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Neue Nationalzeitung · 1911-07-28 · Heft 15 (28.7.1911) · p. Seite 2

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XIII (1911)
Issue
Heft 15 (28.7.1911)
Date
1911-07-28
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 „Neue National-Zeitung" Nr. 15 eingewanderten Juden ein, worunter sein bisher unbestrittenes Ansehen sehr stark gelitten hat. Besondere Anerkennung verdient die aktive Teilnahme des Dr. Adler an allen, das Judentum betreffenden sozialen Fragen. Nach dieser Richtung könnte er den Oberrabbinern anderer Staaten als Muster dienen. Er beschränkte sich nicht auf sein noch so umfangreiches „geistliches Amt", sondern war bei allen Organisationen und Kongressen, bei denen politische und wirtschaftliche Fragen der englischen Judenschaft behandelt wurden, mittätig. Noch in den letzten Monaten, als er bereits schwer krank war, zeigte er ein großes Interesse für den heftigen Kampf, den jetzt die englische Judenschaft mit erstaunenswerter Solidarität gegen die Sonntagsruhe führt. Der große Schmerz der englischen Judenschaft um den Verlust ihres Oberhauptes wird noch erhöht durch die Sorge um die Person des Nachfolgers. Der einzige Sohn des Dr. Adler, der zu seinem Nachfolger prädestiniert wäre, ist vor einem Jahre gestorben, und in den Reihen der englischen Reverends findet sich kaum einer, der den aristokratisch-exklusiven Leitern der Londoner Gemeinde ebenso genehm wäre wie dem jüdischen Bürgertum. Es gilt als sehr wahrscheinlich, daß die Funktionen des Chief-Rabbi auf ein mehrgliedriges Ober-Rabbinat übergehen werden. * * * Die Biographie. Dr. Hermann Adler war im Jahre 1839 als Sohn des Oberrabbiners in Hannover, Dr. Nathan Markus Adler, geboren. Schon im Kindesalter kam er mit seinem Vater, der 1845 über Empfehlung des englischen Prinz-Gemahls den Ruf als Chief-Rabbi des britischen Reiches erhalten hatte, nach London, wo er nach absolvierten Studien und gründlicher talmudischer Ausbildung zunächst als Lehrer am Jews' College wirkte. 1864 wurde er als Prediger an der Bayswarter Synagoge gewählt und von da aus wurde er 1879 nach dem Tode seines Vaters auf den höchsten rabbinischen Posten im vereinigten britischen Reiche berufen. Seit 1891 war er Chefrabbiner der vereinigten jüdischen Kongregationen in England. Er galt als Repräsentant der gesamten englischen Judenheit. Das zeigte sich auch im Juni 1909 bei Gelegenheit der Feier, welche das Londoner Judentum aus Anlaß des 70. Geburtstages seines Oberrabbiners veranstaltete. König Eduard VII. hatte telegraphisch seine Gratulation gesendet und die Universität zu Oxford ernannte ihn zu ihrem Ehrendoktor. Angefangen vom 6. Juni erschienen Deputationen der Provinzgemeinden jeden Tag in der Wohnung des Oberrabbiners bis zum 10., der für den eigentlichen Festtag angesetzt war. Ungefähr 3000 Menschen erschienen zu dem Empfange, den Lord Rothschild, der Präsident der United Synagoge, zu Ehren Dr. Adlers gab. * # * Das Leichenbegängnis. Chief-Rabbi Dr. Adler hat ein bescheidenes Leichenbegängnis letztwillig verlangt und ein solches auch erhalten. Es wurden keine Trauereden gehalten, die Blumenkränze wurden, da man sie nicht ablehnen konnte, an das Londoner Hospital abgeführt. Der Bruder des Verstorbenen Mr. Elkan Adler hat das Kadisch- Gebet verrichtet und das Leichenbegängnis war zu Ende. . Es ist selbstverständlich, daß an demselben die Führer der jüdischen Gemeinde, darunter Lord Rothschild mit seiner Familie sowie die Vertreter der anderen Konfessionen und der literarisch-wissenschaftlichen Welt teilgenommen haben. Generalversammlung der „Jewish Colonization Association4'.