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Neue Nationalzeitung · 1911-06-16 · Heft 12 (16.6.1911) · p. Seite 2

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XIII (1911)
Issue
Heft 12 (16.6.1911)
Date
1911-06-16
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seile 2 „Neue National-Zeitung" Nr. 12 eigentlicher Umfang erst am 20. klar und präzis zum Ausdrucke kommen wird, kann also vom Standpunkte der Juden nur als ein lokales Ereignis angesehen werden. Es steht schon heute fest, daß das nächste Parlament über einen klerikal-antisemitischen Block verfügen wird, wie ihn kein Parlament der Welt, mit Ausnahme der Duma, aufzuweisen hat. Und wenn die „Neue Freie Presse" mit Genugtuung darauf hinweist, daß die „Deutsch-Freiheitlichen" einen bedeutenden Zuwachs aufzuweisen haben werden, so wird man sich trotz dieser auf Irreführung der Oeffentlichkeit berechneten Nomenklatur darüber nicht hinwegtäuschen lassen, daß dies keineswegs mit einem Zuwachs der liberalen Elemente im Parlamente identisch ist. Der „deutsch-freiheitliche" Antisemit Stransky hat nach der Ablehnung der Resolution Schmidt im Parlamente ausgerufen: „Wir kommen nächstens in größerer Anzahl". Dieser Ausruf ist ein verdienter Faustschlag ins Gesicht der Juden, die sich für die „Deutsch^Freiheitlichen" echauffieren. Die große Wahlschlacht vom 20. mag vielleicht vom Standpunkte der „deutsch-freiheitlichen" Politiker bedeutungsvoll sein. Sie können sich der Regierungskrippe näherrücken und ihre parlamentarische Position stärken. Dr. Pattai und Dr. Weiskirchner werden möglicherweise ihre Aemter an „deutsch-freiheitliche" Antisemiten abtreten müssen. Die Juden aber erwarten vom 20. nicht allzuviel. Ein Parlament, in dem Wolf und Stransky das große Wort führen werden, hat ihnen nicht mehr zu bieten, als das Parlament Bielohlaweks und Prohaskas, Auch beim neuen Parlamente bewahrheitet sich das Sprichwort/ Es kommt selten was Besseres nach. L. Dr. M. Friedländer: Die neuentdeckten Oden Salomos. (2. Fortsetzung-.^ Ueberhaupt sehen sich diese Oden, gerät man auf sie, von der Lektüre der Henochapokalypse herkommend, als greifbare Erfüllung derselben an. — Von den Frommen sagt Henoch: „Ihr werdet wie Lichter des Himmels leuchten und gesehen werden."42) — „An jenen Tagen wird die Gemeinde der Heiligen und Auserwählten frohlocken. — Wie Sonnenschein ist es auf dem Festlande hell geworden und die Finsternis ist gewichen. Unaufhörlich wird das Licht sein und die frühere Finsternis wird vernichtet und das Licht vor dem Herrn der Geister wird kräftig sein, und das Licht der Rechtschaffenheit bleibt kräftig für immer."43) — Die gesamte Menschheit soll der Gotteserkenntnis zugeführt, die Gerechten und Auserwählten gerettet werden, „ihnen wird Licht, Freude und Friede zuteil werden, Lieht und verständiger Verstand wird in ihnen sein" . v.44) Alle diese Weissagungen nun und ähnliche haben in unseren Oden bereits ihre Erfüllung gefunden: „denn die Unkenntnis ist vertilgt, weil die Erkenntnis des Herrn gekommen ist . . . und nicht soll es irgend 2j Ben. c. 104. — *3, 58.,—0 Cf. Hen/c. 1. — 4i) Hen. e. 5. eine Seele geben, weder ohne Erkenntnis noch stumm."45) Die Liebe nehme zu, um Früchte zu bringen dem Herrn — und zu vermindern die Roheit durch sein Licht."4") — „Das Licht soll nicht besiegt werden von der Finsternis, auch nicht die Wahrheit vor der Lüge fliehen."47) — .