Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XIII (1911)
- Issue
- Heft 16 (11.8.1911)
- Date
- 1911-08-11
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 16 „Neue National-Zeitung' Seite 3 Untauglichkeit der Juden als Kolonisationsmaterial. Abgesehen davon, daß die Juden sich in Nordamerika, Palästina und sogar in Rußland als tüchtige Landwirte erwiesen haben, liefert die argentinische Kolonisation selbst genügende Beweise der Unnahbarkeit jener Behauptung. Es existieren nämlich in Argentinien außer der JCAschen noch drei jüdische Kolonien, die aber nicht aus dem philantropischen Bevormundungssystem, sondern von — Nichtjuden auf privatkapitalistischer Basis errichtet sind und die im krassen Gegensatz zu jenen in jeder Beziehung florieren. Auch der große Bodenhunger in den jüdischen Kolonien der JCA sowie der ungeheure Prozentsatz der Kolonistenkandidaten (77 Prozent!), die in der Regel Jahre lang mit bewundernswerter Ausdauer auf ihre Kolonisierung warten, auch dies straft die JCAschen Beschuldigungen Lüge. Allerdings dürfen die negativen Momente und Faktoren, die den landwirtschaftlichen Beruf für die Juden bedeutend erschweren, wie die relative körperliche Rückständigkeit, der Mangel an landwirtschaftlicher Tradition und Erfahrung usw., nicht in Abrede gestellt werden. Daß sie aber keineswegs ein unüberwindbares Hemmnis für die jüdische Kolonisation darstellen, beweist überall zur Genüge bereits die erste in den jüdischen Kolonien aufgewachsene Generation, die an Ausdauer und Arbeitsfleiß nichts zu wünschen übrig läßt. Auch hier bewährt sich die ungemein elastische Anpassungsfähigkeit der Juden an die mannigfaltigsten Verhältnisse. V. Es bleibt nur noch eine wirksame Ursache des argentinischen Fiaskos — die JCA selbst — ihre Kolonisationssystem und seine Durchführung durch ihre Administration. Der philantropische Feudalismus der JCA ist es, der aus dem großen nationalen Sanierungswerk eine winzige Bagatelle gemacht hat. In erster Linie kommen da die Verträge in Betracht, durch welche die JCA die Kolonisten an Händen und Füßen fesselt. Sämtliche Paragraphe dieser Verträge handeln von den Pflichten der Kolonisten und Rechten der JCA, keiner von den Rechten der ersteren und Pflichten der letzteren. Solange der Kolonist nicht seine ganze Schuld an die JCA abgetragen hat, bleibt ihr das Eigentum an der Farm sowie an allem, was sich auf der Farm befindet. Es ist nun klar, daß diese Bestimmung den Kolonisten jede Kreditbasis raubt, da sie kein Hypothekardarlehen auf ihre Farm und Inventar aufnehmen können. Der Kolonist ist ferner nicht berechtigt, die Schuld vor Ablauf der im Kontrakt festgesetzten Frist abzutragen, es sei denn, daß die JCA damit einverstanden ist. Für die Jahresrate bürgt der Kolonist mit der Ernte. Nur eine vis major, die aber von der JCA als solche anerkannt werden muß(!), berechtigt den Kolonisten zur Prolongation der Rate auf ein Jahr — und auch das nur bei 4 Prozent Verzinsung. Durch alle diese und ähnliche Bestimmungen wird tatsächlich ein HörigkeitsVerhältnis schlimmster Art für die Kolonisten geschaffen, das in ihnen jede freie Regung und jede Initiative töten muß. Es tritt hier noch die hinterlistige Antinaturalisationspolitik der JCA-Beamten hinzu, die es vorziehen, mit rechtlosen Ausländern, als mit vollberechtigten argentinischen Staatsbürgern zu tun zu haben. Auf diese Weise sind die Kolonisten vollständig der Gnade oder vielmehr der Ungnade der JCA-Beamten ausgeliefert. Ich sage Ungnade, denn der soziale Gegensatz zwischen den hochmütigen reichen Wohltätern und niedergeschlagenen armen Wohltatenempfängern wird durch den kulturellen Gegensatz zwischen den kolonisierenden West- und kolonisierten Ost-Juden bedeutend verschärft und zugespitzt. Die JCA-Beamten blicken auf die Kolonisten mit souveräner Verachtung herab. Was den eigentlichen Kolon isationsp 1 a n betrifft — wenn hier von einem Plan überhaupt die Rede sein kann — so scheint sich die JCA alle Mühe zu geben, um ihre Wirksamkeit in eine den objektiven Tendenzen der jüdischen Wanderung diametral entgegengesetzte Richtung zu lenken. Die Grundtendenz aller jüdischen Wanderungen, die von ihren sozial-wirtschaftlichen Triebfedern wie auch von den national-kulturellen Bedürfnissen der wandernden Massen diktiert wird, war stets und ist auch heute mehr als je — die Konzentration. Das kolonisatorische Ideal der JCA war und ist noch heute das gerade Gegenteil davon — die Zerstreuung der einzelnen Kolonien über alle Provinzen, Länder, ja Weltteile einerseits und der Kolonistenwohnungen und Farmen innerhalb jeder Kolonie — anderseits. Zu den Merkmalen des JCA sehen Systems gehört ferner das eigenartige Zunftwesen, das die JCA in ihren Kolonien ausgebildet hat, indem sie die Verkehrs- und Gewerbefreiheit vollständig aufgehoben und ein Monopol auf Handel und Handwerk eingeführt hat, was wiederum für das Wohl der Kolonisten in keiner Weise förderlich ist. Neben dem Mangel einer Kreditbasis und an Kapital ist dieses Zunftwesen eine der Ursachen des gänzlichen Fehlens von Agrarindustrie in den Kolonien. Für die Kolonisationsmethode der JCA ist es ferner besonders bezeichnend, daß sie nicht das Geringste getan hat, um in den Kolonien agrikulturelles Wissen zu verbreiten. Nach alledem darf es uns nicht wundernehmen, daß dem JCAschen Kolonisationswerk jeder höhere Schwung und jede tiefere ideelle Triebkraft abgeht. Treffend charakterisiert daher die Situation in Argentinien H. Chasanowitsch, wenn er sagt: „Kopf und Rumpf voneinander getrennt, Pioniere der Muskelarbeit ohne Pioniere der Idee — das ist das traurige Bild unserer argentinischen Kolonisation" (1. c. p. 104). Man darf sich hierbei von der Komödie des üppigen Wohlstandes und gedeihlichen Fortschrittes, die die JCA der Oeffentlichkeit in der Gestalt ihrer pompösen Berichte jährlich vorführt, nicht betören lassen. Die Pariser Oligarchie findet für ihr Werk nur die rosigsten Farben und tönendsten Laute . . . Herrn Chasanowitsch ist es vortrefflich gelungen, den bitteren Kern der Wahrheit von der dick verzuckerten Schale dieser aufgeputzten Berichte zu befreien. VI. Auf dem für das heutige Judentum neuen und ungemein schwierigen Gebiete der Kolonisation sollte uns die JCA ihrer Bestimmung gemäß mit tatkräftig