Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XIII (1911)
- Issue
- Heft 12 (16.6.1911)
- Date
- 1911-06-16
- Page
- Seite 11 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2425679-2425829-2425842--2061-2428464- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 12 „Neue National-Zeitung" Seite 11 FEUILLETON. J L. Pcrez : Die Wandlungen einer Melodie. (Schluß.) Und die Glut hat schon das ganze Theater ergriffen — die ganze Galerie, die Männer und Weiber mit den beißen, glühenden Gesichtern und den flammenden Augen . . . Wie eine Sintflut hat sie alles überschwemmt! Das ganze Theater singt. Ein Meer brennender Lust hat sich ergossen — ein Höllenbrand! Böse Geister tanzen, und Engel der Vernichtung führen ein feuriges Rad . . . Das ist aus Pedohzurs Brautausstattungslied durch Chaimls „El mole rachamim" mit Hilfe des Kiewers geworden. * Aber fürs Sinken gibt es keine Grenzen! Das „jüdische" Theater ging ein, Prinzen wurden wieder Schuster und Schneider, die Prinzessinnen kehrten an den Herd zurück. Und manche von den Theatermelodien verwandelten sich in Leierkastenlieder. Unsere Melodie ist kaum mehr zu erkennen. Ein schäbiger Teppich liegt in einem Hofe ausgebreitet . . . Zwei Männer in Trikot machen Kunststücke — zusammen mit einem magern, blassen Mädel, das sie irgendwo gestohlen haben . . . Der eine trägt eine Leiter mit den Zähnen. Pfeilschnell läuft das Mädchen bis zur höchsten Sprosse und springt von da auf die Achsel des zweiten hinab. Der erste gibt ihr einen Stoß in die Schulter. Sie macht einige Luftsprünge und bleibt mit ausgestreckter Hand vor dem Hofpublikum stehen — Gaben erbettelnd. Es ist auch ein Theater, nur ein solches für einfache Leute, für Diener und Dienstmädchen. Es wird unter freiem Himmel gespielt, — kann's billig sein. Man kauft keine Billetts, sondern wirft bloß Zweier oder Dreier hin. Und das dürre Mädel macht seine Sache so großartig. — Dicke Schweißtropfen rinnen ihm von dem rot geschminkten Gesicht, in den tiefliegenden Augen glüht ein Leid, — aber das Publikum sieht nichts davon. Es sieht nur die schönen Kunststücke und hört nur die schöne Leierkastenmusik. Und die Seele in dem dürren Körperchen des armen gestohlenen Kindes und die arme Melodie in dem blecheisernen Leierkasten — beide ächzen, weinen und zittern, beide bitten um Erlösung. * Doch es war bestimmt, daß Pedohzurs Brautausstattungsweise wieder hochkommen sollte. Die Gaukler schleppten die arme Kleine so lange von Haus zu Haus, von Ort zu Ort, bis sie, — möge es euch nicht treffen, — krank wurde ... In Radziwill, an der Grenze, ließen sie das kranke Kind hinter einem Zaun liegen und gingen über die Grenze. Jag' dem Winde nach! Halb nackt, mit braun-blauen Zeichen erlittener Mißhandlungen lag das Mädchen in Fieberhitze da. Mitleidige Leute hoben es auf und trugen es ins Spital . . . Es überstand einen Typhus und kam, auf beiden Augen blind, heraus! Und jetzt bettelt das arme Kind, geht von Haus zu Haus, von Tür zu Tür. Und spricht fast gar nichts. Sie kann mit Worten nicht betteln . . . Sie stellt sich hin und wartet; — sieht man sie nicht, so fängt sie zu singen an, daß man sie höre . . . Und es ist die Leierkastenmelodie! Und was kündet sie jetzt? Sie bittet um Barmherzigkeit, um Mitleid für ein unglücklich Kind . . . „Böse Menschen haben mich einem gutem Vater, einer herzigen Mutter, aus einem warmen, weichen Nest gestohlen. Man hat mich aus allem Glück gerissen, mich ausgenutzt und dann weggeworfen wie eine Nußschale. Mitleid mit einem armen, armen Kinde!" Und weiter: „Es ist kalt und ich bin nackt, und Hunger hab' ich. Und hab keinen Ort, den müden Kopf auszuruhen . . . Und blind bin ich auch noch obendrein!" So fleht das Lied. Und das war seine erste Stufe nach oben: Es bewog zum Almosengeben! * Da war in Radziwill ein Lamden.14) Er war keineswegs ein Misnaged,35) und sicherlieh kein streitbarer. Er hatte nur die Zeit nicht, zu fahren™) . . . Er klappte nie den Talmud zu. Er hatte Angst, im Thorastudium gestört zu werden. Darum pflegte er auch lieber zu Hause als im Bessamedrisclr7) zu sitzen und zu lernen.38) Die Frau ist ja den ganzen Tag im Geschäft, die Kinder sind im Cheder. Manchmal durchflog seinen Kopf der Gedanke: Vielleicht fährst du doch noch irgendwohin? Wahrscheinlich eine Einflüsterung des guten Triebes. Was tat da aber immer der böse Trieb? Er verkleidete sich als guter Trieb und antwortete: „Gewiß soll man fahren! Aber es ist noch Zeit, bis dieser, jener Abschnitt beendigt ist! ... So gingen Monate und Jahre vorüber. Offenbar wollte man aber im Himmel, daß er doch zu Reb Dowidl komme. Geschah also folgendes: Eines Tages, der Lamden sitzt und lernt, hört er vor seiner Tür singen. Zuerst wird er über sich selber böse: Wenn man sitzt und lernt, darf man nicht hören, was auf der Gasse und vor der Tür vorgeht Man muß in der Thora aufgehen. Da er aber doch weiter hört, verstopft er sich die Ohren mit den Fingern. Dennoch schleicht sich das Lied, unter den Fingern durch, hinein. Sein Aerger wird noch größer. Zornig streckt er den langen Bart in den Mund, beißt und lernt weiter. Mit Willensanstrengung lernt er. Die Melodie läßt nicht ab. Er hört sie immer schärfer und wird gewahr, daß es eine Frauenstimme ist. Ein Mädel singt! Da schreit er laut auf: „Freche Person, fort von meinem Hause!" Das Lied entfernt sich . . . Aber, o Schrecken! Man singt nicht mehr, und er hört doch weiter. Die Melodie singt allein in seinem Ohr, in seiner Seele. Er sieht krampfhaft ins Buch hinein, will sich in den Stoff hineinarbeiten. Es 31) Laradon (lamdan\ talmudgelehrter Mann. 35) Wörtlich: Gegner. Hier Bezeichnung für die antichassidischen (rationalistischen) frommen Juden. 36) Zu ergänzen: Zum Rebben. »7) Beß hamidrasch\ Ein Bethaus, das namentlich den Talmudbefließenen für ihre Studien und Diskussionen dient. 38) „Lernen" ist der technische Ausdruck für das Studium der Thora, des Talmuds und ihre Kommentare.