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Neue Nationalzeitung · 1911-06-02 · Heft 11 (2.6.1911) · p. Seite 12

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XIII (1911)
Issue
Heft 11 (2.6.1911)
Date
1911-06-02
Page
Seite 12 (sequence 12)
Language
German
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Ssite 12 „Neue NationaUZeitung'f Nr. 11 herzigkeit, wie ein Kranker um sein Leben betet. Und dann hebt sie zu seufzen, in kurzen Ausrufen zu flehen an. Man fühlt, daß sich jemand an die Brust schlägt: „AI cheth.'"28) wie am Jona Kippur28) oder yor dem Tode. Die Stimme wird höher, aber zugleich zerstückt, zerrissen, wie von Tränen erstickt, wie von Schmerzen unterbrochen. Dann einige Seufzer, ein Schrei, einer, ein zweiter, und plötzlich bricht alles ab. Stille . . . Jemand starb . . . Der Sarg erhebt sich wieder zu heißem, flammendem Schreien. Und die Schreie folgen einander in wilder Hast. Es wird ein ungeheurer Jammer, — wie bei einem Begräbnis. Und während des Begräbnisses plötzlich ein dünnes, reines Kinderstimmchen, — feucht, zitternd, furchtsam: Ein Kind sagt Kaddisch!30) Und dann — Träume, Phantasien, tausend Gedanken, die allmählich in süße, mild-süße Weisen übergehen . . . Trost, Zuspruch ... So gütig, so aufopfernd, so gläubig, daß alles wieder gut wird, daß Lebenslust und Hoffnung wieder wach werden . . . Die Leute vergingen schier. „Was ist das?" fragen sie. „Ein „El mole raehamim" antwortet Reb Chaim, — „für Katzners Waise ein „El mole rachamim!" „Verdient es wirklich nicht", sagen sie, „schade um die schöne Melodie, doch die Welt wird sie ja Reb Chaiml abnehmen, die Kiewer werden außer sich sein". Die Kiewer gerieten nicht außer sich. Das war keine jüdisch-gutbürgerliche Hochzeit mehr, bei den Katznerschen . , . Und der „El mole rachamim" paßte für die Gesellschaft nicht. Die Kiewer wollen lieber mit Damen tanzen. Wozu „Steiger"? Wozu moralische Sachen? Und nach wem auch ein „El mole rachamim"? Nach dem alten Geizhals? Wenn er noch lebte, die Braut hätte nicht die Hälfte Mitgift und Haussteuer überhaupt nicht. Die Hochzeit würde sicherlich ganz anders aussehen. Wenn er heute aufstünde und das weiße Atlaskleid mit Spitzen und den Schleier sähe und die Weine, die Torten, die Fische, die Fleischspeisen, unter welchen die Tische sich biegen, — er würde noch einmal sterben, und nicht mehr so leicht wie das erstemal! Und wozu die ganze Zeremonie, das ganze Bedeckens? . . . Alte, närrische Bräuehe! „Rascher!" schreien die Kiewer Gäste. Der arme Chaiml. Er hatte die Kapelle aussetzen lassen und klopfenden Herzens mit dem Bogen über die Saiten gestrichen. Die einfachen Leute beginnen schon mit den Augen zu zwinkern, manche vergießen schon Tränen ... Da ruft ein Kiewer: „Was ist hier? Eine Hochzeit oder ein Begräbnis?" Und als Chaiml so tut, als ob er nicht hört und weiter spielt, fängt der Kiewer zu pfeifen an . . . Er pfeift just ganz ausnahmsweise gut. Er hat die Melodie schon heraus und pfeift sie richtig. Und pfeift immer geschwinder, immer ausgelassener, immer wilder! Und immer dieselbe Melodie! . . . Die Kapelle bleibt still. Man hört nur den Kampf zwischen der Baoraiischen Geige und dem frechen Pfjeifen . . . Und das Pfeifen siegt. Es Mj Sündenbekenntnis, bei dessen