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Neue Nationalzeitung · 1911-07-14 · Heft 14 (14.7.1911) · p. Seite 10

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XIII (1911)
Issue
Heft 14 (14.7.1911)
Date
1911-07-14
Page
Seite 10 (sequence 10)
Language
German
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Seite 10 a Neue National-Zeitung " Nr. 14 Ueber die jüdischen Ackerbaukolonien in Palästiua veröffentlicht der Korrespondent des ..Berliner Taghlatt" in Jaffa anläßlieli der Angriffe einiger Abgeordneten im türkischen Parlament sehr interessante Mitteilungen, die geeignet sind, für die Kolonien in den Kreisen der westlichen Judensehaft neue Sympathien zu erwecken. Auch die alten Freunde der jüdischen Kolonisation in Palästina werden durch diese Nachrichten gewiß sehr angenehm berührt sein. „Die Kolonien sind durch die Höhe, auf welche sie ihre Plantagen gebracht haben, für das ganze Land vorbildlich, wie sie sich auch sonst durch die Einführung moderner landwirtschaftlicher Arbeitsmethoden, durch die Anpflanzung großer Eukalyptuswälder zum Zweck der Assanierung sumpfiger Gegenden, durch ein gutes Unterrichtswesen und die Unterhaltung guter Aerzte und Spitäler um die Hebung des Landes verdient gemacht haben. Die Araber haben von ihnen viel gelernt, in ihren Kolonien als Arbeiter Geld verdient und sind in der Nähe der jüdischen Kolonien fast durchweg zu AVohlstand gelangt Daß von Unabhängigkeitsgelüsten der Kolonien, die im ganzen nur 8000 Seelen zählen, im Ernst nicht gesprochen werden kann, ist ohne weiteres klar. Selbst wenn man die ganze jüdische Bevölkerung Palästinas in Betracht zieht, die 86 OUO Seelen zählt (darunter zur Hälfte alte Leute, die aus religiösen Gründen nach Jerusalem einwandern), bleibt es lächerlich, von „einem zweiten Kreta" zu sprechen. Die Kolonien unterstehen wie alle übrigen Dörfer den türkischen Gesetzen. Richtig ist, daß sie ihre Prozesse lieber durch ein Schiedsgericht unter sich austragen, als daß sie sich an die außerordentlich saumseligen türkischen Gerichte wenden und daß sie die Ausbesserung von Wegen und die Beförderung ihrer Briefschaften lieber selbst besorgen, als auf die türkischen Wegebau- und Postbehörden zu warten, die leider noch alles zu wünscheu übrig lassen. Kaum irgendwo geht es aber so ruhig und friedlich zu, kaum irgendwo sind die allgemeinen Angelegenheiten so gut geordnet, als in diesen jüdischen Kolonien. Es ist bezeichnend, daß auch der Abgeordnete von Jerusalem in seiner abfälligen Kritik nichts anderes zu sagen wußte, als daß er den in den jüdischen Kolonien bestehenden Postdienst in allen Orten Palästinas zu sehen wünsche und daß in den jüdischen Kolonien unter einem freigewählten Vorstande musterhafte Ordnung herrsche." LITERATUR VIND THEATER „Nach Amerika.*' (Ein neues Werk von Schalom Asch.) „Nach Amerika" betitelt sich ein neues Buch von Schalom Asch, das soeben im Jargon erschienen ist. Im New-Yorker Ghetto spielt der Roman, mit dem der Dichter gevriß viele neue Freunde gewinnen wird. Die Helden sind russische Juden, die nach Amerika eingewandert sind. Von ihren Leiden und Freuden handelt das Buch. Schalom Asch war vor einem Jahre in Amerika. Ueber seine dortigen Eindrücke hat er im „Fraind" einige glänzende Artikel veröffentlicht. Umso fieudiger ist es zu begrüßen, daß seine Beobachtungen in diesen Feuilletons nicht erschöpft waren und daß er sich das Beste für den Roman aufgespart hat, so daß er uns in diesem Buche ein vollkommenes Bild des New-Yorker Judenlebens bietet. Gegenüber den anderen Büchern von Schalom Asch bedeutet das neue Werk einen Forschrift. Es enthält nicht nur Naturschilderungen und poetische Bilder aus dem Ghetto, sondern auch eine realistische Schilderung der Wirklichkeit. Es ist eine neue Phase im Schaffen von Schalom Asch und es erfüllt uns mit Hoffnungen für seine späteren Werke. So ist ein stilles, tiefes Buch entstanden. Ein russischer Jude, der sich viel mit heiligen Büchern beschäftigt hat, muß sein Heimatstädtchen verlassen und wandert