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Neue Nationalzeitung · 1911-08-11 · Heft 16 (11.8.1911) · p. Seite 6

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XIII (1911)
Issue
Heft 16 (11.8.1911)
Date
1911-08-11
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
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Seite b „Neue National-Zeitung" Nr. 16 brüllter, von Wäldern limrauschter, von unseren lieben Brünner Glaubensgenossen gerne aufgesuchter Winkel. Sein Name? „Namen ist Schall und Rauch", wie unser gemeinsamer Freund Goethe sagt, an dessen heiligem Worte ich mich hier so gerne erquicke. Der Name meines diesjährigen Tuskulums ist Bilowitz. Wie Sie schon aus diesem Worte ersehen, ist es notwendig, mit oder ohne Sprachenausgleich, der zweiten Landessprache hier mächtig zu sein, wie man sie in unserem lieben Mähren nennt. Man kann in diesem reichgesegneten Lande der Zuckerrübe und Hannagerste der nationalen Frage eben nicht ausweichen. Gewählt wurde allerdings in diesem Dorfe nicht der tschechisch-klerikale, sondern der sozialdemokratisch-autonome, sage und schreibe tschechische Kandidat. Mein Hausherr, eine biedere und fromme Seele, erzählte mir dies mit resignierter Miene. Er meinte: selbst der heilige Vater müsse in diesen schlimmen Zeiten nachgeben, und, trotz alles Modernismus, die Feiertage abschaffen. Ich freilich betrachte diese Maßregel aus einem anderen Gesichtswinkel, sehe darin einen kühnen Schachzug der altbewährten, päpstlichen Diplomatie, von der ich einen „Kortob" — wir sagen ein Quentchen, auch anderen Leuten wünsche . . . Doch, wohin gerate ich? Sie wünschen doch einen „launigen Badesaisonbericht". Werden wir also launig. Bilowitz, in unser geliebtes Deutsch übertragen, etwa Weißdorf, verdient seinen Namen, besonders, wenn der Vater Aeolus den Urstaub aufwirbelt, der sich hier auf der Straße lagert. Dann ist es in eine weiße Wolke gehüllt und es wird uns dunkel vor den Augen. Einige wohltätige Gewitterregen befreiten uns von dieser Plage, die so alt ist, wie die Pyramiden Aegyptens und die Pharaonen, die sie erbauten. Auch die Fliegen, die hier ihr Unwesen treiben, erinnern an die Krankheiten und Plagen des Pharaonenlandes. Sonst hat Bilowitz mit Aegypten nichts gemein. Denn unser Volk zog aus Aegypten, fühlt sich aber zu Bilowitz sehr hingezogen. Der Ort ist von der mährischen Landeshauptstadt sehr leicht zu erreichen: zu Fuß, im Fiaker, Automobil, auf dem Rade und natürlich auch auf der Bahn. Flugschiffe gibt es hier vorläufig noch nicht. Die Schnellzüge fahren stolz vorüber, man kann aber den Arbeiterzug benützen, wenn man es besonders nötig hat, aus der Schwüle der Stadt zu gelangen, in die Kühle des Landes. Die Wohnungen, wenn man nicht glücklicher Besitzer oder wenigstens Mieter einer Villa sein kann, sind ziemlich primitiv: Bauernstuben mit Heiligenbildern, ohne sonstiges Meublement und meist mit elektrischem Lichte ausgestattet. Diese Errungenschaft unserer neuen, wenn auch nicht besseren Zeit, drang bis an die Ufer der Zwitta. Unsere slawischen Brüder nennen sie Zwittawa. Die Zwitta also ist ein wohltätiges Wässerchen, an dem Bilowitz liegt. Heuer wird in diesem Wässerchen viel gebadet. Und, da wir hier sehr viele Rousseaus haben, insoferne wir alle in diesem Orte, mehr oder weniger, zum Naturzustande zurückkehren, so baden Männlein und Weiblein, ein zweites Gänsehäufel, meist gemeinschaftlich. Sonst sind die Sittlichkeitszustände von Bilowitz, wie man mir versichert, über jeden