Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XIII (1911)
- Issue
- Heft 12 (16.6.1911)
- Date
- 1911-06-16
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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NSUS WaONAL-ZSOjNG XIII. JAHRGANG. WIEN, 16, JUNI 1911. Nr. 12. Die Niederlage der Christlichsozialen. Ein klerikal-antisemitisches Parlament. Die „Neue Freie Presse" hat ihre Senatorentoga abgelegt; ihre souveräne Ruhe ist gewichen. Sie tanzt, springt, lärmt wie ein toller Derwisch. Was ist denn geschehen? Warum dieser Veitstanz? . . . In Wien sind die Christlichsozialen in mehreren Bezirken zur Stichwahl gezwungen. Herr Bielohlawek ist im ersten Gange gegen einen politischen Neuling durchgefallen, in mehreren Bezirken gelangen die Führer der christlichsozialen Partei in die engere Wahl. Es droht ihnen die Gefahr, Mandate zu verlieren. Auch die Sozialdemokraten nehmen an diesem Freudentaumel ihren Anteil. Kommt ihnen doch der größte Teil der Beute zugute! Dieser Enthusiasmus läßt uns kalt. Wir sehen keinen Anlaß, diesen politischen Cancan mitzutanzen. Es ist allerdings erfreulich, daß die Zahl der antisemitischen Stimmen in Wien ab- und die Zahl der sozialistischen, respektive deutschfreisinnigen Stimmen zugenommen hat. Es ist zu erwarten und zu wünschen, daß alle jüdischen Wähler am Tage der Stichwahl den Gegnern der Christlichsozialen zum Siege verhelfen werden. Allein der Standpunkt der jüdischen Bevölkerung ist keineswegs identisch mit dem der „Neuen Freien Presse". Der jüdische Wähler darf das Wahlresultat nicht darnach beurteilen, ob sich die Zahl der christlichsozialen Abgeordneten vermindert, sondern, ob das neue Parlament weniger antisemitische Abgeordnete aufweisen wird. Für die „Neue Freie Presse" sind die Abgeordneten K. H. Wolf, Iro, Pacher, Weidenhoffer und Dr. Herold „deutsch-freiheitlich", für die Juden sind diese Männer Erzantisemiten, die ebenso wie die Christlichsozialen für die Resolution Schmidt gestimmt haben und die den Juden in gleicher Weise die staatsbürgerliche Gleichberechtigung entziehen wollen. Der „Deutsche Nationalverband", für den die zumeist von Juden soutinierte „Neue Freie Presse" die Werbetrommel rührt, ist zum größten Teile antisemitisch und seine judenfeindlichen Gesinnungen sind um keine Nuance milder als die der Christlichsozialen. 66 Christlichsoziale wurden am ersten Tage gewählt! Von den 46 „deutsch-freiheitlichen" Abgeordneten sind kaum sieben (!) liberal; die übrigen dagegen deutschnational, deutschvolklich und alldeutsch. Und da sollen die Juden aufjauchzen., we:in gleich im ersten Wahlgange 105 deutsch-antisemitische Abgeordnete gewählt wurden! Dazu kommen noch 6 Slowenisch-Klerikale und 5 Tschechisch-Klerikale, die für alle judenfeindlichen Gesetze zu haben sind. Und was bringen die Stichwahlen? In 24 Bezirken kommt es zur Stichwahl zwischen Christlichsozialen und „Deutsch-Freiheitlichen", unter denen lediglich vier Kandidaten liberal sind; in dem für uns besten Falle wird sich die Zahl der deutschantisemitischen Abgeordneten um weitere 20 vermehren. 19 Christlichsoziale und 41 Deutsch-Freiheitliche haben mit den Sozialdemokraten eine engere Wahl auszukämpfen. Die moralische Niederläge, welche die Christlichsozialen am 13. in Wien erlitten haben, und deren