Ablegung man. sich m der rechten Faust in die Brust schlägt. Der Versöhnungstag. *4 Das Gebet, welches Söhne für das Seelenheil ih?er Eltern im ersten Jahre nach deren Tode täglich, dann all jährlich am Todestage sagen. spornt den Bogen an, die Geige weint nicht mehr; zuerst ächzt sie, dann beginnt sie auch zu lachen. Und plötzlich bricht Chaiml ab. Mit zusammengekniffenen Lippen und wild funkelnden Augen springt er auf eine andere Saite über und beginnt noch geschwinder zu spielen; er will das Pf eifert überholen! Nein, das ist kein Spielen mehr! Die Geige gibt stoßweise Schreie von sich, gewaltige Töne . . . Sie drehen sich wirbelnd herum. Es ist, als ob alles tanzte: Das Zimmer, die Ka- Fielle, die Gäste, die Braut auf ihrem Stuhl, Chaiml selbst mit seiner Geige ... Es ist kein „Frelechs", kein „El mole rachamim", es ist kein Spiel. Tanzender Wahnsinn ist's, wild-wahnsinnige Fallsucht, daß sich Gott erbarme! . . . Und das dauerte solange, bis die Saite sprang. „Bravo, Chaiml, bravo!" — schreien die Kiewer. Ob sie damit dem alten Geizhals einen Gefallen taten? Gewiß nicht! * Mehrere Jahre später kam die Melodie, wahrscheinlich durch einen von den Kiewer Leuten, ins Theater! Was ist ein Theater? Alte Maskilim31) pflegten zu glauben, daß ein Theater besser ist als ein Moralbuch und stärker als „Reschis chochmo"32) — sie seien wohl unterschieden.33) Ihr wieder sagt natürlich, daß ein Theater unrein ist wie Schweinefleisch. Bei uns sagt man, daß es darauf ankommt, was man im Theater spielt. Es war schon in Warschau . . . Das Theater ist voll, Kopf reiht sich an Kopf. Die Musik beginnt. Was spielt sie? Es ist ein Tosen, ein Durcheinander! Chaimls „El mole rachamim", nur an Stelle des „Wolech" — ein Durcheinander. Die Instrumente jagen und treiben einander und poltern. Es lärmt und klopft und pfeift ... Es donnert nicht, Häuser stürzen nicht. Ein Lärm schlechthin! Tanzen Geister auf dem Eismeer? Toben tausende wilde Tiere aus der Hölle heraus? Ein Zittern geht durch das Theater! Plötzlich greift der Baß ein. Er ist sozusagen im Zorn. Er ärgert sich: Was ist das? Aber — falsch! Es ist ihm also nicht Ernst mit seinem Zorn. Und ein seltsames Pfeifen hüpft hinein. Es fliegt durch die Kapelle im Blitzes-Zickzack und mit wahrem Koboldlachen: Ha, ha, ha! und hi, hi, hi! Das Klarinett eilt nach. Und wirkt Wunder, das Klarinett. Ist trotzig. Man kann den Trotz greifen. Und jetzt erst kommen drei, vier Geigen hervor. Und spielen wundersüß wie die Lust selbst. Wie der böse Trieb, wenn ihm Honig vom Munde fließt. Und das Spiel schleicht sich in die Herzen ein. Es fließt wie Oel hinein und macht wie alter Wem trunken. Die Leute glühen. Die Münder offen, die Augen blitzen! Nun geht erst der Vorhang in die Höhe. Ein „Er" und eine „Sie" erscheinen, — ein „Prinz" und eine „Prinzessin" und singen! Sie singen mit flammenden Worten. Wie feurige Schlangen entfließen sie ihren Lippen. Die Hölle brennt auf ihren Gesichtern. Wie Teufel springen sie sieh entgegen. Und das Springen, Singen, Umarmen, Küssen geht immer schneller und schneller und wird lodernder mit jedem Augenblick. (Fortsetzung folgt.) **)■ Aufklärungsleute. — 3a) Titel eines Baches — 3S) Siehe Anmerkung 11.

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