Zweifel erhaben. Der Zweifel ist der Vater der Philosophie, sagt, wenn ich nicht irre, unser lieber Freund Plato. Philosophen also, und solche, die es werden wollen, können auch an der Moral in Bilowitz zweifeln. Was in Ostende möglich ist, wird auch in Bilowitz nicht unmöglich sein. „Menschen, Menschen, sind wir alle", und, wer sich im Punkte Sittlichkeit frei fühlt von jeder Schuld, nehme den ersten Stein und werfe ihn — auf Bilowitz. Wieder bin ich von meiner launig sein sollenden Schilderung auf ein abgelegenes Gebiet, das der Moral und Philosophie, geraten. Verzeihen Sie, hochgeschätzter Herr Redakteur, die Abschweifung. Ich will mich demnächst bessern. Uebrigens wäre eine Dissertation über den Wald und die Sittlichkeit nicht gerade überflüssig. Zumindest originell. Politik und Philosophiei wurden in meinem Badesaisonberichte bereits gestreift. Nun käme die Religion an die Reihe. Bilowitz ist also ein Luftkurort, mit 1500 tschechischen Ureinwohnern, einigen hundert städtischen Sommerkolonisten, mit viel Staub, wenn es nicht regnet, schönem, ahnungsreich verschwiegenem Walde, liegt an der Zwitta und besitzt auch eine — Sie glauben, jetzt kommt das Wort Synagoge, nein, Sie haben sich getäuscht, also besitzt auch eine Kirche. Was ist da weiter dabei? höre ich Sie ausrufen. Gemach, Sie werden bald nicht ausrufen. Denn in dieser Kirche, und das ist das Launige bei der Geschichte, wurde noch keine Messe gelesen. Hoch empor ragt sie, aber sie ist und bleibt, vorläufig wenigstens, gesperrt. Sie ist nämlich noch nicht bezahlt, trotzdem, wie man mir erzählt, unsere Glaubensgenossen, beiderlei Konfession, ihr Scherflein zu ihrem Baue redlich beitrugen. Wohltätigkeit ist ja bekanntlich eine unserer schönsten Eigentümlichkeiten. Point d'argent point d'eglises. Und so blickt denn das Kirchlein, mit seinen schlanken, etwas schwankendem Türmlein, wie die Sonne Homers auf Gerechte und Ungerechte, Tschechen und Deutsche, Christen und Juden hernieder. Kirchen bauen, ist gewiß schön, aber sie bezahlen noch schöner und schwieriger. So wartet denn dies Kirchlein noch immer auf seine Eröffnung. Vielleicht erbarmen sich seiner einige hocharistokratische Gutsbesitzer. Müssen denn überall Juden dabei sein? Da wir von den Juden reden, so bemerken wir, daß sie einige stattliche Minjanim hier abgeben würden. Ich setze voraus, daß, nach der berühmten Anekdote vom Könige von Italien und seinem jüdischen Kriegsminister Ottolenghi, auch Mindergebildete wissen, was ein Minjan ist. Es fehlte also zu den Neun der Zehnte hier nicht. Den Vorschlag, die Kirche zu einer Synagoge zu adaptieren, billigen wir nicht. Wohl wurden in alten Zeiten jüdische Synagogen in Kirchen verwandelt, siehe Toledo und Wien. Das waren eben alte Zeiten. Kirchen aber ins Jüdische zu übertragen, würden wir auch in unserer neueren Zeit nicht gutheißen. Aber wie wäre es, wenn sich Glaubensgenossen hier zu einem Gottesdienste zusammenschlössen? Man erwäge den Vorschlag. Es scheint aber, daß wir es da mit keinem dringenden Bedürfnisse zu tun haben. Unsere jüdischen Brüder und Schwestern, die nach koscherem Fleische Verlangen haben, müssen es sich aus der Landeshauptstadt transportieren lassen. Die Mehrzahl hält dies nicht für nötig. Und so läßt es sich erklären, daß zwar die Kirche auch mit jüdischem Gelde erbaut wurde, aber es noch lange währen wird, bevor man hier ein Minjan zustande bringt. Wie sagte doch die Pompadour und nach ihr Metter-

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