Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XIII (1911)
- Issue
- Heft 12 (16.6.1911)
- Date
- 1911-06-16
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 „Neue National-Zeitung" Nr. 12 Schluß gefaßt hatten, die unmündigen Kinder deiner Heiligen zu töten. — Zur selben Zeit, als du deine Feinde bestraftest, hast du uns durch deine Berufung verherrlicht."75)--Noch markanter ist die folgende, gleichfalls von der Befreiung des Volkes aus der ägyptischen Knechtschaft handelnde Parallele: „Für die unverständigen Gedanken ihrer Ruchlosigkeit — wurden sie gestraft, damit sie erkennen: wodurch der Mensch sündigt, dadurch wird er auch bestraft."76) Der Odendichter hat auch hier, wie deutlich erkennbar, die Gedankengänge der Sapienta übernommen und in seiner Weise verarbeitet. Stark an Sirach, mehr aber noch an die Sapienta klingen unsere Oden an, wo sie von der Unergründlichkeit der Allmacht Gottes sprechen. , „Wer", so heißt es hier einmal, „vermag zu erklären die Wunder des Herrn? Denn der, welcher sie erklärt, würde aufgelöst werden und würde zu dem, was erklärt worden ist"77) — Dasselbe, nur platonisch ausgedrückt, lesen wir bei Pseudosalomo: „Denn welcher Mensch erkennt den Rat Gottes? Oder wer begreift, was der Herr will. Die Gedanken der Sterblichen sind schwankend und unsere Pläne unsicher, denn der verwesliche Körper beschwert die Seele und die Hütte aus Erde drückt den Geist zu Boden."78) Primitiver, weil ihm die Lehre von der Unsterblichkeit der Seele noch nicht vertraut, äußert sich darüber der Siracide.78) Die Ruhe in Gott, welche die Oden inbrünstig anstreben80), ist auch das Sehnen, ja letzte Ziel der Therapeuten und des jüdischen Hellenismus überhaupt. Beleg dafür das ganze Buch De vita contemplativa und ungezählte Stellen bei Philo.81) Die Oden sprechen, wie wir gesehen, wiederholt von Verfolgung und Verachtung, denen die Frommen preisgegeben waren. Die gleiche Klage aber führen auch die Gerechten in den Psalmen, in den sibyllinischen Orakeln, in der Sapienta und in allen jüdischen Apokalypsen. Wenn der Dichter unserer Oden beispielsweise einmal ausruft: „Erhebet euch, und stehet auf, ihr, die ihr einstmals niedergebeugt wäret, ihr, die ihr in der Stille wäret, redet, da euer Mund auf getan ist; ihr, die ihr verachtet wäret, erhebet euch nun, da eure Gerechtigkeit hoch erhoben ist, denn die Rechte des Herrn ist mit euch und er ist euch ein Helfer geworden"82); oder wenn er, schweren Verfolgungen entkommen, frohlockt: „Ich aber war verachtet und verworfen in den Augen vieler, und ich war in ihren Augen wie Blei; und es ward mir Stärke zuteil von dir und Hilfe; einen Leuchter stelltest du mir zu meiner Rechten und zu meiner Linken — und ich bin bedeckt mit dem Kleide deines Geistes"83), so sind dies keine anderen Verfolgungen als jene, welche allerorten die Frömmigkeit im Kampfe mit der Gottlosigkeit zu bestehen hatte. In gleicher Weise ermutigt auch Henoch die Gläubigen: „Seid guter Hoffnung! Denn zuerst wäret ihr der Schande und Not preisgegeben, aber nun werdet ihr wie Lichter des Himmels leuchten und gesehen werden . . . denn ihr seid die Führer und die Belohnungen, die über die ganze Erde."84) (Schluß folgt.) ") Sap. Sal. 18, 8. — 76) Sap. Sal. 111S-16. Eine frühe originelle Auslegung von Exod. 18,,, die später auch ins Eigentum der Rabbiner überging. — ") Ode 26 ,—,,.