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Neue Nationalzeitung · 1911-07-14 · Heft 14 (14.7.1911) · p. Seite 5

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XIII (1911)
Issue
Heft 14 (14.7.1911)
Date
1911-07-14
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 14 „Neue National-Zeitang" Seite 5 Wiener Rabbinern wirklich keiner, der würdig wäre, die Kanzel der Leopoldstadt zu besteigen? Hat die Gemeinde so schlechte Wahl getroffen? Sind die amtierenden Rabbiner wirklich so klein und unbedeutend, daß sie nicht in Frage kommen konnten und können? Wo Schwägerschaften, Vetterschaften und sonstige persönliche Beziehungen mitwirken, muß naturnotwendig der gerade Weg gekrümmt und die Einsicht geblendet werden. Ja, selbst Frauenpolitik greift mit zarter Hand ein und die Liebenswürdigkeit der Gattinnen hoher geistlicher Würdenträger bestrickt die Herzen ritterlicher Kullusvorsteher und nimmt sie für Günstlinge gefangen. Wenn man schon vor sich selber keine Scham empfindet, sollte man doch nach außen wenigstens die Ehre der Rabbiner Wiens zu wahren verstehen. Auch der Oberrabbiner hat seine Pflicht gegenüber seinen Kollegen mangelhaft erfüllt und die Begründung seines Eintretens für Low war schwach. Auch er scheint befangen zu sein, wo es ihm doch sonst nicht an Mut gebricht. Kennt er seine Amtsgenossen so wenig? Von der Uebertreibung seines Lobes für Low wollen wir absehen. Das Ausland muß dazu lachen, wenn es sieht, wie Wien seine Rabbiner, von denen sich doch gar manche allgemeiner Anerkennung als Prediger, Gelehrte und Charaktere erfreuen, herabsetzt und ein Kesseltreiben begünstigt, das sowohl der Gemeinde als den Rabbinern nur Schaden und Unglimpf bringen kann. Die Episode Low endete, wie sie enden mußte. Der naivste Kenner und Beurteiler dieser eigentümlichen Berufung sah voraus, daß Low der Berufung unmöglich Folge leisten konnte. Er muß es selbst gefühlt haben. Abgesehen von der Außerachtlassung der öffentlichen Meinung und der Ignorierung ihres Urteils mußte der Vorstand wissen, daß diese Berufung auch politisch ein Unsinn war; er hätte aber auch wissen müssen, daß Low bei aller Anerkennung seiner gelehrten Arbeiten und seines, wie man sagt, vornehmen Charakters, den Ansprüchen auf der Kanzel der Leopoldstadt weder physisch noch sachlich hätte genügen können. Fast jeder einzelne der Wiener Rabbiner hätte diese Ansprüche besser befriedigt. Gibt es aber in Wien tatsächlich keinen hervorragenden Prediger, der auf dem Gebiete der jüdischen Lehre, Wissenschaft und Literatur, als Mensch und Jude auf der Höhe steht? Es wäre tief traurig, wenn dem so wäre. Der Vorstand hat die unbedingte Pflicht, seine Männer genau zu kennen und ihrem Werte ihrer Tüchtigkeit nach unterscheiden zu können. Sollte ein Rabbiner dem anderen die Auszeichnung, soferne es eine ist, mißgönnen? Hier dürfen andere, als sachliche Gründe nicht gehört werden. Der Winter ist verstrichen; die Saison ist zu Ende. Wie viele Nichtigkeiten sind behandelt, wie viele Wichtigkeiten verwahrlost worden. Das Heldenstückchen der Auflösung der Bildungsanstalt für Religionslehrer bildete den unrühmlichen Abschluß der Beratungen und die Absage Löws, der einem Rufe des Magistrats von Szegedin — nicht des Kultusvorstandes — Folge leistet und dortselbst bleibt, die Krönung des Werkes. Soll die Hetzjagd nun aufs Neue beginnen? Soll allen männlichen und — allen Respekt vor den Damen — weiblichen, schwägerlichen und schwiegersöhnlichen und sonstlichen Willküren, Liebesdiensten etc. Tor und Tür geöffnet werden? Darf