Mannheim
Compact Memory

Neue Nationalzeitung · 1911-08-25 · Heft 17 (25.8.1911) · p. Seite 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XIII (1911)
Issue
Heft 17 (25.8.1911)
Date
1911-08-25
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2425679-2425829-2425847--2118-2428526
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 17 Neue National-Zeitung" Seite 3 Die Verhandlungen des Kongresses. (Vom 9. bis 15. August.) Jn Anwesenheit von 429 Delegierten aus 25 Ländern und etwa 1000 Gästen hat im Stadt-Kasino zu Basel der zehnte Zionisten-Kongreß begonnen. Eröffnet wurde der erste Tag der Beratungen durch eine große Eede des Präsidenten W o 1 f f s o h n, der mit Freuden feststellte, daß die Bewegung erstarkt sei und weiter fortschreite. Nicht so gut sei es um das gesamte Judentum bestellt, dessen Lage sich überall in der Welt verschlechtert habe. Nur in der Türkei eröffnen sich uns günstige Perspektiven. Die Sympathien des zionistischen Judentums wenden sich daher der Türkei zu, deren Wohl zu fördern ihm besonders am Herzen liege. Es sei von Fälschern, die leider Juden sind, das Märchen verbreitet worden, daß die Zionisten die Errichtung eines unabhängigenJudenstaates anstreben. Dieses Märchen müsse fallen, denn der Zionismus gehe nicht über sein Programm hinaus, das offen und klar ausgesprochen ist: Der Zionismus erstrebt Schaffung einer öffentlich rechtlich gesicherten Heimstätte. Eine Heimstätte, kein Judenstaat. „Wir erblicken in der neuen Türkei, in den konstitutionellen Einrichtungen die volle Garantie der persönlichen und nationalen Sicherheit. Denn nur als freies, allen andern ottomanischen Völkern gleichgestelltes Volk werden wir in der Lage sein, das zu leisten, was ein Volk wie das unsrige zu leisten vermag zum Nutzen des gesamten ottomanischen Eeiches ebenso sehr wie zu unserem eigenen Wohl. Denn es ist unser Traum und sehnlicher Wunsch, in einem blühenden und mächtigen ottomanischen Eeiche ein blühendes und glückliches jüdisches Volk zu sein." Der Präsident besprach sodann alle Fragen, mit denen sich der Kongreß zu beschäftigen haben wird: Die Verabschiedung des Organisationsstatuts, die Sanierung der Finanzen durch Schaffung neuer Einnahmequellen; sodann die Emigrationsfrage, die zum ersten Male den Zionistenkongreß beschäftigt; die nationale Sprache und die Frauenarbeit im Zionismus. An erster Stelle aber die Einsetzung einer neuen Leitung. Er (Wolfsohn) trete von der Leitung zurück im Interesse der Bewegung und aus Eücksieht auf seine Gesundheit. Der Präsident führte sodann in einem kurzen Ueberblick über die Entwicklung der zionistischen Bewegung aus, was in der auf die Periode Herzl folgenden zweiten Periode, die er als die Kölner Periode bezeichnet, für die Festigung und den Ausbau des Zionismus, der in der Periode Herzl begründeten Institutionen geschehen ist, die die Grundsäule und der feste Kitt der Bewegung geworden sind. Nunmehr beginnt der dritte Zeitabschnitt der zionistischen Geschichte unter erfreulichen weit günstigeren Bedingungen als die Kölner Periode. Mit einem Aufruf zur Einigkeit schloß Präsident Wolfsohn seine Eröffnungsrede, die stürmischen Beifall entfesselte. Unter den vom Präsidenten nunmehr mitgeteilten Begrüßungsschreiben wird das des Eegierungsrats des Kantons Basel Stadt mit besonderem Beifall aufgenommen. Die Eegierung versichert in ihrem Willkommensgruß die herzliche Teilnahme der Bevölkerung Basels an dem Eingen um die großen Ziele, die den Kongreß bewegen. Die Versammlung erhob sich zum Zeichen des Dankes für den. liebenswürdigen