Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XIII (1911)
- Issue
- Heft 13 (30.6.1911)
- Date
- 1911-06-30
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/2425679-2425829-2425843--2069-2428473- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 6 „Neue National-Zeitung" Nr. 13 t)ie Wahlhyäne des Dr. Ringel. (Ein Fälscherstückchen des Leon Wechsler) Der von uns bereits in der Nr. 11 genügend charakterisierte „bekretär" des ehemaligen Jüdischen Klubs und Hauptwahlmacher der zionistischen Parteileilung, Leon Wechsler, hat sich ein merkwürdiges Fälscherstückchen geleistet Statt angesichts der schweren Beschuldigungen seiner eigenen Parteigenossen Weinreb und Waldmann vom Schauplatze zu verschwinden und die zionistische Partei, die durch derartige Individuen nur enlehrt wird, vom Odium seiner Person zu befreien, greift er zum — § 19. Allein er berichtigt nicht selbst, denn er weiß wie wertlos das wäre, sondern er fälscht den Namen des Herrn Mathias Weinreb .. Am 15. Juni erhielten wir ein in Maschinschrift ausgefertigtes rekommandiertes Schreiben, worin alle gegen Leon Wechsler seitens des Herrn Matthias Weinreb erhobenen Beschuldigungen bestritten werden. Unterfertigt ist dieses Schreiben: Mathias Weinreb. Da dasselbe dem § 19, mit dem man bekanntlich Allos bestreiten kann, formell entsprach, hätten wir es veröffentlichen müssen. Zu unserem größten Erstaunen erhielten wir zwei Tage später einen Brief von Herrn Mathias Weinreb, welcher in deutscher Uebersetzung wie folgt lautet: „Geehrter Herr Doktor! Ich erlaube mir Ihnen mitzuteilen, daß ich Ihnen keine Berichtigung zusandte, resp. daß die meinen Namen tragende Berichtigung von mir nicht gefertigt ist. Zur Zeit der Absendung war ich überhaupt nicht in Lemberg. Hochachtungsvoll Mathias Weinreb, Advokaturskandidat." Lemberg, den 16. Juni 1911. (Hotel Warszawski.) Daß diese Fälschung der Unterschrift des Herrn Weinreb nur von Leon Wechsler besorgt wurde, geht aus dessen „Erklärung* im „Wschöd" hervor. In der Nummer vom 16. Juni erzählt Wechsler, daß die in Betracht kommenden Personen „direkt" unserem Blatte Berichtigungen zusandten. Wenn das eine „direkte" Berichtigung des Herrn Weinreb sein soll, von der er nichts weiß, dann hat Herr Wechsler jede Empfindung dafür verloren, was eine Fälschung ist. Bei einem Falschspieler ist dies allerdings begreiflich .... Unsere P. T. Abonnenten werden um die Begleichung der rückständigen Abonnements-Gebühr höflichst ersucht. Die Administration. Dr M. Friedländer: t)ie neuentdeckfen Oden Salomos. (Schluß.) Wo der Verfasser der Oden zu suchen ist und wo der Kreis, zu dem er gehört?85) Jedenfalls dort, wo die Literatur Israels in den letzten vorchristlichen Jahrhunderten, vor allem die Weisheitslehre, die Sibyllistik und die Apokalyptik, blühte, in welcher das nationale Stockjudentum durch ein erstaunlich weitausgreifendes Weltjudentum, das sich nach innen vergeistigte und nach außen zielbewußt und unentwegt im Heidentum missionierte, überwunden wurde. Es ist, wie unsere Oden es mit dem großen und weitausschauenden Propheten nennen: „die Pflanzung Gottes", deren Wurzel der Herr selbst gesteckt und sie getränkt und gefestigt und gesegnet hat, die tief drang und emporkam und sich ausbreitete und voll wurde, um ewige Früchte zu tragen, in der der Herr allein verherrlicht wurde, und in seiner Bearbeitung, in seiner Sorge : in der schönen Pflanzung seiner Rechten."80) „DerZweig seiner Pflanzung und ein Werk seiner Hände zum Preise", dessen Weltmission ahnungsvoll der große Prophet vorausgeschaut und mächtig angeregt hat, verkündend: „Aus dem Kleinsten sollen tausend werden, und aus dem Geringsten ein mächtiges Volk; ich, der Herr, will solches zu seiner Zeit ausrichten87); daß sie genannt werden Bäume der Gerechtigkeit, Pflanzen des Herrn zum Preise."88) — Es ist die „ewige Samenpflanze, die Pflanze der Wahrheit und Gerechtigkeit" in der Henochapokalypse, „die jetzt aufgerichtet werden soll."89) — Es istdieGemeindederHeiligen und Au s e rwiLlilten bei Henoch, deren Kreis nicht weit genug gezogen werden kann, da er sich über die gesamte hellenische und hellenisierte Welt erstreckte, deren Bekehrung und Erlösung anstrebend. Ein unaufhaltsam dahinflutender, nach der begeisterten Schilderung unserer Oden alles unwiderstehlich mit sich zum Tempel ziehender Strom, der seine unversiegbare Quelle in den Propheten hat, seine Entwicklung aber und sein riesenhaftes Anschwellen der mit ihm aufblühenden Weisheitslehre, Sibyllistik und Apokalyptik und nicht zum wenigsten dem missionsfreudigen jüdischen Hellenismus verdankt; ein Weltstrom, von dem das palästinensische, sich immer mehr national verengende Judentum nur ein unbedeutender Seitenfluß ist. — Klemens von Alexandrien, einer der eifrigsten Nachbeter des jüdischen Alexandrinismus, hat das treffliche Wort geprägt, daß das Neue Testament geschrieben sei mit den Buchstaben des Alten Testaments. Mit gleichem Rechte dürfen wir von unseren Oden behaupten, daß sie mit den Buchstaben der Propheten, der Psalmen, der Weisheitssprüche und der älteren Apokalypsen geschrieben sind. Sie sind jünger als die letzteren, aber älter als das Christentum, das „nicht in ihrem Gesichtskreis liegt", das sie aber wie keine uns bekannt gewordene Apokalypse vorbereiten und ankünden. _____ * * * 85) Cf. Harnack S. 105f. — «•) Ode 38 ,„-,,. — 87J Jes. 60 jj —22* — 88i Jes. 613 ff. Vgl. Ode lll7—„. — 89) Hen. 1016; 84 6. Dieser seit Jesaia Gemeingut der Apokalyptiker gewordenen Bezeichnung begegnen wir in dem Buche der Jubiläen wieder: „Und ich werde sie" — heißt es hier 1 — „umändern zu einer Pflanze der Gerechtigkeit." Und Jub. 2124: „Und er wird dich segnen in all' deinem Tun und wird aus dir eine Pflanze der Gerechtigkeit erwecken."