Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XIII (1911)
- Issue
- Heft 15 (28.7.1911)
- Date
- 1911-07-28
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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NKJS WCiOm-ZHGÜNG XIII. JAHRGANG. WIEN, 28. JULI 1911. Nr. 15. Chief-Rabbi Dr. Hermann Adler. Die englische Judenheit hat ihr geistliches Oberhaupt verloren. Nun wird es erst den Juden Großbritanniens klar, wie bedeutungsvoll die Institution ihres Ober-Rabbinates ist, nachdem dessen Träger verschieden ist. Die Stellung des Chief-Rabbi Dr. Adler findet auch in der ganzen Welt nichts ihresgleichen. Er war der englischen Regierung gegenüber der offizielle Repräsentant der gesamten englischen Judenheit. Seiner Oberaufsicht unterlagen die Rabbinate des ganzen großbritannischen Reiches einschließlich der Kolonien von Kanada, Südafrika, Australien usw., weshalb auch die Regierung die prominente Stellung des Chief-Rabbi ebenso würdigte wie die der geistlichen Hochwürdenträger anderer Konfessionen. Hat auch der Verstorbene dieses Amt voll und ganz ausgefüllt? Diese Frage zu beantworten, ist nicht so leicht. Der Verstorbene war als Nachfolger seines Vaters, des Chief- Rabbi Doktor Nathan Adler, der zweite Träger dieses Amtes, und war zweifellos bemüht, dessen Aufgaben gierecht zu werden. Er war kein glänzender Redner Chief-Rabbi Dr. Hermann Adler.] und kein hervorragender Gelehrter, aber er war ein ungemein kluger Mensch, der durch eine lange Zeit sehr gut verstand, zwischen den verschiedenen Strömungen zu lavieren und den Frieden in der Gemeinde, dessen Erhaltung er als seine wichtigste Aufgabe ansah, zu fördern. Seine Stellung war eine ungemein schwierige, da er auf der einen Seite gegen die einheimischen Reformer und auf der anderen Seite gegen die eingewanderten Orthodoxen ankämpfen mußte, keinem aber von beiden Teilen Konzessionen machen wollte. Der Verstorbene war streng konservativ und nur seinem Einflüsse ist es zuzuschreiben, daß die Reformersekte des Professors Marx und seit jüngster Zeit des Claude Montefiore über ihren geringen Anhang nicht hinausgekommen ist. Er war ein Gegner der Orgel und des gemischten Chores. In dier letzten Zeit allerdings kam es zu Weiterungen zwischen dem Verstorbenen und den orthodoxen Rabbinern, deren Recht zur Scheidung er bestritt. Aus dieser Stellungnahme heraus trat eine Entfremdung zwischen dem Verstorbenen und den