„Die Unwissenheit erscheine wie ein Blinder und wie der üble Geruch des Sumpfes."48) —- „Die Abgründe sind zerstört vor dem IJerrn, und die Finsternis ist vernichtet worden."40) — „Es ward mir Stärke zuteil und Hilfe. Einen Leuchter stelltest du mir zu meiner Rechten und zu meiner Linken, und nichts soll an mir sein, das nicht Licht wäre."50) Aber jede dieser von den kanonischen Psalmen gesättigten Oden weist auf eine Herkunft hin, nicht etwa von einem „entfernten Zweige des Judentums", sondern von dem breiten, mit den griechischen Juden, oder präziser ausgedrückt, mit den Weisheitslehrern, Sibyllisten, Apokalypükern und ähnlichen fahrenden Sängern durch alle Lande sich ergießenden Strome, der gespeist ist von der jüdisch-hellenistischen Religionsphilosophie, wie sie besonders in der Weisheit Salomos zum populären Ausdrucke gelangt. — Abseits von dem im engsten Daheim beim Ausbau seiner Traditionslehre sich beruhigenden und befriedigenden pharisäischen Judentum ist der von dem Siraciden aufgerufene Geist der Weissagung51) in den breiten jüdischen Volksschichten wieder erwacht, in allen jenen Landen, wo Juden und Heiden im engen Verkehre miteinander lebten; hier wurden beide durch die göttlichen Offenbarungen, welche gemeinsame Lehrer enthüllten, erlöst. Denn die Verschiedenheit von Nation und Abstammung bildet dem Apokalyptiker kein Hindernis: „In meinen Gliedern", predigt er, „redet der Geist Gottes, und ich rede durch seine Liebe; denn sie tilgt, was fremd ist, und alles gehört dem Herrn."52) Man weiß ja, daß die griechischen Juden im Zeitalter Jesu nicht nur überall in der Diaspora von gottesfürchtigen Heiden erfüllte Synagogen, sondern sogar im Herzen Judäas, in Jerusalem selbst, solche besaßen: „Die Synagoge der Libertiner, der Kyrener, der Alexandriner, derer, die aus Kilikien und Asien waren."53) — In diesen lehrten die Apokalyptiker, und zuletzt der größte aller Apokalyptiker, Jesus, der ähnlich dem Verfasser unserer Oden, in dessen „Gesichtskreis", wie Harnack richtig erkannt hat, „das Christentum überhaupt nicht liegt"54), sicherlich noch eine Erlösung ohne einen Christ predigte. „Von messianischen Gedanken", um wieder mit Harnack zu sprechen, „ist dieses religiös sehr hochstehende palästinensische Judentum (ähnlich wie Philo) kaum berührt gewesen und es brauchte nicht messianische Ideen, um Trost und Frieden zu gewinnen, da es auf der Linie der jüngeren kanonischen Psalmen Gotteserkenntnis, Gottesnähe, Erlösung, Wiedergeburt und Seligkeit bereits gefunden."55) Alles in allem. Die Apokalyptiker sind wie die Sibyllisten. begeisterte Volkslehrer, die von innerem Drange getrieben, die Welt zu belehren und zu erlösen, Unverstand und Finsternis zu bekämpfen und Licht zu verbreiten aus allen Kräften bemüht waren. *5) Ode 7,t,27 — 4«)0de 8„3. ->) Ode 18 6, - 48, Ode 18u. — 4?) ode 31,-,. — s°) Ode 256_7 Cf Ode 6,6; 717; 10„7; 1116; 162; 212,"5, 29 7,8. - «) Sir.?.6 20. -.««, Ode 6,_3. 53) Ap. 69. — «) Vgl. Oden S. 103. —?5) Harnack, Oden S. 120.

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