es geschehen, daß man eine Gemeinde durch platte Kanzelwitzler und protegierte Vizekanzler nasführt: Es ist so menschlich, so begreiflich, wenn liebevolle Verwandte und Agnaten ihre lieben Schützlingen in Baumwolle wickeln und parfümieren, damit sie dem geehrten Publikum schmecken. Darf die Gemeinde deshalb den ganzen Rabbinerstand degradieren und deklassieren? Wir dürfen da nicht schweigen, noch ruhig zusehen. Das Ausland ist nicht reich an würdigen Bewerbern. Die Erfahrung lehrt, daß bei einem Konkurse in Wien der Konkurs in einen Bankerott ausläuft. Man weiß, daß hier zulande der festeste Boden für Machenschaften ist, und Männer, die es sonst nicht wagen, etwas zu gelten, sich vordrängen. Deshalb sind wir gegen einen Konkurs. Das darf Wien nicht nötig haben. Es muß sich selbst ehren, indem es seine Leute ehrt. Die Aera Ziegler ist noch in frischer Erinnerung. Man hat diesen Sprudel-Redner, dessen flatterhafte Theologie die Gallensteine aufrechter Männer erregen kann, nach Wien zu berufen versucht, und er hat nicht gerade unter Wahrung der Standesehre viel dazu getan. Man hat den nördlichen Kurort gegen einen südlichen vertauscht und in Nizza Low für Wien entdeckt*. Bleiben wir in unserer gemäßigten Zone. Der Vorstand wird doch nicht durchaus aus Feiglingen bestehen, die sich vor einer internen Entscheidung fürchten? Diese Auslandsucht und Iniandflucht ist für Oesterreich charakteristisch. Sie ist aber charakterlos. Wer sich in die eigene Suppe spukt, darf sich nicht wundern, wenn es andere mit Eifer und Geifer besorgen. Es gibt Speichellecker genug, denen eine solche Suppe besonders gut mundet. Prost die Mahlzeit. Es wäre jedoch endlich Zeit, diesem erbaulichen Zustande durch eine männliche, kurze Tat ein Ende zu bereiten. Und es gehört dazu nichts anderes als offenes Auge, unbestochener Blick, Sinn für die lokale Ehre, die Würde der Gemeinde, das Ansehen und die Stellung der Wiener Rabbiner. - Veritas IDer Staat und der jüdische "Religionsunterricht. (Ein Notschrei aus Böhmen.) Hofrat Camillo Kuranda hat einnal im Parlamente einen Zwischenruf gemacht, den wir von diesem sonst so gründlichen Manne lieber nicht gehört hätten. Als von einem Mitglied des Jüdischen Klubs im Sinne der von diesem Blatte seit vielen Jahren aufgestellten Postulate eine größere Rücksichtnahme des Staatsbudgets auf die Bedürfnisse des jüdischen Kultus verlangt wurde, da hat Hofrat Kuranda ganz überflüssigerweise dazwischen gerufen: „Daszahlenwirunsschonselbst". Auf diesen Zwischenfall hat Dr. Kolischer anläßlich seiner Kandidatenrede in Brody verwiesen und hat in protzenhafter Weise nachgeplappert: „Das zahlen wir uns schon selbst. Es ist uns nicht bekannt, gb die Abgeordneten Hofrat Kuranda und Dr. Kolischer auf die Bedürfnisse des jüdischen Kultus mehr verausgabt haben, als ihre — Kultussteuer. Wir würden dies auch nicht wünschen. Der jüdische Kultus muß aus allgemeinen Mitteln und nicht aus den Taschen Einzelner gedeckt werden. Was wir aber wünschen, ja sogar fordern können, ist, daß die jüdischen Abgeordneten, selbst wenn sie noch so große Nationalökonomen oder sonst tüchtige Fachmänner sind, sich über jüdische Fragen informieren, wenn sie darüber sprechen wollen. *) Die Entdeckerrollen haben diesmal Dr. Eatzan und kaiserlicher Rat Kauders gespielt. Letzterer begnügt sich offenbar nicht damit, als Millionär seine Verwandten auf Gemeindekosten zu versorgen. Er möchte auch seine Bekannten von der Riviera zu Rabbinern bestellen. Die Redaktion.

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