Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XIII (1911)
- Issue
- Heft 14 (14.7.1911)
- Date
- 1911-07-14
- Page
- Seite 9 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 14 „Neue National-Zeitung* Seite 9 der rabiaten Judenfresser nicht tatenlos zuzuschauen, und sie entsandte nach der Stätte des Unheils einen gewissen Krassowski, der früher Chef der Kiewer Kriminalpolizei gewesen war und jetzt im Petersburger Polizeidopartement einen hohen Posten bekleidet. Seiner Tatkraft gelang es schnell, die richtigen Spuren der Täter zu finden und insbesondere den Hauptbeteiligten Njeschinski zu eruieren, ein verbrecherisches Subjekt aus den Eeinen des Schwarzen Hunderts, das bereits mit Arrestanten-Kompagnie bestraft war. Etwas spät hinkt auch die lokale Kiewer Polizei nach: der Chef der örtlichen Kriminalpolizei hat seinerseits gleichfalls die Verhaftung Njeschinskys wegen Ermordung Justschinskys angeordnet. Die Panik dürfte nunmehr in Kiew für einige Zeit schwinden. Es ist aber ein Symptom schwerster Barbarei, wenn jeder beliebige Mord den Juden in die Schuhe geschoben werden kann, so lange die Täter nicht ermittelt sind. Das Damoklesschwert der Eitualmordbeschuldigung bleibt so auch weiter über den Köpfen der russischen Juden hängen. In Kiew speziell kann sich die Judengemeinde überhaupt nicht beruhigen. Denn in anderer Form, in der Form von Massenausweisungen, findet in diesem Sommer auf Anordnung derselben Stolypinschen Eegierung ein realer Pogrom statt. Großbritannien. Gegen die Sonntagsruhe. London. Die Regierungsvorlage auf Einführung der obligatorischen Sonntagsruhe hat unter den hiesigen Juden eine heftige Protestaktion hervorgerufen. Sehr erfreulich ist es, daß sich dieser Aktion auch sämtliche jüdische Abgeordnete, ohne Unterschied der Partei, darunter die beiden jüdischen Minister, angeschlossen haben. In der am 29. Juni stattgehabten Konferenz der jüdischen Abgeordneten, der auch der Postminister Right Honorable Herbert Samuel und der Präsident des Obersten Gerichtshofes Sir Rufus Isaa es (dieses Amt sichert seinem Träger Sitz und Stimme im Ministerium) sowie der Präsident des Wohltätigkeits- Vereines „Board of Guardians" Mr. Alexander und der Sekretär des jüdischen kaufmännischen Vereines, Mr. Rosenfeld, beiwohnten, wurde beschlossen, beim Minister des Innern energische Vorstellungen zu erheben und mit allen Mitteln das Zustandekommen dieses den jüdischen Kaufmannsstand schwer schädigenden Gesetzes zu verhindern. Dieser Beschluß hatte zur Folge, daß Minister Churchill die Bereitwilligkeit erklärte, den Juden Konzessionen zu machen. Es dürfte also in einzelnen Bezirken von London, wie Wbitechapel, Stepney, Cambridge Road, ja sogar in einem Teile der City die Sonntagsruhe für Juden ausgeschaltet sein. Die jüdischen Korporationen stehen aber auf dem Standpunkte, daß das neue Gesetz überhaupt auf die Juden nicht anzuwenden sei. Das solidarische Auftreten der jüdischen Abgeordneten dürfte hiefür assschlaggebend sein. Unsere P. T. Abonnenten werden um die Begleichung der rückständigen Abonnements-Gebühr höflichst ersucht. Die Administration. »Ulf«»»»»»« GEMEiNö£= uno VBRCkNSN««iRiCR«W Wien. (Verein „ A c h w a h - J ü d i s c h e Brüder", Jüd. Volksspeisehaus, Wien, II., Herminengasse 8) Montag, den 31 Juli 1911, präz 8 Uhr abends, findet im Vereinslokale die diesjährige ordentliche Generalversammlung statt, zu welcher die Mitglieder und Förderer des Vereines höflichst eingeladen werden. ftllEH WElttCilEN War Fürst Bismarck ein Antisemit? In der Zeitschrift „Jung Ungarn" veröffentlicht Dr. Julius Kepes (Budapest) „Erinnerungen an Bismarck", unter denen sich manche interessante unbekannte Aeußerung des Kanzlers findet. Dr. Kepes wurde im Jahre 1892 dem Fürsten, der damals in Kissingen zur Kur weilte, vorgestellt. Er hatte erfahren, daß die Fürstin Bismarck den Wunsch hegte, die Zigeunerkapelle zu hören, die damals — eine ganz neue Attraktion — in Kissingen spielte. Durch Vermittlung von Schweninger gelang es, das Kanzler-Ehepaar mit dem morgendlichen Zigeunerständchen zu überraschen und der erfreute Fürst lud daraufhin Dr. Kepes zum Mittagsessen. Bei Tische herrschte eine so freie, zwanglose Unterhaltung, daß Kepes schließlich den Mut fand, an Bismarck eine überaus heikle Frage zu richten. Er fragte nämlich den Fürsten, wie es komme, daß die ganz außerordentliche, herzliche Liebenswürdigkeit, mit der er ihn auszeichnete, nicht dadurch beeinträchtigt werde, daß er Jude sei, beziehungsweise, ob er sich vielleicht hierüber orientiert habe, bevor er ihn noch mit der Einladung beehrte. „Warum fragen Sie das?" gab Bismarck zur Antwort. „Weil man im allgemeinen wissen will, Durchlaucht wären Antisemit. Ich glaube zwar nicht daran, denn Durchlaucht würden sich doch sonst kaum wohl stundenlang mit einem Eabbiner unterhalten, wie ich hier in Kissingen hörte." „Aus den deutschen Zeitungen, die Sie jetzt lesen, müßten Sie wohl den Schluß ziehen, daß ich eigentlich kein guter Deutscher mehr bin. In Wirklichkeit wird das jeder rechtschaffene Mensch als Erfindung bezeichnen. Das Märchen von meinem Antisemitismus muß in dieselbe Kategorie eingereiht werden. Ich war immer bestrebt, die Sitten dieses klugen V o 1 k e s zu bessern, ohne ihm je etwas zuleide zu tun. Das wäre auch unchristlich gehandelt, denn das Judentum bildet die lebende Zeugenschaft des Christentums. Sollten die Juden aussterben, so bin ich überzeugt, daß dies für den Fortbestand des Christentums eine ungünstige Prognose wäre. Ich wußte genau, Herr Doktor, daß Sie der israelitischen Eeligion angehören, aber dieser Umstand beeinflußt meine Gesinnung nicht, im Gegenteil (und wieder schob er meinen Arm in den seinen): die Zeugen des Christentums mögen hochleben!" Die Rabbiner-Konferenz in London. Eine Konferenz von Eabbinern und Kultusbeamten, etwa 100 an der Zahl, fand dieser Tage in London statt. Chiefrabbi Dr. Adler hielt die Begrüßungsrede, in welcher er sich u. a. gegen die Einberufung eines internationalen Synhedrins behufs Entscheidung religiöser Fragen aussprach. Ferner gab er seinem Bedauern Ausdruck über den Streit zwischen den einheimischen und fremden Eabbinern und bat schließlich die Versammlung, sich auch mit der Oberrabbiner frage zu beschäftigen, da er sich nicht mehr stark genug fühle, das Amt allein zu führen.