Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XIII (1911)
- Issue
- Heft 15 (28.7.1911)
- Date
- 1911-07-28
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 6 „Neue National-Zeitung' Nr. 15 etwas ausgerichtet, weswegen der in Wien geplante Emigrationskongren überhaupt nicht stattfinden, sondern im Jahre 1912 eine Konferenz mit beschränkter Tagesordnung abgehalten werden wird. * * * Wo wohnen die meisten Juden? Ohne Zweifel in New-York, wo in den letzten Jahren die Zahl der Juden außerordentlich zugenommen hat. Die letzten Schätzungen beweisen, daß in dem Häusermeer, daß die Amerikaner „Greater New-York" nennen, das heißt also in New-York und in dessen Vorstädten insgesamt 1,100.000 Juden leben. Aber selbst vor zwei Jahren schon, als sich ihre Zahl blos auf 1 Million belief, waren in New-York allein mehr Juden, als in ganz Deutschland, England, Prankreich, in der Schweiz und in Italien zusammengenommen. Der' Direktor einer in New-York funktionierenden Missionärgeselisehaft (The New-York Jewish Evangelisation Society) gab jüngst mit Unterstützung der Brooklyner Bibelgesellschaft ein Buch heraus, nach dessen Daten, die sich auf 1,100.000 Personen belaufende jüdische Einwohnerschaft New-Yorks mehr als 20 Prozent der Gesamteinwohnerzahl bildet, wohingegen in London und in Paris kaum mehr als zwei Prozent der Gesamteinwohnerzahl Juden sind. In Chicago, im anderen größten Judenzentrum der nordamerikanisehen Staaten ist das Verhältnis des Judentums SVa Prozent. In Berlin befinden sieh 7 Prozent (163.000) Juden, in Montreal (Kanada) 7 Prozent, in Wien nahezu 9, in Amsterdam 11, in Warschau 33, in Lodz 37 und in Jerusalem 55 Prozent. Diese vehemente Vermehrung hat noch bei weitem ihren Höhepunkt nicht erreicht. Wie die Flut wächst noch immer . die Judeneinwanderung in die Vereinigten Staaten — hauptsächlich infolge der Judenverfolgungen in Eußland, nachdem 80 Prozent der Auswanderer aus Kußland sich nach Amerika begibt. SPREQHSfl/IL. Am jüdischen Friedhof in Wien. Nichts ist so geeignet, den Menschen ernst zu stimmen als die Stätte, von der es heißt: „Groß und Klein ist dort". Man sollte nun meinen, daß am heiligen Gottesacker alle sozialen Unterschiede ausgeglichen seien, besonders bei den Juden! Doch weit gefehlt. Wer Gelegenheit ergreift, so einen wöchentlichen Vormittag in der Zeremonienhalle der jüdischen Abteilung des Zentralfriedhofes zuzubringen, wird sich überzeugen, welche Holle in Wien das Geld auch nach dem Tode noch spielt. Stirbt so ein armer Mann, dessen Hinterbliebenen nicht in der Lage sind, ihrem verstorbenen Familienmitgliede eine erst- oder zweitklassige Beerdigung anschaffen zu lassen, so wird der Arme sang- und klanglos in die Gruft gesenkt. Ein Beamter der Chevra- Eadischa verrichtet gewohnheitsgemäß das übliche Gebet — und die Totengeschichte ist erledigt. Hat aber jemand das Glück gehabt, im Leben über etwas Kleingeld zu verfügen, so kann er dessen sicher sein, daß, wenn er in Wien znr letzten Ruhestätte getragen wird, der Oberkantor mit dem versaiLmelten Chor ergreifende Klagegesänge anstimmen und der Rabbiner einen tiefdurchdachten Hesped halten wird, um den armen Toten, der kein anderes Verdienst hatte, als daß er es verstanden hat, Vermögen zu erwerben, über den grünen Klee zu rühmen. Ich erachte es als Pflicht der jüdischen Publizistik, sich mit dieser Frage zu beschäftigen und Änreguugen zu geben, auf welche Weise es möglich wäre, diesem Uebel abzuhelfen. Denn mit Recht dürfen wir von den' Vertretern der jüdischen Religion und von den Verwaltern jüdischer