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Neue Nationalzeitung · 1911-08-25 · Heft 17 (25.8.1911) · p. Seite 2

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XIII (1911)
Issue
Heft 17 (25.8.1911)
Date
1911-08-25
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite.2 v „Neue Natipnal-Zeitung" Nr. 17 Das größte. Uj^glücfc, d£S. heutigem Zionismus ist es vielleich^^äi jMS&Batä^&si&e:: Zeiten kannte, daß er Großes, sehr Großes zu leisten unternahm. An der Größe jener Aufgaben gemessen, erscheint seine heutige — an sich positive — Kleinarbeit in Palästina als ein Tropfen im großen Diasporaozean und kaiin als Annäherung aii das eigentliche Endziel nicht betrachtet werden. Je ferner dem Zionismus das Endziel entrückte, mit umso größerer Emphase wandte er sich der sogenannten Gegenwartsarbeit zu. Je lockerer das Band wurde zwischen dem Zionismus und der geplagten jüdischen Materie desto enger suchte er sich mit dem ^jüdischen Geist, mit der traditionellen „Jüdischkeit" zu verknüpfen ... Einige Kongreßillustrationen. Auf der Tagesordnung stand die Emigrations frage. Teilnahmslos wurden die langweiligen Referate angehört und kaum hatte sich ein Redner zur Frage geäußert, so würde die Debatte einfach guillotiniert und eine platonische Sympathieresolution für den Emigratiönskongreß angenommen. Man konnte dabei das Gefühl unmöglich unterdrücken, daß die Frage hieher überhaupt nicht gehört . . . Wie ganz anders war dagegen die Beziehung des Kongresses zur hebräischen Sprache. Es wurde sogar mehrmals als besonders ruhmvolles Verdienst des X. Kongresses hervorgehoben, daß er der hebräischen Sprache eine ganze in hebräischer Sprache geführte Sitzung gewidmet hat. Man könnte viel weiter gehen, iund behaupten, der . hebräische Geist schwebte über sämtliche Kongreßverhandlungen. In diesem mit Sp orteifer betriebenen Hebräismüs liegt nun der wesentliche Angelpunkt des Z ioni s mu s. „Um, das jüdische Volk wieder aufzurichten, muß die hebräi sehe Sprache zunächst wieder belebt werden" — so lautet nun das zionistische Credo .. Öie joelebende Sprache des Volkes, seine Literatur und Kunst — für sie hat der Zionismus nur ein verächtliches. Achselzucken. Etwas Semantisches liegt in den beharrlichen hebraistischen Demonstrationen. Sie könnten Bewunderung entlocken, wenn sie nicht mit der völligen Ignorierung der bedeutendsten. Lebens-, und Kultur-Probleme des jüdischen Volkes gepaart wäiren . . . 1 Der politische Zionismus hatte zum Ziel — die Umgestaltung des gesamten jüdischen Lebens auf neüen weltlichen, sozialen und politischen Grundlagen.-Er konnte und durfte seinem mnersteh Wesen ' nach mit dem jüdischen Klerikalismusnicht paktieren. Jedenfalls müßte er in allen Religionsfragen die strengste Neutralität bewahren. Im heutigen Zionismus dagegen macht sich gerade die entgegengesetzte Tendenz bemerkbar. So verpflichte t der X. Kongreß sämtliche zionistischen . Institutionen und Funktionäre, nichts zu unternehmen, was irgendwie^ gegen unseren religiösen Traditiorialismus verstößt . . . Und'" doch ist es zwischen der Kongreßmehrheit und dem „Misrachi" zu keiner dauernden Verständigung gekommen. Trotz aller Friedenshymnen ist man in Kriegsstimmung voneinander geschieden. Auch das hängt aufs innigste zusammen mit der allgemeinen Evolution des Zionismus von den weiten politischen und sozialen Gesichtspunkten allgemein nationalen Charakters zur Praxis der winzigen Tat ohne fernere Perspektiven und zum kulturell-traditionälistischen Sektierert u m. Ist denn auf dem Gebiete der geistigen Kultur, auf welche der Zionismus sich immer mehr beschränkt, ein ersprießliches Zusammengehen von Freisinn und Orthodoxie denkbar? Und so vollzieht sich im heutigen Zionismus immer intensiver die soziale Auslese. Von einer fast alle sozialen Schichten des Judentums umfassenden Volksbewegung wird der Zionismus immer rapider zu einer geistig hebraistischen Mittelstandsbewegung, die Hand in Hand mit der assimilatorischen Anerkennung der Landessprachen im alltäglichen Umgange und mit der Ignorierung, ja oft Bekämpfung der jüdischen Volkssprache einherschreitet. Dieser Evolution folgend, ist der Zionismus gezwungen, sich aus den Wochentagen in den Sabbat, aus der Oeffentlichkeit in das Haus zu flüchten, „Sei Jude in deinem Zelte und — „Mensch" in deinem Verkehr mit der Umwelt" ... So muß der Schwerpunkt .. des. Zionismus, von,, den, .großen,Problemen, der Gesamtheit auf die atomistischen Bestrebungen des Individuums übertragen werden ... Nordau sagte: „Und wahrlich, zu jubilieren haben wir heute Weniger Ursache als zu irgend einer Zeit seit der Zerstörung des zweiten Tempels." Aber nicht bloß deshalb, weil alle unsere Posten nur eine Meldung zu erstatten haben: „Feinde ringsum!", sondern auch deshalb, weil die einzig bedeutende jüdische Volksbewegung der Neuzeit, die einen so schwungvollen Anlauf nahm, in den Sand winziger Taten und machtloser Romantik verlaufen ist . . . Und wenn am Schlüsse der Tagung von mehreren Rednern hervorgehoben wurde, der Geist Herzls schwebte und lebte in den Kongreßberatungen, so beweist das nur, wie wenig Verständnis für den kühnen Schwung des großen Führers im heutigen Zionismus übrig geblieben ist . Wehmutsvoll schaute von der Höhe sein tief besorgtes Antlitz auf die Epigonenschar, wie sie machtlos vor dem vergoldeten Kalb kauerte. Und mit kaum gezügelter Freude beherrschten die Blicke des Pharisäers die dem Leben Entrückten und dem tötenden Geiste Erlegenen Pharisäer, du hast gesiegt! ... Basel, im August.

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