Mannheim
Compact Memory

Neue Nationalzeitung · 1911-08-25 · Heft 17 (25.8.1911) · page 1

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XIII (1911)
Issue
Heft 17 (25.8.1911)
Date
1911-08-25
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2425679-2425829-2425847--2116-2428524
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

3 entity mentions

NSÜ5 NflGiMQL-ZETCUNG XIII. JAHRGANG. WIEN, 25. AUGUST 1911. Nr. 17. Der zehnte Zionistenkongress (Von Theodor Herzl bis Achad Häatn.) Von Dr. Max Schatz. Unbemerkt und mit gespannter Erwartung lauschte von der Press-Tribüne den Verhandlungen der ersten Kongreßtage ein Mann mit sarkastischüberlegenem Lächeln auf den schmalen, eng zusammengepreßten Lippen und sprühenden Funken des Fanatismus in den unbeweglich forschenden Augen. Nach wenigen Sitzungen saß er zwischen den Delegierten und die zuversichtsvolle Ruhe des Siegers lag auf den spitzen Zügen seines scharf umrissenen Antlitzes . . . Der Man war — Achad Haam*) ...Und der Besiegte war — der Herzische Zionismus . . . Ein Jubiläumskongreß war es — der Abschluß einer fast 15jährigen Evolution. Und wenn wir nun dem hoffnungsreichen Ausgangspunkt und dem großen historischen Endziel des Herzischen Zionismus die bisherigen Ergebnisse und die wesentlichen Bestrebungen des heutigen Zionismus gegenüberstellen, so kann kein Zweifel mehr darüber bestehen, daß die Wege des Zionismus und die der politischen und sozialen Emanzipation des jüdischen Volkes sich endgültig geschieden haben. Die seichten „Zionsfreunde" (Choiwewei-Zion) — ein steriles Geschlecht — standen an der Wiege unseres national-politischen Freiheitsgedankens. Das- *) Uoiter diesem Namen ist Herr Uscher Günzburg aus Odessa als hebräischer Schriftsteller bekannt. Er lebt derzeit in London. Die Redaktion. selbe Geschlecht hat nun das große Erbe übernommen und es in Scheidemünze eingetauscht. Ein neues freies Leben sollte dem Volke angebahnt werden — und als lebensfremde Sekte von Hütern der toten Tradition hat uns der X. Kongreß den Zionismus gezeigt . . . In den glanzvollen Jugendjahren des Zionismus, da hieß es: Dem Volke ohne Land gibt das Land ohne Volk wieder! . . . Wohl hat das Volk kein Land. Das Land aber hat ein Volk, es hat seine Herrscher. Im Eifer des ersten Sturmganges haben alle übersehen, daß Palästina nach seinem politischen, sozialen und ethnischen Bedingungen — ein — typisches Diasporaland ist. Schon heute, wo fast keine Judeneinwanderung in Palästina besteht, nimmt der arabisch-jüdische Konflikt an Schärfe zusehends zu. Die politischen Chancen bei der Pforte sind gleich Null . . . Und gerade in diesem Moment, wo das Endziel sich entfernter als je erwiesen hat, sollte der Welt die „Fruchtbarkeit" der Bewegung demonstriert werden. „Zion ist tot, es lebe — die „praktische" Arbeit in Palästina!" . . . Durch Almosen löst der Spießer das Problem der Armut. Durch ein hebräisches Gymnasium in Palästina erkauft sich der Zionismus die Gewissensruhe . . . Zion, früher das politische Endziel, wurde nun als Dekorationsmittel für geistig-kulturelle Goluspolitik, in den Vordergrund gestellt. — Müßte es denn sonst nicht als testimonium paupertatis einer sich als allgemein-jüdisch gebärdenden Bewegung aufgefaßt werden, daß sie den Schwerpunkt ihrer Wirksamkeit auf die wenigen Zehntausende sephardischer Juden in Palästina verlegt . . .

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.