Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XIII (1911)
- Issue
- Heft 16 (11.8.1911)
- Date
- 1911-08-11
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 „Neue National-Zeitung" Nr. 16 anspornendem Beispiel vorangehen. Ünd zum stärksten Hemmnis ist dieJCA dem jüdischen Volke auf diesem Wege geworden. Durch ihre sinnlos, ja schädlich gewordene Existenz allein und durch die „böhmischen Dörfer" ihrer Berichte erweckt sie den falschen und lähmenden Anschein, als ob etwas von Bedeutung auf dem Gebiete der Kolonisation geschaffen werde. So ist nun wieder einmal gut gemeinte Wohltat zur wahren Plage geworden. Es muß offen und rückhaltlos gesagt werden: die JCA trägt heute den größten Teil der Schuld daran, daß das wachsende Kolonisationsbedürfnis der jüdischen Massen sich bisher keine zweckentsprechenden Mittel und kompetenten Organe zu seiner Befriedigung geschaffen hat. Es ist die dringendste Pflicht der jüdischen Oeffentlichkeit, der zu dienen die JCA ins Leben gerufen wurde, die sie aber tatsächlich selbst unausgesetzt zu bevormunden strebt, eine sichere Garantie dafür zu schaffen, daß die JCA ihrer Bestimmung gemäß wirksam sein soll. Das von Herrn Chasanowitsch vorgeschlagene Abhilfe- und Reformprogramm sucht auf zwei Fragen eine Antwort zu geben. Erstens, wie können die bisherigen Fehler der JCA ausgebessert werden! Zweitens, auf welche Weise sollen neue Kolonisten angesiedelt werden! — Die Prinzipien einer erfolgreichen jüdischen Kolonisation faßt der Verfasser in folgender Weise zusammen: „Freiheit, billiger Kredit, reichliche landwirtschaftliche Kenntnisse, Genossenschaftswesen, möglichst nahes Aneinanderwohnen und Gesellschaftlichkeit" (p. 154). Demgemäß sollte in der Zukunft die JCA weniger als Kolonisatorin in der bisherigen berüchtigten Weise auftreten, sondern sich in erster Reihe die Schaffung gut funktionierender Krediteinrichtungen und Institute zur Verbreitung allgemeiner und landwirtschaftlicher Kenntnisse, wie Farmschulen, Musterfarmen usw., zum Ziele stellen. — Als Leiterin der ferneren Kolonisation sollte sich die JCA hauptsächlich auf eine Parzellierungsbank und die Institute für den kleinen Betriebskredit beschränken. Den Kolonisten soll in allem Uebrigen die vollste Freiheit der individuellen Betätigung gelassen werden. Zur Wahrung und Förderung ihrer gemeinsamen Interessen müssen die Kolonisten einen Verband gründen, von welchem sie unter dem terroristischem Drucke der JCA-Administration seit Jahren nur zu träumen wagen. Die jüdische Oeffentlichkeit muß nun den bedrängten Kolonisten mit ihrer moralischen Stütze tatkräftig unter die Arme greifen. Zum Zwecke der vollständigen und allseitigen Aufdeckung der horrenden Mißwirtschaft in den JCA-Kolonien — erneuert und unterstützt Herr Chasanowitsch den vom Redakteur des „Hameliz", Zederbaum, bereits eingangs der 90er-Jahre des verflossenen Jahrhunderts gemachten Vorschlag — eine spezielle Untersuchungs-Expedition aus bekannten und vertrauenswürdigen Persönlichkeiten nach Argentinien zu entsenden. Nachdem die jüdische Oeffentlichkeit das genaue Bild der Beamtenkorruption und Kolonistenmisere vor Augen haben wird, wird sie zweifelsohne den heutigen, jeden Verantwortlichkeitsgefühls baren Schicksalslenkern des Volksvermögens ihr einmütiges und kraftvolles: „Hände weg!" zurufen. Denn — die gründliche Aufräumung mit den Augiasställen der heutigen JCA ist eine der wichtigsten Vorbedingungen für die gedeihliche soziale und nationale Sanierung des Judentums durch ein großangelegtes rationelles Kolonisationswerk. Dr. S. R. Landau: f)ie Drohobyczer Metzeleien vor dem Parlament*) Das Abgeordnetenhaus hat vor dem Schlüsse seiner Tagung auch noch die Drohobyczer Frage durch Annahme der Anträge des Polenklubs erledigt. Die Art der Durchführung der Debatte war für die Aufklärung über diese Vorgänge nicht günstig. Trotzdem kann man sagen, daß die Oeffentlichkeit durch sie genügend informiert wurde. Sie wurde am besten informiert aus dem Munde Seiner Exzellenz des Herrn Ministers des Innern. Keiner der sechs Antragsteller, die, abgesehen vom Obmann des Polenklubs, der Opposition angehören tmd die mit Ausdrücken höchster Leidenschaftlichkeit das entsetzliche menschenmordende Schauspiel schilderten, hat in sointeressanter Weise die Vorgeschichte des Zusammenstoßes dargestellt, keiner von ihnen konnte, in Ermangelung der ministeriellen Autorität, die unmittelbaren Urheber der blutigen Vorgänge — die Beamten der Bezirkshauptmannschaft — so schonungslos brandmarken, wie der Minister des Innern. In seiner Rede fanden alle jene Ungeheuerlichkeiten, die einen Hohn auf das freie Wahlrecht bilden, ihre Bestätigung und gleichzeitig ihre Verurteilung: die Tatsache, daß für 8000 Wähler ein kleiner Turnsaal als Wahllokal bestimmt wurde; die „Mittagspause", die in Galizien von der Bevölkerung als „Geisterstunde" bezeichnet wird; die „Bürgerwehr", eine Horde von Wahlhyänen, der mittels „Legitimationen" vom Bezirkshauptmann das Monopol zu Wahlschwindeleien und terroristischer Betätigung verliehen wurde. Diese Tatsachen allein genügen, um die Reinheit und Korrekheit der Wahl Dr. Löwensteins in das richtige Licht zu rücken. Was der Minister sonst erzählte, vom Menschenmaterial, das im Petroleumindustriegebiet vorherrschend ist, von den Familien, die um die Vorherrschaft in der Gemeinde kämpfen, von dem Vertrauen, das die jüdischen Wähler dem Kultuspräsidenten schenkten, das sind bloß Floskeln und Arabesken, die dem Minister fertig aus Lemberg geliefert wurden, die aber ihren Zweck, den bluttriefenden Rahmen der Drohobyczer Reichsratswahl blässer zu färben, kaum erreichen werden. Der Minister hat den Wünschen der Antragsteller Rechnung getragen und die strenge Bestrafung der schuldigen Beamten in Aussicht gestellt. Wir wollen hoffen, daß er, soweit es auf ihn persönlich ankommt, dieses Versprechen erfüllen wird. Das wäre auch das Geringste, was er tun kann. Denn nicht die Beamten allein trifft die Schuld, sondern das System, das sich in Galizien breitmacht. Die Piatkiewicz' und Lysiewicz' sind bloß Typen. Wenn man sie wegjagt, kommen andere. Warum gibt es* in keinem anderen Kronlande solche Verwaltungsbeamte, nur in Galizien? . . . *) Aus der „W i e n e r [S o n*n- und Montags- Z eijtung" vom 31. v. M. ~ Die Redaktion.