Empfang. Es schloß sich hieran, die Verlesung eines Begrüßungschreibens der Juden von Basel. Der Präsident Wolffsohn stellte hierauf im Namen des Aktionskomitees den Antrag, der türkischen Eegierung das Beileid zu, dem Konstantinopeler Brandunglück auszusprechen und 5000 Frcs. für die Betroffenen im Namen des Kongresses beizusteuern. Der enthusiastische Beifall, mit dem der Kongreß diesem Antrag zustimmte, soll der türkischen Eegierung übermittelt werden. Mit einer brausenden Beifallskundgebung jubelte sodann der gesamte Kongreß Dr. Max Nord au zu, als dieser jetzt die Eednertribüne bestieg. Die Rede Nordau'd. Der zehnte Kongreß, so führt er aus, sei ein Jubelkongreß, aber nicht im Sinne von Jubilieren, sondern in dem des hebräischen Jobel, denn zum Jubel liege kein Anlaß vor. Das Bild der jüdischen Gesamtlage sei äußerst düster. Ueberall flamme der Judenhaß zur hellen Lohe auf, selbst in Amerika, wo Taft in letzterer Zeit wiederholt gegen die antisemitischen Stimmungen einschreiten mußte. Ueber kleine Nadelstiche und moralische Mißhandlung könne man sich stolz hinwegsetzen. Schlimmer aber stehe es in den Ländern, wo die Judenverfolgung amtlich betrieben werde. Entrechtung und Proletarisierung sei kein passender Ausdruck zur Kennzeichnung der Lage, da die Juden geflissentlich von der Arbeit zurückgedrängt werden. Die Massenmorde in Eußland seien von schlimmerer Art als die Metzeleien im Mittelalter, da jene zumeist im Eausche geschehen waren, während man es heute darauf absehe, die Millionen Juden systematisch verkommen zu lassen..... Die schamlose Lüge der heutigen Gesittung ertappen wir hier auf frischer Tat. Wie nehmen die Schönredner, die Klugschwätzer, die amtlichen, die regierenden noch viel mehr als die privaten, den Mund voll von Fortschritt, von Entwicklung, von Menschenwürde, von Gerechtigkeit! Wie läßt man uns die hochtrabenden, großsprecherischen und wichtigtuenden Worte: soziales Empfinden, Bruderliebe, menschliche Gemeinbürgschaft, hageldicht um die Ohren prasseln! Man hält feierliche Friedenskongreße ab, auf denen man gegen den Krieg deklamiert und zu seiner Verhütung paragraphenreiche Schiedsgerichtsverträge zu Dutzenden abschließt und für die ein großer Menschenfreund einen prächtigen Palast erbauen läßt. Aber die tugendhaften Eegierungen, die mit so edlem Eifer an der Vorbereitung des ewigen Fiedens arbeiten, bereiten eingeständig sechs Millionen M enschen den Untergang und niemand außer den Opfern erhebt dagegen seine Stimme, obschon dies doch ein ungleich größeres Verbrechen ist als irgend ein Krieg, der noch nie sechs Millionen Menschenleben vernichtet hat. (Stürmische Zustimmung!) Und wenn man die elenden Heuchler der „Menschlickkeit", des „Fortschritts", der „Gerechtigkeit" anruft, ihnen die an unseren Brüdern begangenen Greuel zeigt und sie fragt, wie sie dieses Massenverbrechen seelenruhig mitansehen können, zucken sie gelangweilt die Achseln und murmeln etwas wie: „In die inneren Angelegenheiten souveräner Staaten darf man sich nicht einmischen"..... „Wir haben dann auch das europäische Gewissen von unserer Besuchsliste gestrichen. (Heiterkeit). Wenn wir die Verbrechen, die an unseren Brüdern begangen werden, gleichwohl in die Welt hinausschreien, so ist es nicht, weil wir davon irgend einen Erfolg erwarten. Wir tun es, weil es ein Gebot der Sittlichkeit ist, Heuchlern die Maske vom Gesichte zu reißen (slnirmischer Beifall), und Missetäter vor dem Eichterstuhl der Geschichte und der ewigen Moral

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.