Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XIII (1911)
- Issue
- Heft 14 (14.7.1911)
- Date
- 1911-07-14
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 14 „Neue National-Zeitung" Seite 3 mus fallen lassen; es sei eine politische Ungeheuerlichkeit, daß dieser Mann jetzt den Juden ein Mandat abnehme, um sich — nach eigenem Zugeständnis — als Hausjude d. h. als Helfershelfer des Polenklubs gegen weitere Belohnung (bisher hatte er „bloß" die eiserne Krone und den Adel erhalten) zu betätigen. Der Schluß der Ausführungen Dr. Landaus galt den unglücklichen Hinterbliebenen und der für dieselben eingeleiteten Hilfsaktion. Er bezeichnet es als Pflicht der Regierung, für die Hinterbliebenen, die im Interesse der Staats-Autorität niedergeschossen wurden, zu sorgen. Allerdings müsse auch die Initiative vom Parlament resp. aus der Mitte der jüdischen Massenversammlungen ausgehen. Redner beantragt daher folgende Resolution: „Die am 3. Juli 1911 vom Verbände der ö.-tlichen Juden einberufene P r o t e s t-Versammlung spricht den Opfern der blutigen Exzesse von Drohobycz ihr tiefstes Mitgefühl aus. Die Versammlung erwartet, daß die Zentral-Regierung nicht bloß die an dem Massenmorde unschuldiger Menschen verantwortlichen staatlichen Funktionäre zur Verantwortung ziehen, sondern daß sie auch durch einen namhaften Betrag aus staatlichen Mitteln für die Sicherung der Existenzen der Hinterbliebenen sorgen wird/' Nach dem mit stürmischen Beifalle aufgenommenen Referat wurde die Debatte eröffnet. Es beteiligten sich an derselben Advokat Dr. Z i p s e r, der Sozialdemokrat Patzer und mehrere zionistische Redner. Dr. Z i p s e r kritisiert sehr heftig die Haltung des zionistischen Zentral-Komitees. Nach allen Richtungen haben sie sich verständigen wollen, mit dem Statthalter, mit den Allpolen und mit den Ruthenen; schließlich sind sie zwischen die Stühle gefallen. Ohne jeden Grund wurden die Kandidaturen in Westgalizien fallen gelassen, um den Kandidaten des Statthalters Stichwahlen zu ersparen; das Mandat von Brody wurde kampflos preisgegeben. Dr. Zipser regt an, daß sämtliche Zeitungsberichte zu sammeln und zu veröffentlichen seien, um der europäischen Oeffentlichkeit die Wahlschwindeleien in Galizien zu zeigen. Zwischen den folgenden Rednern wird eine sehr erregte Debatte geführt, da die Zionisten gegen die galizischen Sozialdemokraten schwere Vorwürfe erheben. Schließlich trat eine ruhigere Stimmung ein und es wurde die Resolution einstimmig angenommen. Mit Rücksicht auf den imposanten Verlauf der Versammlung haben zahlreiche Anwesende ihre Mitgliedschaft beim „Verband der östlichen Juden" angemeldet. * * * An weiteren Spenden für die Hinterbliebenen der Opfer von Drohobycz sind unserer Administration zugekommen: Herr Josef Janku, Hausbesitzer in Wien, 20 K, Kaffeehaus-Sammlung 4 K, Dr. E. B. in Prag 1 K. * * * Die Todesopfer von Drohobycz. Ihre Witwen und Waisen. Bisher fcind 25 Menschen ihren Wunden erlegen. Hoffen wir, daß damit die Zahl der Todesopfer erschöpft ist. Unter den Ermordeten sind 10 Juden. Ihre Namen lauten: 1. Chane Beck, 19 Jahre alt, ledig; 2. Leon Mühl, 33 Jahre alt, verheiratet, kinderlos; 3. Jacob Koch, 53 Jahre alt, Fiaker, verheiratet. Er hinterläßt eine Witwe und sechs unversorgte Kinder; 4. David Schiffer, 73 Jahre alt, Arbeiter. Er hinterläßt eine Witwe und eine unversorgte Tochter. 5. Israel Erdmann, 27 Jahre alt, Holzhändler. Er hinterläßt eine Witwe, ein Kind und arme, unterstützungsbedürftige Eltern; 6. Moriz R i n z 1 e r, 31 Jahre alt, Sollizitator. Er hinterläßt eine Witwe und eine arme Mutter; 7. Osias Horowitz, 18 Jahre alt; 8. Schülern Wilf, 18 Jahre alt. Er hat seine Mutter und zwei Geschwister ernährt. 9. Isak Rappaport, 24 Jahre alt, Schlossergehilfe. Er ernährte die Mutter und vier Geschwister. 10. Meilech Weingarten, 48 Jahre alt. Er hinterläßt eine Witwe und vier Kinder. Unter den schwerverletzten 45 Personen sind 18 Juden. Davon sind 10 Männer verheiratet und haben für 38 Kinder zu sorgen. Moses Horowitz: f)ie behren des 19. }uni iß Galizien. In der jüdischen Geschichte wird diesem Tage ein trauriges Gedenkblatt gewidmet werden. Mit diesem Datum ist der erste jüdische Klub im österreichischen Parlamente vom Schauplatze verschwunden, an diesem Tage ist auch jüdisches Blut in Strömen geflossen und zahlreiche Menschenleben sind dahingegangen. Nicht um neuen Ideen zum Durchbruche zu helfen, mußten in Drohobycz zahlreiche Menschen ihr Leben lassen, sondern nur, damit X oder Y Abgeordnete werden. Die Wahlopfer von Drohobycz werden keine Aenderung bewirken. Das einmal eingerissene System des Wahlterrors und -Schwindels wird insolange dauern, bis sich nicht eine österreichische Regierung finden wird, die sich wenigstens zur Wahlzeit bewußt sein soll, daß Galizien auch eine österreichische Provinz und der galizische Wähler österreichischer Staatsbürger ist, wie auch, daß österreichische Gesetze von den österreichischen Staatsbeamten in der österreichischen Provinz Galizien respektiert und streng gewahrt werden müssen. Vielleicht werden die 61 Schüsse der Mannlicher-Gewehre die österreichische Zentralregierung aus ihrer Lauheit aufrütteln! — Am 19. Juni ist der parlamentarische jüdische Klub vernichtet worden. War er ja nur ein Schlagwort. Die drei Herren, welche dem jüdischen Klub angehörten, waren vom ersten Zusammentritt an uneinig und verkehrten untereinander par distance. Es lag vielleicht in der Verschiedenheit der Lebensstellung, Erziehung. Hatten ja auch die Herren kein einheitliches innerpolitisches Programm und jeder Einzelne, darum befragt, stellte ein solches nach seinem Gutdünken auf. Die Schaffung des allgemeinen gleichen und direkten Wahlrechtes im Jahre 1907 riß auch die dumpfe jüdische Masse mit sich. Das jüdische Volk wurde aus seiner Lethargie aufgerüttelt und zeigte sich empfänglich für den freiheitlichen Gedanken. Es legte in tausenden abgegebenen Stimmen für die oppositionellen Kandidaten, trotz der behördlichen Chikanen, lauten Protest gegen die im Lande herrschende Reaktion ein, Das zionistische oder