*). Paris, 6. Juli. Am 1. d. M. fand unter dem Vorsitz des Vizepräsidenten des Verwaltungsrats, Herrn F. Philippson- Brüssel, die Generalversammlung der Jewish Colonization Association slatt. Der Leiter der Versammlung stellte zunächst fest, daß die Versammlung ordnungsmäßig einberufen sei. Sodann wurde das Protokoll der Versammlung vom 25. Juni v. J. genehmigt und der Jahresbericht über die Tätigkeit der Gesellschaft im Jahre 1910 sowie die Bilanz des verflossenen Geschäftsjahres und die Bestätigung ihres Richtigbefundes durch einen vereidigten Sachverständigen, der die Bücher der Gesellschaft geprüft hat, vorgelegt. Nach Genehmigung vorbenannter Berichte teilte der Vorsitzende mit, daß der Zeitraum von fünf Jahren, für welche die Herren Leonard L. Cohen, Paul Errera, N. Leven, H. G. Lousada, S. Reinach und Dr. James Simon-Berlin zu Mitgliedern des Verwaltungsrates gewählt worden sind, abgelaufen sei und daß nach dem § 25 der Statuten die ausscheidenden Mitglieder wiedergewählt werden könnten. Auf den Vorschlag des Präsidenten erfolgte einstimmig die Wiederwahl der seheidonden Mitglieder auf einen Zeitraum von weiteren fünf Jahren, worauf er folgenden Bericht erstattete: Meine Herren! Indem ich die Sitzung eröffne, will ich zuerst im Namen dieser Versammlung unsere aufrichtigsten Wünsche für eine haldige Genesung unseres hochverehrten Vorsitzenden, Herrn N. Leven, zum Ausdruck bringen. Hoffen wir, ihn bald wieder auf seinem Platze in unserer Mitte zu sehen. Die Gründung unserer Gesellschaft datiert von dem Tage, an welchem Herr Baron v. Hirsch mit seinem weiten Blick und der ihm eigenen Hochherzigkeit den Entschluß gefaßt hatte, unsere heimatlosen von Unterdrückung und Elend verfolgten Glaubensgenossen in den fruchtbaren Ebenen Argentiniens anzusiedeln. Indem er diese Idee in die Tat umsetzte, ist er nach Ueberwindung großer Schwierigkeiten, wie neue Unternehmungen dieser Art sie zu bringen pflegen, nicht allein dazu gelangt, aus unglücklichen Mensehen *) Dieser Jahresbericht verdient die öffentliche Aufmerksamkeit durch zwei Momente. Erstens, weil er sich im Gegensatze zu den bisherigen Jahresberichten nur mit den Kolonien in Argentinien beschäftigt,;dagegen die kolonisatorische Tätigkeit der Ica in anderen Ländern (Brasilien, Kanada, Nordamerika und Palästina) ganz außer acht läßt, zweitens weil er sich der Aufgabe unterzieht, die in letzter Zeit gegen die kolonisatorische Tätigkeit in Argentinien verlautbarten Beschwerden zu widerlegen. Wir veröffentlichen diesen Jahresbericht, um diese Rechtfertigungsversuche der Oeffentlichkeit mit zuteilen. Dagegen halten wir es für unsere publizistische Pflicht, . auch den Beschwerdeführern das Wort zu erteilen. In einem Artikel von Maxim Anin, den wir in der nächsten Nummer veröffentlichen, sollen die Mängel des jüdischen Kolonisations-Systems in Argentinien ausführlich dargelegt werden. Der Vizepräsident der Ica hat noch lange nicht das letzte Wort in dieser bedeutsamen Frage gesprochen. Die Redaktion.

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