Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XIII (1911)
- Issue
- Heft 12 (16.6.1911)
- Date
- 1911-06-16
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 12 Nette Nätional-Zeitung" Seite 3 Selbstlos gehen sie in ihrem Berufe auf, keine andere Seligkeit kennend als jene, welche die Menschenerlösung bereitet. Schon der Volkslehrer Sirach, der gleich den Verfassern der BB. Hiob, Kohelett, der jüngern Proverbien und den ungezählten anderen jüdischen Volkslehrern in jenen Zeiten, mit offenen Augen die Kulturwelt durchwandert und mit den hier gesammelten Erfahrungen und Erkenntnissen die heimatlichen Geistesschätze bereichert und befruchtet hätten, bricht, wo er die Erfolge seiner Lebenstätigkeit überschaut, in die Worte aus: „Seht also, daß ich nicht für mich allein gearbeitet habe, sondern für alle, die Weisheit suchen!"50) — Dem ewigen Motiv des Götterneides bei den Griechen wird die erhabene Neidlosigkeit des einen und einzigen Gottes unter scharfer Betonung gegenübergestellt57) und daraus die Folgerung gezogen, daß auch der Mensch neidlos seine Gaben ausstreuen müsse. „Redendes Wasser", so heLdt es in unseren Oden, „kam an meine Lippen aus dem Quell des Herrn, ohne Mißgunst."58) — „Und ich gab meine Erkenntnis ohne Neid und mein Gebet in meiner Liebe."50) — „Ziehe an die Güte des Herrn ohne Neid."00) „Wandelt in der Erkenntnis des Herrn ohne Neid zu seiner Freude und zur Vollkommenheit seiner Erkenntnis."61) Hierin ist der Prophet Jesaia02), der Siracide, noch mehr aber Pseudosalomo den Oden vorbildlich. „Ohne Arglist", sagt der letztere, „erlernte ich die Weisheit, o h n e N e i d teilte ich sie mit, ihren Reichtum verberge ich nicht. Denn ein unerschöpflicher Schatz ist sie für die Menschen; die ihn erworben, haben teil an der Liebe Gottes und sind ihm befreundet durch die Gaben der Erkenntnis."03) — „Und ein andermal : „Mit verzehrendem Neide werde ich nicht wandeln, weil dieser mit der Weisheit keine Gemeinschaft hat."04) — Neid ist ihm die Eigenschaft der widergöttlichen Macht, die den Tod in die Welt gebracht hat.05) Und nun gar erst der Unsterblichkeitsgedanke in den Oden, wie nahe verwandt ist er jenem der Weisheit!GG) Dagegen wissen die Oden nichts von «6) Sir. 24 38. — 5?) Ode 3 7; 7 4; 15 6. — 5*) Ode 116. — 59) Ode 1712. — 6°) Ode 20 7.— 6l) Ode 23 4. — Wie Harnack (S. 95) mit Bezug auf Ode 17 l2 nach obigen Proben von dem Verfasser der Oden sagen kann: „Er spricht sonst nicht von ,seiner' Erkenntnis, die er ohne Neid gibt, sondern von der Erkendtnis, die Gott ohne Neid gibt", ist uns unverständlich. Jes 551. — 63) Sap. Sal. 713~u. — '«) Sap. Sal. 6 23. — ß5) Sap. Säl. 214.- 6S) San erinnere sich nur der folgenden Sätze in den Oden: .Wer Gott anhanget, der unsterblich ist, wird auch unsterblich sein" (310). „Ich habe Unvergänglichkeit angezogen durch seinen Namen und die Vergänglichkeit abgelegt durch seine Güte" (15 8). „Besonders hilfreich war für mich der Gedanke des Herrn und seine unvergängliche Gemeinschaft, und ich wurde erhoben in sein Licht und wirkte vor seinem Antlitz, und ich war ihm nahe, ihn preisend und verkündend" (214_6). „Bleibt in der Liebe des Herrn....., und ihr sollt unvergänglich erfunden werden in allen Aeonen" (8 73 ,6\ „Der Herr hat —-— mein Herz geöffnet durch sein Licht und hat in mir wohnen lassen sein unsterbliches Leben" (10 ,\ „Die Wahrheit wurde mir ein Hafen der Rettung und setzte mich auf die Arme des unsterblichen Lebens" (38 J cf. 117; 93-, 286-7; 318». Und nun vergleiche man damit die folgenden Aussprüche bei Pseudosalomo: „Gott hat den Menschen zur Unvergänglichkeit geschaffen und ihn zum Bilde seines eigenen Wesens