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Neue Nationalzeitung · 1911-06-30 · Heft 13 (30.6.1911) · p. Seite 2

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XIII (1911)
Issue
Heft 13 (30.6.1911)
Date
1911-06-30
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 Neue Natiortal-Zeitung" Nr. 13 Das Blutbad von Drohobycz.*) Von Dr. S. R. Landau. Dr. Michael Bobrzynski war stets vom Glücke bevorzugt. In ganz jungen Jahren wurde er Universitätsprofessor; als verhätscheltes Kind der Stanczykenpartei spielte er im Polenklub eine leitende Rolle. Wohl machten es ihm seine klerikalen Allüren unmöglich, das Ziel seiner Träume, das Unterrichtsportefeuille, zu erlangen, er wurde hierfür durch die Stelle eines Vizepräsidenten des galizischen Landesschulrates entschädigt, die für ihn kreiert wurde. Und als nach dem Tode des Grafen Potocki das Amt des Statthalters verwaist wurde, da war der Einfluß der Stanczyken stark genug, den bürgerlichen Universitätsprofessor des deutschen Rechtes in jenes Amt einzuführen, welches bisher nur Trägern von Fürsten- und Grafenkronen reserviert war. Und gerade diese Ernennung eines Bürgerlichen zum Statthalter erfüllte die öffentliche Meinung in Galizien mit manch freudigen Erwartungen. Man hofftei, daß Dr. Bobrzynski im Gegensatz zu seinem Vorgänger, der stets den Grandseigneur hervorkehrte, sich mehr um die Verwaltung und weniger um Parteipolitik kümmern, daß er sich den Anordnungen der Zentralregierung mehr fügen werde. Denn — und das kann nicht genug betont werden — trotz aller Sehlagworte von Autonomie erwartet die Majorität der galizischen Bevölkerung den Schutz ihrer politischen und wirtschaftlichen Rechte von der Wiener Zentralregierung und sie sieht mit Unwillen, welche Ueberfülle von Macht in die Hände des galizischen Vizekönigs gelegt wurde. Der Statthalter ist in Galizien der mächtigste Faktor bei den Reichsratswahlen. Viele Abgeordnete werden nur formell gewählt, in Wirklichkeit aber von ihm ernannt. Er hat den ganzen Wahlapparat in der Hand. Fast alle Kandidaten — mit Ausnahme der wenigen, die offen als Oppositonelle auftreten — buhlen um seine Gunst; er gibt ihnen sein Placet. Er hat seine Günstlinge, die unbedingt gewählt werden müssen. Er schafft Wahlfonds, er vermittelt Kompromisse; ihm entgehen auch Kleinigkeiten nicht: wie und wann in einzelnen Orten die Legitimationen zuzustellen sind. Für „seine" Kandidaten unternimmt er auch selbst Agitationsreisen. So war es bisher: unter Badeni, Pininski, Potocki. Man hoffte, daß es unter Bobrzynski anders, daß es besser, daß es legal zugehen werde. Nun gelange ich zum eigentlichen Gegenstand dieses Artikels. So lange das Parlament noch nicht versammelt ist, muß die Presse, zumal die unabhängige, freiheitliche Presse die Frage prüfen und beantworten: Mußte in Drohobycz geschossen werden? Und daran knüpft sich die weitere Frage: Wer trägt Schuld für das vergossene Blut, für den Massenmord unschuldiger Menschen? Wer muß dafür zur Verantwortung gezogen werden? Zur besseren Illustration des Drohobyczer Falles und als ein charakteristischer Beitrag zu den „galizischen Wahlen" in der Aera Bobrzynski sei *) Aus der .Wiener SonnundMontagszeitung« vom 26. d. M. Die Redaktion. hier die Situation in Kolomea anläßlich der letzten Reichsratswahl aus meiner eigenen Wahrnehmung geschildert. Die Stadt Kolomea hat eine überwiegend jüdische Bevölkerung. Seit Beginn der Verfassung war sie daher nur durch jüdische Abgeordnete im Parlament vertreten. Gegenwärtig steht aber an der Spitze der Gemeindeverwaltung ein Herr Kleski. Dieser Herr ist Schwager des Krakauer Bürgermeisters Doktor Leo, der selbst ins Parlament gewählt ist und dort zu einer besonderen Stellung im Polenklub prädestiniert ist. Herr Leo ist also ein mächtiger Herr. Er verstand es daher, den Statthalter Bobrzynski für die Kandidatur seines Schwagers Kleski zu gewinnen. Die jüdischein Wähler der Stadt Kolomea wollten aber einen jüdischen Abgeordneten. Der einheimische Kandidat Dr. Schorr (Sozialdemokrat) hatte also die besten Chancen. Es geschahen nun Dinge, die im Westen Europas einfach unmöglich, ja unverständlich sind. Die Wähler erhielten weder Legitimationen noch Stimmzettel. Es wurden Deputationen an den Bezirkshauptmann entsendet, es wurde an den Statthalter telegraphiert, alles vergeblich. Die Wähler erhielten keine Stimmzettel, dagegen wurde zur Stärkung der Garnison Infanterie aus Lemberg und Gendarmerie aus Stanislau herangezogen ... Das führte zu Demonstrationen. Tausende Demonstranten waren entschlossen, das Magistratsgebäude zu stürmen, das von Militär und Gendarmen umstellt war. Welch schreckliche Folgen hätte ein solcher. Zusamenstoß! Es kam aber nicht dazu. Ich bewunderte die meisterhafte Hand, die diese Massen lenkte und sie vom Aeußersten zurückhielt. Die Legitimationen blieben aber bis auf einen, geringen Teil, der in den letzten zwei Tagen vor der Wahl infolge eines Auftrages des Ministerpräsidenten zugestellt wurde, am Magistrat liegen. Kleski wurde gewählt. In Drohobycz wollten alle Wähler ohne Unterschied der Parteischattierung und Nationalität von Dr. Löwenstein nichts wissen. Er hatte während der vier Jahre seiner früheren Mandatsdauer nicht ein einziges Mal die Stadt besucht, er hat auch sonst für seinen Bezirk nichts geleistet. Allein zwei Personen wollten ihn zum Abgeordneten von Drohobycz haben: Statthalter Bobrzynski und" Kultuspräsident Jakob- Feuerstein. Das sollte genügen. Nun begannen die Manipulationen. Eine vor den Wahlen im Ministerium des Innern erschienene Deputation hat dieselben eingehend geschildert: Tausende längst Verstorbene oder noch gar nicht Geborene wurden in die Wählerlisten eingetragen; zahlreiche Wähler erhielten keine Wahldokumente. Am Wahltage gelangten alle diese Stimmzettel trotzdem zur Verwendung — für Dr. Löwenstein. Damit begnügte sich Feuerstein nichts Er nahm zu den verwerflichsten Praktiken längst vergessener Wahlschwindeleien seine Zuflucht. Seine Wahlhyänen gestatteten nur „verläßlichen" Wählern den Zutritt zum Wahllokal. Diese durften sogar wiederholt auf Grund fremder Papiere das Wahlrecht ausüben, während oppositionelle Wähler stunden-

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