Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XIII (1911)
- Issue
- Heft 12 (16.6.1911)
- Date
- 1911-06-16
- Page
- Seite 12 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2425679-2425829-2425842--2062-2428465- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Talne 2× ep/1981432
OCR text
Seite 12 „Neue National-Zeitung'' Ni. 12 gelingt ihm nicht. Seine Seele wird des Liedes immer voller und voller. Er klappt den Talmud zu und stellt sich hin, um Minche39) zu beten. Er kann auch nicht beten! Wie ein silbernes Glöckchen klingt die Weise in ihm. Er half s nicht aus. Er vergeht buchstäblich vor Leid. Der Tag zieht vorüber, ein zweiter, ein dritter verstreicht — der Mann verfällt schier in Schwermut ... Er fastet, es hilft ihm nicht Er kann die Melodie nicht los werden. Sie weckt ihn nachts aus dem Schlafe. Und er hat sein Lebtag, auch nicht einmal Minche, am Omed 4n) gebetet, fast nie einen singenden Ton von sich gegeben! Am Sabbat pflegte er die Sabbatlieder einfach zu lesen und statt des unterlassenen Gesanges ein Blatt Gemore zu lernen. Es kann also nicht mit rechten Dingen zugehen. „Satanswerk!" denkt er und verzweifelt ganz. „Jetzt muß gefahren werden!" Aber der böse Trieb fragt: „Ja, fahren, doch wohin? Zadikim41) gibts eine Menge, welche ist der wahre Zaddik, bei welchem kann man wirklich etwas richten?" fängt der Lamden zu sinnen an. Da kommt ein Wink von oben. Reb Dowidl Talner muß flüchtig werden und reist gerade durch Radziwill ... Fnr kennt wahrscheinlich die Geschichte von der Denunziation. Und ich sage euch, daß es eine Strafe war. Man hätte Reb Dowidl nicht aus Wassilkow herauslocken und nach Talne führen sollen! Man hätte nicht eine Stadt beschämen sollen. Wassilkow ist doch ganz zugrunde gegangen. Die Gasthäuser mußte man schließen. Die Herbergen sind ruiniert worden. Sie sind auf trockenes Brot gekommen, — möge euch's nicht trerien! Und nun — eine Denunziation, und auch Talne geht zugrunde. Reb Dowidl besaß einen goldenen Stuhl, auf dem ein Bibelspruch eingraviert war: „David, König von Israel, lebt." Daraus machen Angeber eine politische Sache, und diese gelangt bis nach Petersburg42) . . . Wir wissen ja, daß unter König Weiser zu verstehen ist. Aber geh', erklär's den Generalen in Petersburg. Kurzum. Reb Dowidl muß flüchten und hält sich auf der Durchreise am Sabbat in Radziwill auf, und unser Radziwiller Lamden geht zu Schaleschides. Der böse Trieb hat sich aber noch immer nicht unterworfen. Der Lamden tritt ein und sieht an der Spitze der Tafel ein Männchen, ein winziges Männchen sitzen. Man sieht nichts als eine große, gar große Pelzmütze und silberne Haare, die über das Gesicht fallen. Schweigend sitzen sie alle da, ohne gelehrte Unterhaltung ... Da wird ihm, dem Lamden, so schwer ums Herz. „Das ist alles, — weiter nichts?" denkt er. Aber Reb Dowidl hat ihn schon erblickt: „Setz' dich, Lamden!" In demselben Augenblicke kam er zu sich. Schon hat ihn ein Blick Reb Dowidls gefaßt und ihn an der Seele versengt! Ihr habt sicherlich schon von den Blicken des Talner gehört Darin war Majestät, Heiligkeit, Kraft Was ihr wollt war in seinen Blicken. 39J Minebo (mincha^ Abendgebet. *°) Platz des Vorbeters. *l) Mebrzabl von Zaddik Eigentlich : Gerechter, frommer Mann. Hier synonym mit „Rebbe" und „giter Jid". *3) Wahre Begebenheit. Und dieweil er zum Lamden gesagt hat: „Setz' dich!" schaffte man diesem sofort Platz am Tische. Er setzt sich hin und wartet. Und wie Reb Dowidl weiter sagt: „Der Lamden darf uns ein Lied zum besten geben!", weicht die Muttermilch aus dem Lamden. Er und ein Lied! Aber irgend jemand faßt ihn schon an der Schulter: „Wenn Reb Dowidl befiehlt, folgt man!" Und so singt er! Er beginnt nebbich43) zitternd, stammelt kaum den Anfang einer Melodie hervor. Und was wird er singen, der Lamden? Wahrscheinlich das Lied des Waisenkindes. Er kennt ja kein anderes. Und er zittert und stammelt und singt, und die Melodie wird weiter und ändert sich. Sie atmet schon den Geruch der Thora, ist schon von Sabbatheiligung durchtränkt, vom Reuegefühl eines Lamden erfüllt. Und im Singen beginnt er, der Lamden, das Lied zu empfinden, und singt von Minute zu Minute besser und feiner . . . Und mitten drin beginnt Reb Dowidl, wie es seine Gewohnheit ist, leise mitzubrummen. Die Leute hören es und brummen mit. Die Runde gibt dem Lamden Feuer. Er ist schon außer sich — er singt wirklich! Die Melodie strömt schon wie der „Nehar di nur",44) wie ein lodernder Fluß . . . Die Wellen gehen imer weiter und höher, immer feuriger und flammender! Bald wird's der Melodie zu enge im Zimmter. Sie stürzt durch die Fenster auf die Straße hinaus, — ein Meer von Heiligkeit, von glühender Heiligkeit. Und erstaunt und erschrocken ruft die Menge auf der Straße: „Das Lied des Waisenmädchens! Das Lied des Waisenkindes!" * Der Melodie kam Erlösung und dem Lamden auch. Reb Dowidl rief ihn vor der Abreise beiseite. „Lamden", sagte er zu ihm, „du hast eine jüdische Tochter beschämt. Du hast dich auf den Ursprung ihrer Melodie nicht verstanden! Hast das Mädel eine freche Person gescholten!" „Legt mir, Rebbe, eine Busse dafür auf," bittet der Lamden. „Nicht nötig", antwortet der Rebbe (sein Andenken zum Segen!) „statt Buße tu' lieber eine Mizwe!" „Was für Mizwe, Rebbe!" „Verheirate das Mädel! Eine Braut ausstatten ist eine große Mizwe!" Nun aber höret die andere Seite der Geschichte: Erst mehrere Jahre später, als das Mädel schon längst einen Witwer, einen Thoraschreiber geheiratet hatte, erfuhr man ihren Ursprung. Es stellte sich heraus, daß sie eine Enkelin d;es alten Katzner war. Dessen Schwiegersohn nämlich, der Kiewer, und seine Frau waren einmal für den ganzen Abend ins Theater gegangen — und damals war ihnen ihr einziges Kind gestohlen worden . . . Man konnte ihnen aber die Tochter nicht mehr zurückgeben. Die Mutter war schon langte tot und der Vater schon lange in Amerika. ") Auch in Deutschland bekanntes Umstandswort, ungefähr Bedauern ausdrückend. **) Feuerstrom, der nach kabbalistischer Mythe die Welt umfließt.