gemacht', (Sap. 2 23). „Die Liebe führt zur Befolgung der Gesetze der Weisheit, die Befolgung der Gesetze aber ist der sichere Grund der Unsterblichkeit; die Unster lichkeit aber bringt in die Nähe Gottes" (Sap. 6,8-,„). „Gott erkennen ist vollkommene Gerechtigkeit und die Einsicht in seine Macht ist die Wurzel der Unsterblichkeit" (Sap. 15 8; cf. Sap. '3 4; 515). einer leiblichen Auferstehung. Naturlich. Sie müssen eine solche Lehre ebenso verwerfen, wie es die Weisheit Salomos tut, die mit Plato67) „den verweslichen Körper als eine Beschwerde der Seele", als eine „Hütte aus Erde" ansieht, „die den Geist zu Boden drückt."08) — Und wenn unser Sänger einmal, von dem Kampfe mit dem siebenköpfigen Drachen sprechend, den er glücklich bestanden, da Gott dessen schlimmes Gift zerstört und den Weg für die Gläubigen geebnet hatte, im Gebete zu Gott fortfährt: „Du hast sie zusammengebracht aus den Gräbern und sie von den Toten gesondert. Du hast die erstorbenen Gebeine genommen und sie mit Leibern überkleidet; und sie waren unbeweglich, und du hast ihnen Hilfe zum Leben gegeben""0); so ist hier keineswegs, wie Harnack kommentiert, die „Fleischesauferstehung der Gerechten" gepredigt, was ja dem Geiste der Oden straoks verspräche, wir haben hier vielmehr eine offenkundige Nachzeichnung der bekannten Vision des Propheten Ezechiel von dem Totengefilde vor uns70), und der Dichter variiert hier nur in anderer Form das Ode 67—17 so kraftvoll durchgeführte Bild von dem mächtigen, alles widerstandslos mit sich fortreißenden und unaufhaltsam zum Tempel flutenden Stromes, dessen Wasser „die trockenen Lippen erquickt und den Willen, der kraftlos geworden war, wieder gestärkt, die Seelen, die nahe daran waren abzuscheiden, vom Tode zurückgehalten und die Glieder, die gefallen waren, aufgerichtet und aufrechtgestellt haben." Auch sonst nimmt der Dichter unserer Oden, wenn auch nur andeutungsweise, gerne Beziehung auf Moses und die Propheten sowie auf die Geschichte Israels, die ihm weniger gleichgiltig, als man glauben möchte, ebensowenig gleichgiltig wie der Tempel.71) Der Auszug Israels aus Aegypten ist ihm kein einmaliges Ereignis. Es wiederholt sich ihm vielmehr auch in der Zukunft. „Meine Verfolger", sagt er im Hinblicke auf dieses denkwürdige Ereignis, „werden kommen und mich nicht sehen; eine Wolke der Finsternis wird auf ihre Augen fallen, und Luft der Dunkelheit wird sie umschatten, und sie werden kein Licht haben, zu sehen, daß sie mich nicht ergreifen (können). Zum Stumpfsinn möge ihr Gedanke werden, und was sie ausgesonnen haben, möge sich gegen ihr Haupt wenden; denn sie haben einen Plan ausgedacht, und er ist ihnen nicht gelungen, und was sie böswillig bereitet haben, ist auf sie herabgefalle n."72) — Daß aber unser Sänger hier tatsächlich den Auszug Israels vor Augen hatte, lehren die Parallelen in der Sapienta. Hier hat die göttliche Weisheit die Führung des Volkes in der Hand, ihm zur Decke am Tage und zum leuchtenden Sterne in der Nacht dienend.73) „Nur über die Verfolger war dichte Nacht ausgebreitet, das Bild der Finsternis, die ihrer in der Zukunft wartete."74) „Dagegen gabst du", so fährt Pseudosalomo, zu Gott sprechend, fort, „deinen Heiligen eine feuerstrahlende Säule als Führerin auf dem unbekannten Wege. — Denn jene hatten es verdient, des Lichtes beraubt und in Finsternis eingekerkert zu werden, weil sie deine Kinder eingeschlossen hielten — und weil sie den Be- ") Phaedo 81c. — "») Sap. Fäl. 915. — 69) Ode 228-,u- — 7") Ez. 37!_I4. — T1) Ueber diesen 1. Ode 68; 4t-4. Harnack S. 76. — 72 Ode 5 4_8. cf. Exod. U ,0 ff. Psalm 7814; 105 39. — ™) Sap. Sal. 1017. — 7*) Sap Sal. 171X.