Kultusgemeinden fordern, daß wenigstens bei der religiösen Beerdigungsfeierlichkeit der Unterschied zwischen arm und reich nach Tunlichkeit. verwischt werde. Die Budapester Chevra- Kadiscba hat beispielsweise die großartige Einrichtung getroffen, daß sie einen Friedhofsprediger angestellt bat, dessen Aufgabe es lediglich ist, jedem Verstorbenen bei dessen Beerdigjng einen Nachruf zu halten und dessen Hinterbliebenen Trosl zu spenden. Wäre es nicht angezeigt, daß dieses löbliche und wirklich rühmenswerte Beispiel der Budapester Chevra- Kadischa auch bei der israelitischen Kultusgemeinde in Wien Nachahmung findet? Mit 6000 K jährlicher Gage bekäme die israelitische Kultusgemeinde einen Friedhofsprediger, dem sie nicht einmal den Titel „Gemeinderabbiner" verleihen müßte, so daß eine Opposition seitens der Wiener Rabbiner gar nicht zu fürchten wäre. Warum sollen die armen Witwen und Waisen, die ihren Ernährer durch den Tod verloren haben, der vielleicht zumindest so brav und ehrlich war wie der Verstorbene, der eine reiche Witwe und reiche Waisen zurückgelassen hatte, in ihrem Unglück nicht getröstet werden? Nachum Hamasebgiach. ]RpRR6SP0hröeNZ£N Oesterreich-Ungarn. Der Jahresbericht der isr. theo). Lehranstalt. Wien. Im vergangenen Schuljahre (1910/11) besuchten das Seminar 21 ordentliche Hörer. Davon waren 10 aus Galizien, 2 aus der Bukowina, 3 aus Ungarn, einer aus Böhmen usw. Das Interresse der westösterreichischen Juden für den Rabbinerstand ist im Niedergang begriffen und es bleibt nur noch Galizien als das Hauptreservoir talmudbeflissener Rabbinatskandidaten. Notabene kommen die nichtgalizischen Kandidaten mit so mangelhaften jüdischen Kenntnissen in die Anstalt, daß sie einer rigorosen Beurteilung nicht Stand halten können. Dagegen gibt es für jeden, der die Verhältnisse kennt, nur ein Mittel: Die Schaffung eines jüdischen Proseminars in Verbindung mit einem jüdischen Gymna.sium, wie..dies■; in Budapest der Fall ist. Dazu fehlen aber bei uns das Verständnis dps Kuratoriums, der Druck der jüdischen öffentlichen Weinung und die finanziellen Mittel. Im Kuratorium sitzen fünf Advokaten, dann diverse . Herren, bei denen man eigentlich begierig wäre, den Rechtstitel ihrer Kuratorschaft zu kennen: David von Gutmann, Emil Karpe 1 es . . . Der Wiener Kultusverstand ist durch sechs Vorsteher, darunter vier Advokaten, vertreten, aber der einzige Mann, der im Kultus vorstände über Rabbiner-Seminare am besten Bescheid weiß, weil er eine Jeschiwah absolviert hat und Rabbinatskandidat war — Dr. Markus Spitzer, wurde in das Kuratorium nicht delegiert. Das Gesamtbudget der Lehranstalt betrug im Berichtsjahre 46.000 K. Dieselben mußten mühsam zusammengeschnorrt werden: Von der hohen k. u. k. Regierung (es soll wohl heißen k. k. Regierung, denn die Subvention ward von der österreichischen und nicht yon der gemeinsamen Regierung erteilt) ist eine Subvention per 10.000 K ausgewiesen. Seit 18 Jahren des Seminarbestandes gibt die Regierung denselben schäbigen Betrag. Traut sich denn niemand an den Unterrichtsminister wegen einer Erhöhung heranzutreten? Bemerkenswert für das Interesse, welches unsere Wiener „großen' Juden dem Seminar entgegenbangen, ist, daß seit seinem Bestände, mit Ausnahme der Bauspende des Ritter v. Taussig von 20.000 K, keine namhafte Spende der Anstalt zufiel. Zu verzeichnen wäre auch, daß als Lehrer der polnischen Sprache ein Christ, ein gewisser Julius Balicki angestellt wurde. Hoffentlich revanchiert sich Kardinal Puzyna und stellt demnächst im. Krakauer katholischen Seminar einen Juden an ... .