Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XIII (1911)
- Issue
- Heft 16 (11.8.1911)
- Date
- 1911-08-11
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 „Neue National-Zeitung" Nr. 16 samtheit nicht absprechen. Auf irrealen Wegen und mit unzulänglich-utopischen Mitteln suchte sie doch das Volk den großen Zielen seines historischen Entwicklungsganges zuzuführen. Unter diesen oft großmütigen nach ihren Motiven und großzügigen nach ihren Perspektiven, aber kleinkalibrigen nach ihrer Methode und erbärmlichen nach ihren Ergebnissen — Werken der jüdischen Philantropie nimmt wohl das kolonisatorische Unternehmen des Baron Hirsch den ehrenvollsten Platz ein. Denn neben seinen erhabenen humanitären Intentionen enthält es bis zu einem gewissen Grade auch die Antizipation der jüdischen Zukunft, wie sie sein muß und wie sie sein soll. Mindestens Millionen russischer Juden sollten in 25 Jahren in Argentinien als freie Kolonisten auf autonomer Basis angesiedelt werden — ein soziales Riesenwerk von unermeßlicher historischer Größe und nationaler Tragweite. Dieses Werk nun sollte die von Baron Hirsch im Jahre 1891 gegründete „Jewish Colon ization Association" (JCA) mit einem Kapital von 10 Millionen Pfund Sterling nach seinem Tode vollenden. Wenn man nun nach mehr als zwanzigjähriger Existenz der JCA jenes große Ziel mit den heutigen in jeder Beziehung kläglichen Resultaten ihrer Wirksamkeit vergleicht, so ergibt sich mit vollster Evidenz der gänzliche Bankerott der JCA und eo ipso des Chariteprinzipes auf dem Gebiete der jüdischen Kolonisation überhaupt. E i n Verdienst hat sich die JCA in der jüdischen Kolonisationsgeschichte erworben. Sie hat uns mit einer großen negativen Erfahrung bereichert, indem sie uns in anschaulichster Weise gezeigt hat, wie man nicht kolonisieren soll..... Ein Stadium, das wir infolge unserer äußersten Armut an Erfahrungen auf diesem Gebiete leider durchmachen mußten. Nun aber sollen wir aus den Fehlern der Vergangenheit und leider noch der Gegenwart für die Zukunft lernen und diese Lehren auch der bisher vor der jüdischen Oeffentlichkeit gänzlich unverantwortlich obligatorisch geleiteten JCA wohl oder übel beizubringen suchen- III; Was lehrt uns nun das Schicksal des JCA sehen Hauptwerkes — die Geschichte der jüdischen Kolonisation in Argentinien? Mit diesem Problem befaßt sich eine an Tatsachenmaterial .und persönlicher Erfahrung reichhaltige Abhandlung von L. Chasanowitsch über „Die Krise der jüdischen Kolonisation in Argentinien und den moralischen Bankerott der JCA-Administration."*) *) Verlag „Bildung", Stanislau 1910. Der Autor hatte während seines Aufenthaltes in Argentinien von der Regierung die stärksten Verfolgungen zu erdulden und wurde schließlich aus dem Lande ausgewiesen. Er gehört aber allem Anschein nach nicht zu denjenigen, die sich von persönlichen Kachemotiyen in ihrer gesellschaftlichen Wirksamkeit leiten lassen. Die Abhandlung trägt den Stempel vollster Aufrichtigkeit und ist von einer tiefen Liebe für, die jüdische Kolonisationssache durchdrungen. Hatte er ja; gerade "deshalb die^Verfolgungen'auszustehen, weil er die WahrheitT tiber flie Läge der jüdischen Köfdiristen auf decken wollte. Acht Kolonien besitzt die JCA in Argentinien,, deren Bevölkerung sich nach dem Bericht von 1909j auf folgende Weise verteilt: Kolonien Kolonisten Immigranten Summe Konzessionäre Famil. Seelen Famil. Seelen Famil. Seelen Mosesville . . Hara . .' . San Artoiiiö . Santa Isaoel . LnclenvUle . Manricio . . Baron Hirsen . Bernaseoni . . 401 553 134 47 234 249! 235 1 122 551 666 163 49 320 307 251 129 2961 2741 889 296 1805 1674 1321 720 201 269 29 7 250 232 54 12 1430 1503 171 42 1501 1070 212 25 752 935 192 56 570 539 305 141 4391 5244 1080 338 3306 2744 1533 745 Zusammen j 1975 2436 13407 1054 5954 3490 19361 Wenn man aber die Zahl der Immigranten, die erst darauf warten, kolonisiert zu werden, sowie derjenigen, die bereits in Rußland Ackerbauer waren, in Abrechnung bringt, so schrumpft die Gesamtzahl der von der JCA in 20 Jahren in Argentinien Kolonisierten auf — 8250 Seelen zusammen! —Tatsächlich hat die JCA in Argentinien mehr städtische Ghetti — also neue Herde des Antisemitismus — als Kolonien ins Leben gerufen. Es ist daher m. E. Herrn Chasanowitsch beizupflichten, wenn er diese Wirksamkeit der JCA als Hauptursache des ungemein raschen Anwachsens der antisemitischen Bewegung in Argentinien trotz der relativ ganz geringen jüdischen Bevölkerung bezeichnet. Für die wirtschaftliche Höhe der bestehenden Kolonien ist der Umstand besonders bezeichnend, daß in ihnen fast ausschließlich die extensivsten Formen der Landwirtschaft — der Feldbau und die Viehzucht — getrieben werden, während von ihren höheren Formen, wie Gemüse- und Gartenbau, Geflügelzucht, Milchindustrie und anderen Vereinigungsformen von Landwirtschaft und Industrie fast keine Spur vorhanden ist. Die chronische Krise, welche die Kolonien seit ihrer Gründung bis auf den heutigen Tag plagt, hält die meisten von ihnen unausgesetzt in ihrem Zustande der Agonie und nährt die fortwährende Flucht aus den Kolonien. IV. Wer und in welchem Maße trägt nun an dem Fiasko der argentinischen Kolonisation Schuld? Es kommen hier drei Faktoren in Betracht. Argentinien als Kolonisationsland für Juden, die Juden als Kolonisationsmaterial und die J. C. A. als Kolonisatorin. Was den ersten dieser Faktoren betrifft, so kommt H. Chasanowitsch auf Grund einer eingehenden Betrachtung der physischen und wirtschaftlichen Verhältnisse des Landes zum Ergebnisse, daß eine großangelegte jüdische Kolonisation trotz mancher ungünstiger Momente in Argentinien doch möglich ist und daß das Fiasko der JCA daher durchaus nicht auf die Rechnung des Landes igesetet werden kann. . Nicht selten beruft sich die JCA-Administration zur Erklärung ihres Fiaskos auf die vermeintliche