Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XIII (1911)
- Issue
- Heft 16 (11.8.1911)
- Date
- 1911-08-11
- Page
- Seite 7 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 16 ,Neue National-Zeitung" Seite 7 nich, trüben Angedenkens? Apres nous le deluge. Das heißt mit anderen Worten: „Was soll ich mir den Kopf derer zerbrechen, die nach uns kommen?" Soweit ich bis jetzt die Annehmlichkeiten von Bilowitz verkostete, denke ich doch daran, wenn der Herr mir und den Meinen Leben, Gesundheit und das nötige Kleingeld schenkt und mir die Wahl zwischen Bilowitz und dem ebenso berühmten Mokra Hora bleibt — auch ein Luftkurort in der Nähe der mährischen Landeshauptstadt mit viel Staub und wenig Wald — im nächsten Jahre sagen wir nach Norderney zu gehen. Quod Dii bene vertant! „Wenn man eine Reise tut, kann man was erzählen", singt der alte Claudius, der Dichter Urians und nicht der römische Cäsar. Sie sehen, hochgeschätzter Herr Redakteur, man kann auch erzählen und nur eine Reise von 10 Minuten Bahnfahrt tun. „Warum in die Ferne schweifen, sieh, das Gute liegt so nah." Bilowitz ist allerdings nicht das absolut Gute, aber auch nicht schlecht. Ich fasse alle seine Güte in e i n Wort zusammen, dies bedeutungsvolle, nicht mit vielem Gelde aufzuwiegende Wort heißt Ruhe. Die hat man hier. Und kann man auch in Hemdärmeln über die Straße gehen. Was will man mehr in diesem Leben der Unruhe, ehe der berüchtigte Engel kommt und uns einberuft zur ewigen Ruhe? Doch das ist nicht mehr laimig. Darum schließe ich und grüße Sie, Herr Redakteur, recht heiter. Bilowitz, im Monate Menahem-Ab 5671. Dr. Max Grünfeld. Der Jahresbericht der Baron J-firschschen Schulsfiffung. Der Bericht für das Schuljahr 1909/10, welcher jüngst erschienen ist, weicht kaum wesentlich von seinen Vorgängern ab. Seit dem Rücktritt des verdienstvollen Dr. Moritz Friedländer hat sich die Leitung der Schulstiftung geradezu bureaukratisch verknöchert. Das einzige Originelle besteht darin, daß alljährlich aus Gründen des Budgets einige Volksschulen aufgelassen werden, nachdem die Bevölkerung der in Betracht kommenden Städte sich bereits an die Schule gewöhnt hat und sie als unentbehrlich ansieht. Die komische Idee des Herrn David von Gutmann, als Präsident der Baron Hirsch'schen Schulstiftung, Schulen aufzulassen, um als Präsident der Israelitischen Allianz moderne Cheders in der Gestalt einklassiger Schulen zu errichten, wurde bereits in diesem Blatte ausführlich gewürdigt und es erübrigt uns nunmehr, darauf hinzuweisen. Der Zweck besteht offenbar darin, daß die Allianz, die angesichts ihrer Untätigkeit jeden Lebenszweck verloren hat, auf irgend eine Scheinleistung hinweisen kann. Und deshalb greifen Herr Gut mann und sein Adlatus aus Rußland, um ihre krasse Unorientiertheitzu zeigen, gerade zu einer Volkschule. Warum versuchen sie es nicht mit einer Handels- oder Handwerkerschule, die die jüdische Jugend für ihr wirtschaftliches Fortkommen notwendig hat? Gehen ja doch selbst die Wunderrabbis schon daran, für die handwerksmäßige Ausbildung der jüdischen Jugend im Lande zu sorgen? Der geistige Horizont des Herrn von G u t m a n n zwingt auch die Baron Hirsch'sche Schulstiftung in den engsten Rahmen. Es wird fortgewurstelt. Die Stiftung unterhielt im Berichtsjahre 43 Volksschulen, davon 41 in Galizien und 2 in der Bukowina; 363 Lehrlinge wurden in den verschiedenen Orten von Galizien und Bukowina, überdies in Wien (12) bei verschiedenen Meistern untergebracht, resp. betrug am 1. September 1910 die Gesamtzahl 248. Schließlich wurden 17 Abendkurse für Analphabeten abgehalten, welche von 622 Schülern besucht waren. Hiefür wurden verausgabt K 553.891*37, wovon auf Verwaltungsspesen und Provisionsfonds über K 53.000, somit ca. 10%, entfallen. Außerdem steuerte die Baronin Hirsch'sche Jubiläums-Stiftung zur Bekleidung und Verpflegung der Volksschüler im Berichtsjahre K 52.012*24 bei. Wenn man den Bericht zu Ende liest, so wird man dem Kuratorium das Zeugnis ausstellen müssen, daß es sich seine Aufgabe sehr leicht gemacht, aber auch alles getan hat, um unsere Neugierde wachzurufen. Einen trockeneren Jahresbericht kann man sich kaum denken. Die Herren vom Kuratorium glauben wahrscheinlich, ihre Pflicht erfüllt zu haben, wenn die Ziffern stimmen. Denn sie bieten uns einen Wisch, der nichts anderes enthält, als trockene Zeilen. Die Herren scheinen sich darauf, daß sie sich gegenseitig kooptieren, sehr viel einzubilden, und setzen sich einfach über die Kontrolle der Oeffentlichkeit hinweg. Diese Kontrolle kann sich aber nicht auf die Ziffern beschränken; sie bezieht sich auch auf die Tendenz, den Umfang und die Entwicklung der von der Stiftung geschaffenen Institute, das Schicksal und das Fortkommen ihrer Zöglinge — mit einem Worte: der Bericht muß der Oeffentlichkeit ein genaues Bild dessen vorführen, was die Stiftung angestrebt und erreicht hat. Wir finden nichts von dem: Der Verfasser des Berichtes ist ein eingefleischter Feind der Statistik. Aus Geheimtuerei oder Bequemlichkeit? Wir vermissen jede Auskunft, wie viel von den 6227 Volksschülern die Schulen absolviert und welchen Berufen sie sich zugewendet haben. Die ausgewanderten, ausgetretenen oder freigesprochenen Hajndwerkslehrlinge werden generell mit 197 angegeben. Warum wird hier nicht detailliert? Warum erfahren wir nicht, was die Freigesprochenen unternomen haben, ob sie im Lande blieben oder auswandern mußten? Warum erfahren wir nicht, nach welchem Prinzip die Stiftung bei Verteilung der Lehrlinge auf verschiedene Gewerbe vorgeht? Warum haben wir 70 Schneider- und 39 Tapezierer-Lehrlinge, aber nur 1 Buchbinder-, 1 Dekorationsmaler-, 1 Posamentierer-, 1 Zahntechniker- und 1 Zuschneider-Lehrling? Eine offenbare Irreführung und Verwirrung der öffentlichen Meinung wird mit folgendem Satze bezweckt (S. 13): „Seitens der Gutsverwaltung in Slobodka lesna wurden 19 Absolventen der Baron Hirsch-Stiftungsschulen in die dort errichtete Ackerbauschule aufgenommen, um sie zu Landwirten heranzubilden." Damit verhält es sich folgendermaßen: