Mannheim
Compact Memory

Neue Nationalzeitung · 1911-08-11 · Heft 16 (11.8.1911) · p. Seite 5

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XIII (1911)
Issue
Heft 16 (11.8.1911)
Date
1911-08-11
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2425679-2425829-2425846--2107-2428514
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Nr. 16 „Neue National-Zeitung" Seite 5 Bedauerlich ist es, daß außer den galizischen Abgeordneten sonst von den großen parlamentarischen Parteien in die Debatte gar nicht eingegriffen wurde. Haben denn die nichtgalizischen Parteien gar kein Interesse an der Reinheit der Wahlen? Gelten ihnen die hundert Opfer der Gewehrsalven nur als eine „rein galizische Sache"? Wo sind denn die verschiedenen „Volksmänner" geblieben, die bei diversen Gelegenheiten ihre Weisheit an dem Problem des Wahlgerichtshofes verzapfen? Sie haben alle geschwiegen, wiewohl doch die Einsetzung eines Wahlgerichthofes durch die Drohobyczer Vorgänge eine aktuelle Bedeutung erlangt hat. Jetzt haben sie für den Dringlichkeitsantrag des Polenklubs gestimmt, und damit ist für sie die Sache erledigt. Der Dringlichkeitsantrag des Polenklubs unterschied sich von allen anderen Anträgen dadurch, daß er sich mit einer strafgerichtlichen Untersuchung begnügte, während die anderen eine parlamentarische Enquete verlangten. Nach dem Verhalten der großen parlamentarischen Verbände und den Enunziationen der Minister war die Beschließung einer Enquete höchst unwahrscheinlich. Eine solche Enquete kostet sehr viel und man erfährt oft mehr, als man wissen möchte. Die Versicherung der Minister, daß die gerichtliche Untersuchung strenge gehandhabt wird, klingt sehr bestechend und vermag alle Gemüter zu beschwichtigen, die gewohnt sind, usque ad finem zu untersuchen. So ist denn tatsächlich der Antrag des Polenklubs zur Annahme gelangt mit einer vom Obmann Dr. v. Bilinski selbst beantragten Modifikation, daß die Regierung über das Ergebnis der Untersuchung dem Hause ehemöglichst erschöpfenden Bericht zu erstatten habe. Von größtem praktischen Wert ist die Annahme jenes Passus der Dringlichkeitsanträge, der allen gemeinsam ist; er betrifft die Unterstützung der Opfer, respektive ihrer Familien aus Staatsmitteln. Damit wären die Folgen des Blutbades wenigstens teilweise gutgemacht. Speziell die jüdischen Familien der Ermordeten befinden sich in der größten Notlage. Sie haben ihre Ernährer verloren und müßten hungern. Das Parlament hat ihnen die volle Entschädigung bewilligt und die Zentralregierung wird dafür sorgen, daß die Verteilung der Subventionen nicht von der Abstimmung der Familienmitglieder bei der bevorstehenden Ergänzungswahl abhängig gemacht wird. Vor allem muß man fordern, daß die vom Staate zu gewährenden Entschädigungen ohne Verzug geleistet werden. Auch der Antrag des Polenklubs, der zum Beschlüsse erhoben wurde, erteilt diesbezüglich der Regierung die weitestgehenden Vollmachten. Möge sie davon keinen engherzigen und den schnellsten Gebrauch machen. Mit dem Schlüsse der Parlamentsdiskussion ist wahrscheinlich leider die Drohobyczer Affäre für die Oeffentlichkeit abgeschlossen. Wir sind schon abgestumpft, speziell wenn sich diese Ereignisse in Galizien abspielen. Es bleiben nur noch die Gräber und Krüppel zurück. Es wird aber noch einmal eine Zeit kommen, daß man zu diesen Gräbern wallfahren und den Märtyrern von Drohobycz ein historisches Andenken widmen wird. Brief aus der Sommerruhe. Herr Redakteur! Sie wünschen, ich möge Ihnen, wie alljährlich, einen „launigen Badesaisonbrief" für Ihr geehrtes Blatt einsenden. Ihr Wunsch ist mir, wie immer, Befehl. Nur weiß ich nicht, ob dieses folgende Schreiben „launig" ausfallen wird, denn Sie verstehen wohl unter diesem Worte das, was man gut gelaunt zu nennen pflegt. Mit der guten Laune, einer natürlichen Folge eines wohltemperierten Wesens, das wieder seinen Quell in einem wohlgefüllten Säckel, trefflichem Appetite, gutem Schlafe und anderen nicht zu verachtenden Gütern des menschlichen Daseins hat, zu denen ich auch eine bequem eingerichtete, am Rande eines schattigen — Schatten, wie bist du doch in diesem gesegneten, sonnigen Sommer so teuer! — Waldes zähle, mit der guten Laune wird's vielleicht hapern. Wir befinden uns auch im Trauermonate Ab, in dem man, schon nach der Mischna, „die Freude vermindern soll". Gut gelaunt zu sein, gewöhnt uns demnach schon unsere Religion ab . . . Doch der Mensch soll nicht murren und das bischen Freude und Sonne sich nicht nehmen lassen, sei es nun von unserem teueren „freiheitlichen deutschen Nationalverbande", sei es vom argentinischen Fleische und den aus diesem hergestellten „koscheren Würsteln", sei es von der zur Seeschlange ausgearteten Marokkofrage oder der Debatte über Drohobycz und der genialen Obstruktion unserer liebwerten magyarischen Brüder. Diese garstigen politischen Lieder sollen uns nicht verhindern, den alten Hippogryphen uns zu satteln zum Ritte ins Land der guten Laune. „Dolce far niente", sagen unsere Freunde, die Italiener. Sie haben tausendmal recht. Die Ferien sind die schönst» Einrichtung unseres blühenden Unterrichtswesens. Und, wenn uns auch die große finanzielle Not der Zeit nicht gestattet, nach Ostende unsere Schritte zu richten oder wenigstens nach den Dolomiten, wo es auch mit der rituellen Bespeisung nicht zusammengehen soll, oder nach dem näheren Salzkammergute, das Bewußtsein, dahin gehen zu können, weil wir wenigstens die Muße dazu haben, ist schon viel Geld wert. Und, so besitzen wir wenigstens das so viel verachtete, und doch vielbegehrte Geld — im Bewußtsein. Besser wäre es allerdings, wir besäßen es in der Tasche. Doch, Sie fragen mich, hochgeschätzter Herr Redakteur, wo ich mich eigentlich befände? Nicht in Ostende, nicht in Landro und Umgebung, nicht in Ischl, nicht einmal in Heringsdorf, nein, das dünne Papier, auf dem ich diese melancholisch-launigen Gedanken der flüchtigen Ewigkeit eines rasch verrauschenden Journalartikels übergebe, sagt Ihnen schon, daß ich mich in einen Winkel zurückgezogen habe, in dem die Natur in ihrer ursprünglichsten Einfachheit uns empfängt, die Misthaufen balsamische Düfte ausatmen, die Wälder hoch emporragen, breitstirnige, volleutrige Kühe, lustiges Gebrülle ausstoßen, kurz, um mit dem alten Horaz, der, aus dem Misthaufen, genannt Rom, sich so gerne zu den ländlichen Misthaufen hingezogen fühlte, zu sprechen: Hic mihi angulus praeter omnes ridet. Auch mir lächelt in diesem Jahre ein ländlich riechender, von Kühen durch-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.