Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XIII (1911)
- Issue
- Heft 11 (2.6.1911)
- Date
- 1911-06-02
- Page
- Seite 9 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. Ii „Neue National-Zeitung * Seite 9 Dr. Ringels Ehrenwort! Am Samstag nachmittags erschien der Sohn des hiesigen Rabbiners beim Dr. Ringel und fragte ihn, ob es wahr sei, daß seine Anhänger die Versammlung des Dr. Landau stören wollen, da man sich in diesem Falle rechtzeitig um Schutz umsehen müsse. Daraul erklärte Herr Dr. Ringel wörtlich: „Ich bürge Ihnen dafür mit meinem Ehrenworte, daß die Versammlung nicht gestört werden wird; sonst ziehe ich meine Kandidatur zurück. Ich will von Bürgern und nicht von Buben gewählt werden." Wie der obige Bericht beweist, hat Dr. Ringel sein Ehrenwort nicht gehalten und diese letztere Gesellschaft wahrscheinlich vorgezogen. Das Vorhalten der Partei des Ringel hat in der eklatanten Vertrauenskundgebung der hervorragendsten Bürger von Zaleszczyki für Dr. Landau seine gebührende Verurteilung gefunden. Diese Kundgebung hat folgenden Wortlaut: Eine Vertrauens-Kundgebung für Dr. S. R. Landau. Zaleszczyki, 29. Mai 1911. Euer Wohlgeboren! Hochverehrter Herr Doktor! Mit großem Bedauern und sichtlicher Empörung über den Vorfall, den Sie, hochverehrter Herr Doktor, anläßlich Ihrer hier am 27. 1. J. abgehaltenen Kandidatenrede zu erfahren hatten, gestatten wir uns, unsere tiefste Mißbilligung und Entrüstung auzudrücken. Wir sind in der zuversichtlichen Hoffnung,, daß Sie die Urheber der Ruhestörung während Ihrer abgehaltenen Kandidatenrede im hiesigenBethause genau erkannten und daß diese Störung nicht von unseren anständigen jüdischen Mitbürgern, sondern von hiezu dressierten, halbwüchsigen Jungen inspiriert und inszeniert wurde. Durch diesen, die gesamte jüdische Bevölkerung beschämenden Vorfall sind Sie, hochverehrter Herr Doktor, zufolge Ihres langjährigen, aufopfernden, selbst- und interesse'osen Wirkens für das jüdische Volk im allgemeinen und das gaiizische Judentum im besonderen in den Herzen aller vernünftigen und ehrlich denkenden jüdischen Bürger umso tiefer eingewurzelt. Trotz aller Anfeindungen, die Sie, eine Zierde unseres Volkes, als galizisches Landeskind und Abkömmling unseres größten jüdischen Jiches seitens unserer Glaubensgenossen während dieser Wahlkampagne zu erfahren hatten, versichern wir Sie der besonderen Sympathie, Hochachtung, Anerkennung und Dankbarkeit. Mögen unsere Söhne in Ihnen ihr Vorbild sehen. Wir verbleiben mit dem Ausdrücke der vorzüglichen Hochachtung und Wertschätzung Pinkas Lamm m. p., Kultus vorstand (Siegel der Israelitischen Kultusgemeinde) Wolf T h u m i m m. p , Rabbiner Leib Bernfeld m. p., Rabbinerstellvertreter Advokat Dr. Hirsch W a g s c h a 11 in. p. Mitglieder des KultusVorstandes: Benjamin Haber m. p. Abraham Weisser m. p. Semy Rosenzweig m. p. Hersch Bruckmeier mp. Alter Huhn m. p. Michael Kuttner m. p. Es folgen weitere 376 Unterschriften von Wählern. Wählerversammlung in Buczacz. B u c z a c z, den 30. Mai. Für gestern wurde in dem Theatersaale von dem zur Unterstützung der Kandidatur des Dr. Landau gebildeten jüdisch-nationalen Wahlkomitee eine Wählerversammlung' einberufen. Dieselbe war von über 2000 Personen besucht. Unter den Anwesenden befanden sich die Angehörigen aller Parteien, sowie die hervorragendsten Persönlichkeiten dieser Stadt, wie Bürgermeister Bernard Stern, Vize-Bürgermeister Burzynski, Kultuspräsident Aba Stern, einer der angesehendsten hiesigen Advokaten Dr. Ausschnitt samt Gattin, Gymnasialprofessor Schapira,. zahlreiche Gemeinde- und Kultusräte usw. Da die hiesigen zionistischen Macher unter der Führung des berüchtigten Leon Wechsler erklärt haben, mit aller Gewalt die Versammlung zu sprengen, wurde zum Zwecke der Fernhaltung von Nichtwählern polizeiliehe Assistenz in Anspruch genommen. Um jedoch ihrem jugendlichen Anhange Zugang zu verschaffen, haben die Zionisten den bei einer der Türen des Theaters postierten Türhüter bestochen. Die Wahlhyäne Dr. Ringels, Leon Wechsler, versuchte sofort die Leitung der Versammlung an sich zu reißen. Im Interesse eines ruhigen V erlauf es ließ es die Versammlung über sich ergehen, daß der Zionist Salomon Fränkl zum Vorsitzenden gewählt wurde. Als derselbe jedoch statt dem Kandidaten das Wort zu erteilen, die Versammlung für Parteizwecke mißbrauchen und den Wechsler zur Tagesordnung sprechen lassen wollte, da riß den Anwesenden die Geduld und unter Rufen: „Hinaus mit euchp' drangen zahlreiche Handwerker imd Arbeiter auf den Präsidialtisch ein, warfen denselben um, so daß der Vorsitzende fluchtartig den Saal verlassen mußte. Erst, darauf trat vollständige Ruhe ein und Dr. Landau konnte seine Kandidatenrede halten. Dr. Landau sprach unter lautloser Ruhe und gespannter Aufmerksamkeit über eine Stunde. Er entwarf sein Programm, wies unter stürmischem Jubel der Versammlung die Behauptung der Zionisten, daß er ein Wiener „Datsch" sei, zurück und schilderte in eingehendster Weise seinen Standpunkt zur jüdischen Proletarierfrage. Er wies nach, daß die gaüzische Judentrage vornehmlich keine nationale und politische, sondern eine wirtschaftliche sei. .Nach dieser Richtung haben sowohl die Assimilanten als auch die Zionisten nur mit leeren Phrasen gearbeitet und das Volk betört, ohne jedoch in wirtschaftlicher Beziehung dem Volke zu helfen oder ihm auch nur den Weg zur Selbsthilfe zu zeigen. Dieser ruhige Verlauf der Versammlung war den Zionisten unangenehm und unter der erlogenen Ausflucht, daß man ihnen die Möglichkeit benehmen wolle, den Kandidaten zu interpellieren, ließen sie denselben nicht weiter sprechen. Aber auch der Versuch der zionistischen Redner, sich Gehör zu schaffen, scheiterte an dem Widerspruche der Versammlung, insbesondere der anwesenden Sozialdemokraten, von denen der Jurist Pohorile mit Stentorstimme in die Versammlung hineinrie', daß die Zionisten vom heutigen Tage an nur als eine reaktionäre, volksfeindliche Bande bezeichnet werden können. Die Sozialdemokraten luden hierauf den Dr. Landau ein, sich in ihr Vereinslokal zu begeben und dort die Versammlung fortzusetzen. Dr. Landau sowie seine Anhänger verließen den Saal und sogen in das Vereinslokal der Brüderlichkeit, wo sich unter dem Vorsitze des Dr. Käufer die Wählerversammlung konstituierte. * ♦ *