--78) Sap. «ir-n- ~ 79) Sir. 189-10; 24,6 4217; 433o_3,. - *>) Ode 8 6; 2618; 37 t. — 81 Vgl. insbes Philo, De prof. I, 572. — 82) Ode 84 -8. — 83) Ode 255-8. Vgl. Ode 28 8 ff; 294_5; 42\ ff. - Heu. 104. ff. u. a. St. M Horowitz (Zaleszczyki): Die Zionisten und die 'Reichsratewahlen in Qalizien. . Die Juden in Galizien haben schon einen „Erfolg" zu verzeichnen: statt der bisherigen vier Mandate erhalten sie jetzt neun. Diese neun Kandidaten oder sogenannte Hausjuden, zumeist der Hautefinance angehörend, sind natürlich Proteges des Statthalters. Die Kandidaten, die nicht gouvernementaler Gesinnung waren, haben dieselbe rasch gewechselt, vom Grundsatze ausgehend: sicher ist sicher. Der ehemalige Sozialist, später „unabhängige" Dr. A. Groß ist rechtzeitig „abhängig" geworden. Der Allpole Dr. Gold ist binnen Tagesfrist „polnischer Demokrat" geworden. Selbst der „gemäßigste Israelit" und geduldige Schweiger Herr Gall ist aus seiner Mäßigung herausgetreten, Programme sind ihnen Nebensache. Es kommen noch die Zionisten in Betracht, welche das Gesamtjudentum für sich usurpiert haben. Da diese es nicht verstanden haben, die zionistische Bewegung zu einer wahren Volksbewegung zu machen, so verfügen sie als Jungjuden de facto über die gesamte männliche und weibliche jüdische Jugend. Wohl haben sie energisch in den Wahlkampf eingegriffen und zahlreiche Kandidaten nominiert, nur wissen die sich nicht zu helfen und zu raten. Bald kandidieren die, um den Allpolen zu helfen, bald bekämpfen sich die Allpolen; sie möchten mit den Ruthenen gehen, trauen sich aber nicht als offene Ruthenenfreunde zu deklarieren, um sichs mit den Polen nicht zu verderben; kurz, ein planloses Herumlavieren. Eines verstehen die Leute: ihre „Jungens" zu Huligans zu dressieren. Die zionistische galizische Zentrale schickt ihre Akademiker und Konzipienten in den Wahlkampf nicht unter der Flagge des Zionismus, um diesem Anhänger zu werben. Den Zionismus, dessen Basler Programm innerpolitische Betätigung ausschließt, lassen sie zu Hause und treten in den Wahlkampf als Jüdisch-Nationale. Mangels jedweden innerpolitischen Programms verlegen sie sich auf Gefühlserregungen der jüdischen Massen. Ihre Kandidaten- und Versammlungsreden hören sich wie schlechte Eisenbach'sche Witze im Budapester Orpheum an. Sie haben eine Note: Beschimpfungen gegen Kolischer und Löwenstein, „Pfui" und „Nieder". Daß ihnen der Wahlkampf, die politische Erziehung der Massen, nicht ernst ist, zeigt die Nominierung der Kandidaten: durchwegs Konzipienten, oder junge Advokaten, die soeben das 30. Lebensjahr beendeten, politische Dilletanten mit ausgiebigen Mitgiften. Würden diese Herren „Zionisten" die zusammengeschnorrten Wahlfondsgelder lieber den zionistischen Instituten zuführen, der Sache wäre mehr gedient. Ihnen ist der Zionismus ab3r ein Firlefanz, ein Mittel zum Zweck, zum Mandat. Für das zionistische Ideal sind ihre Geldsäcke zugeschnürt. Das Wahlresultat dürfte sich folgendermaßen ergeben: Der Polenklub wird gestärkter aus dem Wahlkampfe ziehen wie im Jahre 1907, die Sozialdemokraten werden ihren Besitzstand beibehalten, möglicherweise auch die Ruthenen. Herrn Adolf Stand dürfte es dank' den Diensten, die er dem Statthalter leistet, gelingen, durchzuschlüpfen.