Eubel im Jahr, bei einer Emigration von hunderttausend Menschen! Die Unbeholfenheit der Wiener „Allianz". Was die Allianz anbelangt, so habe ich bei der vorjährigen Konferenz in Libau sehr viel klagen hören, daß bei der Kommission in Myslowitz sehr viel gesündigt wird, daß die Hilfe unverzeihlich gering ist oder ganz fehlt. Was bis jetzt geschieht, ist beschämend wenig. Man kann nicht eine so ernste Sache wie die Emigration, bei der das Schicksal von hunderttausend Menschen auf dem Spiele steht, in dieser Weise behandeln; man kann den Kampf nicht mit Kindergewehren führen, das ist lächerlich, das ist unwürdig. Hier ist ein großes Arbeitsgebiet. Ich bin natürlich absolut nicht dafür, daß man den Emigranten Unterstützung, bare Hilfe gibt; das würde ich für das größte Unglück halten. Aber die Eegelung der E m i g r a t i o n selbst in bezug auf das nicht Vorauszusehende, die Krankheiten, die Paßschwierigkeiten, die Schwierigkeiten mit den Agenten usw., einfach auf das, was dem Emigranten unterwegs geschieht — schon das alles erfordert einen großen Apparat. Und doch ist das nur* ein ganz kleiner Teil von dem, was zu geschehen hat. Viel mehr muß geschehen, um den Emigranten von vorherein auf sein zukünftiges Leben vorzubereiten, in bezug auf Sprachkenntnis, Gesundheit der Augen usw., den Arbeitsnachweis, was und wie er zu arbeiten hat, wohin er gehen soll. Und da habe ich an Euch, an die Zionisten eine ganze Eeihe von Wünschen zu stellen, und das ist die Hauptveranlassung meines Vortrages. Vor allem, und das ist selbstverständlich, verlange ich von Euch, daß Ihr Schulter an Schulter überall dort Euch an der Arbeit beteiligt, wo organisiert wird, ganz egal, welche Organisation es ist. Wo man Eure Hilfe will, da sollt ihr mitarbeiten, und es geschieht ja auch. Als im vorigen Jahre in Libau eine Konferenz der Ica war und ich mir die Vertreter ansah, stellte es sich heraus, daß es lauter Gesinnungsgenossen waren. (Beifall.) Ja, wenn Sie das Geheimnis nicht weiter verraten, will ich Ihnen mitteilen, daß diese Konferenz der Ica in das Goldene Buch eingetragen ist und die Mitglieder des Zentralkomitees der Ica haben auch dafür gezeichnet. (Beifall.) Das beweist am besten, wie Arbeit einigt, wo Meinungen trennen. Die Emigration nach Palästina. Auch die zweite Forderung, die ich stelle, scheint mir selbstverständlich zu sein; aber Selbstverständlichkeiten müssen wiederholt werden, so lange man sich nicht nach ihnen richtet. In den statistischen Tafeln figuriert die Auswanderung nach Palästina und Syrien mit ganz beschämend kleinen Zahlen, jährlich nur ein paar tausend Menschen, und selbst in den Jahren 1906 und 1907, wo der Auswanderungsstrom so stark war, nur 3400 und 1700. Man wird sagen, das kommt daher, weil der Auswanderer in Syrien die ökonomischen Verhält-

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