nach Amerika aus. Lange irrt er einsam und elend in den lärmerfüllten Straßen New-Yorks herum, bis es ihm gelingt, in eine Fabrik als Arbeiter aufgenommen zu werdan. Seine Frau und zwei Kinder durfte er auf amerikanischen Boden mitnehmen, aber der zehnjährige Jossale muß wegen eines Kopfhautleidens (favus) nach „Iwrope* zurück. Der Vater sehnt sich nach seinem Lieblingsjungen. Als Jossale endlich geheilt ist und nach New-York kommen darf, findet er im Hause seiner Eltern vieles verändert. Der Vater trägt einen kurzen Rock, die Schwester trägt einen Hut nach der letzten Mode, der Bruder wiederum besucht die englische Schule und interessiert sich für Sport. Die Großstadt tödtet sowohl den Körper als auch die Seele Jossales. Er siecht langsam dahin und in einer schwülen Sommernacht haucht er seine Seele aus . . . Eine gewöhnliche Geschichte, die aber ein Dichter geschrieben hat. So ist eine tiefergreifende Emigrantentragödie entstanden. Der Knabe Jossale, der sich in Amerika nicht einleben kann, ist eigentlich ein Symbol. Jeder Jude aus dem Osten Europas, der nach Amerika kommt, wird in der ersten Zeit von diesen sonderbaren Stimmungen und Gedanken beeinflußt. Es ist viel Poesie in dem Buche. Man muß lesen, wie Asch einen „Sommertag in New-York" beschreibt oder einen Ausflug, den Jossa'.e mit den Schulkindern an einem wundervollen Maimorgen macht. Ein Kinder-Orchester spielt, Mädchen streuen Blumen über die Wege und die Sonne scheint so hell und warm. Jossale aber geht still und traurig neben seinen fröhlichen Kameraden. Der schöne Sommertag hat sein Gemüt nicht erheitert. „Was wird das Ende sein?* fragt er sich immer wieder. Der Vater ist den ganzen Tag nicht zu Hause. Er sieht ihn abends kaum. Und was ist das für ein Leben? Jeder denkt nur ans Verdienen. Wer kann hier die Gebote Gottes befolgen? Wie oft muß Jossale beim Beten ganze Kapitel auslassen. Man sagt ihm, daß er Wichtigeres zu tun hat. Auch er muß bald daran denken, Geld zu verdienen. . . . So wird der Kleine von Sorgen bestürmt. Er fühlt sich fremd in dieser neuen Welt, in die er nicht hineingehört und so kommt sein Ende nicht unerwartet. Man fühlt von Anfang an, daß dieser schwächliche Knabe, der sich über Alles seine eigenen Gedanken macht, untergehen muß und legt das Buch wehmütig aus der Hand. H. B. Zeifechriffen-l^undschau. Die jüdische Presse in Rassland. In dem jüngst erschienenen Werk von J. Wolfsohn über die Journalistik in Rußland finden wir interessante Details über die jüdische Presse. Zu Ende vorigen Jahres gab es in Rußland 30 jüdische Blätter. Die meisten davon (13) erscheinen im Jargon, 7 in hebräischer, 8 in russischer, 1 in polnischer und 1 in farsischer Sprache (ein Lokaldialekt der kaukasischen Juden). 9 Blätter (7 im Jargon und 2 in hebräisch) erscheinen täglich, 14 wöchentlich. Die Jargon-Tagblätter drucken zusammen ungefähr 160.000 Exemplare; das älteste darunter ist „Der Fraind" in Warschau. Von den Fachblättern sind besonders zu erwähnen: „Der Holzhändler" (Wochenschrift im Jargon), „Der jüdische Emigrant" (Halbmonatsschrift im Jargon^ .Jewresky medyc. Golos" (eine medizinische Monatsschrift in russischer Sprache), endlich eine historische Vierteljahrsschrift in russischer Sprache „Jewreskaja Starina". Büchereinlauf. Dr. Daniel Pasmanik: Die Seele Israels. Zur Psychologie des Diaspora-Judentums. Jüdischer Verlag in Köln und Leipzig, 1911. Dr. B. Wachstein: Die Gründung der Wiener Chevra Kadischa im Jahre 17 6 3. (Geschenk des Präsidenten Salo Cohn an die Gäste des Brudermahles). Dr.Alexander Hausmann: Zywiol Zydowski w Palestynie (Das jüdische Element in Palästina). Verlag Gebethner & Wolff in Krakau-Warschau 1911. (Polnisch). Kurzgefaßtes Wörterbuch für Englisch und Jüdisch, herausgegeben vom „Hilfsverein der Deutschen Juden in Berlin«, 1911. Uebersfedlungsanzelge. Die Kanzlei des Hof- und Gerichtsadvokaten Dr. S. R. Landau befindet sich ab Mai 1911 iT I-, Oppolzergasse 4 -^ß (nächst dem Hofburgtheater).

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