Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XIII (1911)
- Issue
- Heft 17 (25.8.1911)
- Date
- 1911-08-25
- Page
- Seite 8 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 8 „Neue National-Zeitung" Nr. 17 DIE JÜDISCHE Die Emigpationsfpage auf dem Zionisten-^ongpess. Im letzten Moment, fast vor Beginn des Zionisten-Kongresses, hat sich die zionistische Parteileitung entschlossen, auch die E m i g r a t i o n s f r a g e, die heute den "brennendsten Mittelpunkt der Judenfrage bildet, auf die Tagesordnung zu stellen. Mit dem Eeferate wurden die Herren Dr. Katzenelsohn und Dr. Motzkin betraut. Nachstehend bringen wir die Eeferate, die Diskussion und die Beschlüsse in ihrem wesentlichen Inhalte. Sie zeigen am besten, wie wenig Interesse und Verständnis für die sozialen Probleme auf diesem Kongresse vorhanden waren. Berichterstatter Dr. Katzenelsohn: Hoher Kongreß! Zum erstenmale soll hier vor dieser Tribüne die wichtigste und brennendste jüdische Frage der Gegenwart, die Emigrationsfrage, besprochen werden. Wenn ich diese wichtige Aufgabe übernommen habe, so tat ich es nicht, weil ich besondere Verdienste oder besondere Kenntnisse in der Frage habe, sondern lediglieh, weil ich dieses ganze Leid, diese ganze Not mit eigenen Augen gesehen habe, weil an meinen Augen Tausende, Zehntausende, wenn nicht gar Hunderttausende vorübergegangen sind, deren Martyrium ich selbst miterlebt habe. Ich habe selbst diesen Staub eines Volkes herumwirbeln gesehen, vom Wind hin- und hergetragen; das allein berechtigt mich, Ihnen ein neues Kapitel aus dem Leid, ein neues Klagelied über das Schicksal unserer Brüder vorzutragen. Das Wandern des jüdischen Volkes ist wahrlieh nichts neues. Seit Pharao, Nebukadnezar bis zum heutigen Tag war die Fläche des Judentums immer eine sehr bewegliche. Es brauchte nur ein Stein hineingeworfen zu werden, und die Fläche fing an, sich zu bewegen und Wellen zu schlagen. Aber so beweglich war sie nie wie in der letzten Zeit; da sind gar viele Steine hineingeworfen und die Wellen sind so groß geworden, wie sie nie waren. Eine solche Auswanderung hat das Judentum nie gehabt, und eine solche Auswanderung prozentual existiert in der Welt nicht. Ich habe Statistiken verteilt; Sie ersehen daraus, daß nur nach den Vereinigten Staaten in den letzten 25 Jahren 1,800.000 Juden ausgewandert sind, mit den anderen Ländern 2,200.000. Bloß in den letzten 10 Jahren 1,200.000 Juden, EHiQKflTION. das ist ungefähr der sechste Teil des jüdischen Volkes. Wenn es weiter in diesen Dimensionen geht, so.wandert das ganze jüdische Volk, das jetzt lebt, in einer Generation aus. Die Auswanderung zur Zeit der Inquisition in Spanien war nicht so groß wie jetzt in zwei Jahren. Am Ende des vorigen Jahrhunderts, wo manche schon ein bißchen an eine Emanzipation glaubten, ist die Zeit wieder gekommen, wo das Judentum den Wanderstab ergreifen mußte. Das jüdische Volk ist ein hartnäckiges Volk. Es will nicht sterben, ja es will nicht alt werden; und geht es ihm schlecht, dann wird es wieder der alte Ahasver, der den Stab in die Hand nimmt und geht, bis er wieder ein gastlich Haus findet. Die unglücklichste Auswanderung. Für uns gibt es nur eine Emigration, und das war die unglücklichste aller Auswanderungen, das war die Auswanderung aus Palästina. (Beifall.) Für uns gibt es nur eine Lösung, die das Glück des jüdischen Volkes sein wird, und das ist die Auswanderung nach Palästina. (Beifall.) Alles andere ist Flickwerk, ist nur Arbeit für die Gegenwart; aber wir sind verpflichtet, diese Frage eingehend zu behandeln und zu studieren. Ganz kurz will ich versuchen, über diese Fragen einige Details zu geben, vor allem über die Motive der jetzigen Emigration. In der Eegel und hauptsächlich sind die Beweggründe der Auswanderungen ökonomischer Natur. Ein Blick auf die angeführten Verhältnisse zeigt, daß das bei der jüdischen Emigration nicht zutrifft. Die Zahlen gruppieren sich hauptsächlich um die Zeit der Auswanderungen aus Moskau, üin Kischinew, aber noch unendlich größer 1906/07, und gerade da waren die ökonomischen Verhältnisse in Amerika sehr schlecht. 1908 war die Zahl der Eückwanderer aus Amerika viel größer als die der Einwandernden; trotzdem hat die Einwanderung der Juden nicht nachgelassen. Das beweist, daß die Emigration der Juden ganz andere Grundlagen haben muß als nur ökonomische. „Mit Weib und Kind." Keine einzige Emigration gibt einen solchen Prozentsatz von Frauen und Kindern, wie die jüdische. Zwischen 2 und 17 Prozent bei den anderen Nationalitäten — nur bei holländischen Kolonisten bis zu 17 Prozent —: bei den Juden schwankt er zwischen 24 und 26 Prozent. Das ist nicht eine Auswanderung wie zum Beispiel bei den Chinesen, wo von 4,800.000, die auswandern, 4 Millionen zurückkehren, oder wie bei den Italienern, sondern wir gehen mit Weib und Kind, um nicht mehr zurückzukommen. Und dementsprechend muß man die Auswanderung auch organisieren, Wie Sie aus den Zahlen lesen, liefern unsere Auswanderer etwa 30 bis 40 Prozent Handwerker, lauter gelernte Arbeiter. Einen solchen Prozentsatz hat kein einziges Volk unter seinen Auswanderern" aufzuweisen. Ein Drittel der jüdischen Bevölkerung liefern zwei Drittel der Auswanderer: ein Beweis, welch kräftiges, gesundes Element nach Amerika von uns geht. Von Verbrechern und Empfängern von Armenhilfe stellt die jüdische Auswanderung das allergeringste Kontingent von allen Nationen: ein Beweis, daß der jüdische Auswanderer jedenfalls nicht der schlechteste ist, wenn er nicht der beste ist. Es wird viel Spektakel daraus gemacht, daß die jüdische Auswanderung 50 bis 52 Prozent von Leuten bringt, die keinen Beruf haben; man folgert daraus, daß