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Neue Nationalzeitung · 1911-06-30 · Heft 13 (30.6.1911) · p. Seite 4

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XIII (1911)
Issue
Heft 13 (30.6.1911)
Date
1911-06-30
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 „Neue National-Zeitung" Nr. 13 f)ie Tfeichsratewahlen. Die Niederlage der Christlichsozialen. Die Stichwahlen vom 20. Juni nahen die am 13. Juni begonnene Vernichtung der Christlichsozialen in Wien auch glücklich zu Ende geführt. Sämtliche Häupter der Partei sind, in vielen Fällen gegen Neulinge im öffentlichen Leben, gefallen. Landmarschall Prinz Liechtenstein, Handelsminister Dr. Rieh. Weiskirchner, Oberkurator Steiner, Bürgermeister Dr. Nöumayer, Vize-Bürgermeister Hierhammer und noch so viele andere große und kleine Partei-Götzen hat der Unwille des Volkes vom Piedestal herabgestürzt und dem Bielohlawek nachgeschleudert Der Versuch des Mechanikers Schneider, wieder im Parlamente die Rolle des Blutverleumders zu spielen, ist ebenso mißglückt wie die Kandidatur seines Nachahmers Sturm; auch Professor Schmid hat von seinen Wählern den Laufpaß bekommen und wird sich damit begnügen müssen, in den Annalen des Parlaments das trurige Andenken der Resolution Schmid hinterlassen zu haben. An Stelle der Christlichsozialen sind zum Teile Sozialdemokraten, zum Teile aber auch deutschnationale Antisemiten getreten. Die letzteren unterscheiden sich von den Christlichsozialen nur dadurch, daß sie noch nicht im Besitze der Macht sind und den Juden vorläufig weniger gefährlich sind. Die Gesamtzahl der Antisemiten im Parlamente hat also, wenn wir in Betracht ziehen, daß die Sozialdemokraten in Böhmen, Mähren und Schlesien zahlreiche Mandate an Deutschnationale abgeben mußten, keine Einbuße erlitten. Der Jubel der Wiener freisinnigen Presse kann daher von jüdischer Seite nicht geteilt werden. Die selbstbewußten Juden haben also nach wie vor die Pflicht, auf der Hut zu sein und sich zum Zwecke der Selbsthilfe zu organisieren. Es wäre schon wirklich die höchste Zeit. * Das Ende des „Jüdischen Klub". Das Parlament wird keinen einzigen zionistischen Abgeordneten aufzuweisen haben. Der „Jüdische Klub" ist aus der Reihe der parlamentarischen Klubs verschwunden, Dr. Straucher, der von den galizischen Zionisten im Stillen und von der unter der Leitung des Prof. Kellner stehenden Bukowinaer zionistischer Organisation ganz offen und rücksichtslos bekämpft wurde, hat wieder seine Bewegungsfreiheit erlangt und wird als erfahrener Parlamentarier sein Mandat im jüdischnationalen Geiste ausüben. Die vernichtende Niederlage, welche die Clique Stand-Zipper-Ringel erlitten hat, wurde bereits in diesem Blatte bei Beginn der Wahlkampagne vorausgesagt. Es war nicht nur eine politische, sondern auch eine m o r a I i s ch e Niederlage. Ohne jedes Programm, ohne jede vernünftige Taktik wurde der Wahlkampf begonnen, dessen einziges Ziel nur die Ei^atterung von Mandaten für einige „Führer" war. „General" Zipper, die Inkarnation der Unfähigkeit, der außerhalb des Wahlkampfes sich um Judentum und Zionismus gar nicht kümmert, war der Feldherr; Stand selbst war der Diplomat, der im Vorzimmer des Statthalters um Gnade winselte und bald mit den Moschkos, bald mit den Allpolen Allianzen anstrebte. Beide, Stand und Zipper, haben sich nur je mit — drei Mandaten, den „sichersten", versorgen wollen und sind auf allen Plätzen, ohne auch nur in die Stichwahl zu gelangen, durchgefallen. Vergeblich war also die plötzliche Rückziehung aller zionistischen Kandidaturen in Westgalizien, die im Interesse der Kandidaten des Statthalters erfolgte; vergeblich die Proklamation des Prinzips, nur galizische Schekelzerler dürfen kandidiert werden, weil sich sonst der Statthalter ärgern würde. — Diese Würdelosigkeit und Feigheit hat den Statthalter nicht gerührt, er gab keinen Pardon. Herr Stand hat nicht nur sein Mandat eingebüßt, er hat auch politisch bankerottiert. Er hat die jüdische Landespolitik mit seinen jugendlichen Tischgenossen zur Befriedigung persönlicher Ambitionen mißbraucht; sein persönliches Fiasko hat leider für Jahre hinaus die jüdischnationale Gegenwartsarbeit diskreditiert. Es muß jetzt die Sache anderer Männer sein, diese Arbeit von neuem anzufangen. * „Die Hausjuden". Die Rada Narodowa hat den Juden neun Mandate eingeräumt. Davon sind der Exkondukteur Ornstein in Lemberg, Dr. Goldhammer in Stry j und Dr. Gold in Zloczow gefallen; dagegen wurde Dr. S t e i n 'h aiTs als "Protege des Statthalters, gegen den Kandidaten des Nationalrates, Prof. Starzynski, gewählt. Zieht man jedoch das Mandat des Dr. von Löwenstein ab, welcher resigniert hat, so ergibt sich ein Saldo von vorläufig 6 Hausjuden im Polenklub. Der einzige darunter, von dem wir eine jüdische Tätigkeit erwarten, wäre Dr. Adolf Groß. Er hat sich allerdings im Laufe der vergangenen vier Jahre im Interesse der galizischen Judenschaft sehr wenig angestrengt, allein trotz seiner Unabhängigkeit hat er sich zur Erkenntnis durchgerungen, daß ein jüdischer Abgeordneter nur durch den Polenklub etwas für die Juden erreichen kann und ist eingetreten. Wir wollen nun sehen, ob es dem Dr. Groß wirklich darum zu tun war, für die Juden erfolgreich zu arbeiten oder bloß — sein gefährdetes Mandat zu retten. * Jüdische Abgeordnete. Bisher sind nachstehende jüdische Abgeordnete gewählt: Dr. Straucher — jüdisch-national; Hofrat Kur an da und Dr. Ofner — deutschfreisinnig; 6all, Dr. Groß, Dr. Kolischer, Dr. v. Löwens t ein, Rauch, Dr. Steinhaus und Stern — Polenklub; Dr. Di am and, Dr. Ellenbogen, Doktor Liebermann, Leuthn er, Low, Dr.Schacherl, Dr. Winter, Max Winter — Sozialdemokraten. (Die meisten Herren dürften konfessionslos sein.) *•;

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