Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XIII (1911)
- Issue
- Heft 11 (2.6.1911)
- Date
- 1911-06-02
- Page
- Seite 11 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 11 „Neue National-Zeitung* Seite 11 rEvIILLETON. J. L. Perez»*) Die Wandlungen einer Melodie. (1. Fortsetzung.) Eine halbe Million ließ er zurück! Nun verheiratet ch> Witwedie Tochter. Sie beeilt sich damit, weil sie sich selbst eine Partie antragen lassen will. Ein Stein ist ihr vom Herzen gefallen! Erlöst ist sie! Und weil Chaiml, der Musikant, auch eine Tochter zu verheiraten hat, wartet er natürlich auf die Hochzeit wie auf den Messias ... Da fällts der Witwe ein, Pedohzur aus Berdyczew zu beziehen. Warum? Es werden Brautverwandte, Kenner aus Kiew da sein. Darum will sie, daß zum Bedeckens"20) ein neuer „El moie rachamim"21) gesungen wird. „Keine abgeklopften Hojsjchanes"22), sagt sie. „Es kostet so schon so viel, solls noch mehr kosten und sollen die Kiewer Augen machen!" Chaiml verging schier. Auch in der Stadt entstand große Aufregung. Man hatte Chaiml sehr lieb. Und dann einfach aus Mitleid, weil er so arm war. Man bemühte sich, die Sache zu ordnen. Zum Schluß wurde auch durchgesetzt, daß Chaiml mit seiner Kapelle spiele. Doch sollte er vor der Hochzeit auf Kosten der Witwe nach Berdyczew hinüber und von Pedohzur einen neuen „El mole rechamim" bringen. Chaiml kriegt einige Rubel, davon läßt er mehr als die Hälfte Weib und Kindern zurück, mietet einen Wagen und fährt nach Berdyczew. Und hier beginnt die Geschichte von den Wandlungen. Wie sagt man nur: „Ein armer Teufel hat Glück"23). Fährt da Chaiml auf der einen Seite in Berdyczew ein und auf der anderen Seite Pedohzur heraus. Man hat ihn just nach Talne zu einer Melaweh malke geladen. Der Talner24), müsset ihr wissen, hält große Stücke auf Pedohzur. „Die Mysterien der Thora", pflegte er zu sagen, „wohnen in seinen Melodien. Schade nur, daß er selber sie nicht kennt". Chaiml irrt nun wie ein Vergifteter25) in den Straßen umher. Was tun? Ohne ein „El mole racha- *) Dieser geniale Kleinmaler des Ghettos feierte dieser Tage seinen 60. Geburtstag und wurde in der jüdischen Presse vielfach ausführlich gewürdigt. Auch wir werden demnächst sein Porträt bringen und seine Persönlichkeit eingehend beleuchten. Die Redaktion. a°) So heißt eine Zeremonie, die darin besteht, daß der Braut unmittelbar vor der Trauung der Kopf samt Gesicht mit einem seidenen Tuche bedeckt wird. 21) Ein Gebet zum Totengedächnis; hier deshalb bei der Hochzeit gesungen, weil der Brautvater verstorben ist. J2) Hauschano (Hoschana) „oh, hilf doch!' Gebet am Laubhüttenfeste. Der siebente Tag dieses Festes, der fünfte sogenannte Halbfeiertag,. heißt Hauschano rabbo (großer Hauschano) und ist ein Bittag, sozusagen ein Nachzügler des Neujahrfestes und des Versöhnungstages. Zum Kult dieses Tages gehört das Abklopfen von Weidenzweigen, die man nach dem Gebete Hauschanos nennt. Also bedeuten abgeklopfte Hojschanes solche, welche schon gebraucht, deren Blätter schon abgefallen oder zerfetzt sind. 23) Volkssprichwort. Selbstverständlich ist das Gegenteil gemeint. u) „Der Talner" kurz für „der Talner Kebbe". . . as) Das in der Sprache des Volkes gebräuchliche Bild ist von vergifteten Mäusen hergenommen. mim" nach Hause fahren darf er nicht; die Welt ginge darob zugrunde! Pedohzur nach Talne nachfahren oder warten, bis er zurückkommt — kann er nicht. Er hat nicht genug Geld mit. Die Witwe gab ihm wenig, und seinem Weibe ließ er viel zurück. Sein Leid ist groß. Plötzlich sieht er folgenden Vorgang: Stellt euch vor: An einem schönen, hellen Wochentage geht ein junges Weib in Sabbat- und Feiertagskleidern, oder wie man in jenen Gegenden sagt, in Honig und Essig herausgeputzt daher, auf den Kopf eine eigenartige Haube mit mächtig langen Bändern von grellen Farben! in der Hand hält sie eine große weiße Silbertasse. Musikanten folgen ihr und spielen und sie geht im Tanzschritt voraus. Manchmal bleibt sie mit den Spielleuten vor einer Wohnung oder einem Geschäftsladen stehen und tanzt auf der Stelle . . . Die Musik lockt Leute von allen Seiten herbei, sie drängen sich in den Türen und Fenstern, Kopf an Kopf . . . Die Musik spielt. Das junge Weib tanzt, die Bänder flattern, die Tasse blinkt und blitzt . . . Die Menge schreit „Masel tow!"26) und wirft Münzen hin. Das Weib hüpft und fängt sie in der Tasse auf; die Münzen klingen im Takte . . . Was ist es? Nichts von Bedeutung! Berdyczew ist eine jüdische Stadt und hat jüdische Gebräuche. So ist der Brauch, für Brautausstattung zu sammeln... Chaiml kennt diese Sitte. Er weiß, daß sich die Frauen Tänze ausdenken und daß Pedohzur jedesmal eine neue Melodie macht. Das ist schon einmal seine Mizwe27). Man kommt zu ihm, erzählt ihm von dem Mädchen, von ihrer Familie, von der geplanten Heirat, von der Armut der Braut ... Er hört schweigend, mit geschlossenen Augen zu. Manchmal bedeckt er das Gesicht mit den Händen. Und hat man die Sache vorgetragen, wird es still, dann beginnt er eine Melodie zu brummen . . . Das alles weiß Chaiml und steht doch mit offenem Munde und Ohr da. Er hat so ein „Frelechs" noch gar nie gehört. Es lacht und weint zu gleicher Zeit, man fühlt Leid und Lust, Schmerz und Glück in eins verschmolzen. Eine wahre Waisenhochzeit! Plötzlich macht er einen Luftsprung: Er hat, was er braucht! * Auf der Rückkehr nahm der Fuhrmann noch andere Fahrgäste auf. Chaiml hatte nichts dagegen. Und die Passagiere, just Kenner, erzählten dann, daß Chaiml, wie sie in den Wald hineinfuhren, zu singen angefangen hatte. Er sang Pedohzurs „Frelechs". Nur ist daraus schon etwas ganz anderes geworden. Der „Masel tow" von der Sammlung für Brautausstattung in einen wirklichen „El mole rachamim" verwandelt. In das stille Rauschen der Bäume mischt sich eine stille, süß-stille Weise. Still und innig klagt sie und betet um Barm- 26) Masol tow: (Gut Glück) Beglückwünschungsruf.— ") Mizwo (mizwa). Wörtlich: (^Religiöses) Gebot. Aber es ist damit nicht nur dieses, sondern auch das fromme Verdienst gemeint, das man sich durch die Erfüllung des religiösen Gebotes erwirbt. Der volle Inhalt des Wortes ist im Deutschen kaum wiederzugeben.