Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XIII (1911)
- Issue
- Heft 11 (2.6.1911)
- Date
- 1911-06-02
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2425679-2425829-2425841--2042-2428444- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Nr. 11 ,Netie National-Zeitung" Seite 5 Uebereifers. Allein durch den Wechsel der Gesinnung, durch den Eintausch der nationalen Ideale je nach Stellung, Bedarf und Vorteil wird die Assimilation geradezu ad absurdum geführt. Trotz seines so stark markierten und in die Oeffentlichkeit hinausgerufenen Ungartums ist es Herrn Dr. Low nicht gelungen, eine Berufung an die israelitische Kultusgemeinde in Budapest zu erreichen. Vor einigen Jahren hat man in Budapest die Herren Dr. Fischer und Hevesi als Rabbiner bestellt, zwei jüngere Theologen, während die Kandidatur des Herrn Dr. Immanuel Low gar nicht in Betracht gezogen wurde. Einerseits wollte der Budapester Gemeindevorstand jüngere Arbeitskräfte berücksichtigen, die naturgemäß leistungsfähiger sind, andererseits verlautete, daß seine Stimme nicht ausreiche, die Räume des Budadapester Tempels auszufüllen. Haben denn Herr Dr. Stern, Katzau und Kauders sich überzeugt, daß diese Mitteilungen unrichtig sind? Freilich, die Herren Katzau und Kauders haben in ihrem ganzen Leben nie eine Predigt im Leopoldstädter Tempel besucht; ihnen kann es gleichgiltig sein, ob man den Prediger hört oder nicht. Sie bestellen ihn ja bloß für die Anderen und diese Anderen werden nicht befragt. Das geht die Leopoldstädter Gemcindemitglieder an. Wir, unsererseits, sehen in Dr. Immanuel Low den Repräsentanten des ungarischen Assimilantentums, den Vertreter eines uns feindseligen Prinzips, einer abgestorbenen und längst begrabenen Epoche, der zum Rabbiner in der Leopoldstadt etwa so paßt wie die Faust aufs Auge. Und in der Tat, die Wahl dieses Mannes bedeutet nichts anderes als ein Faustschlag für das gesinnungstreue Wiener Judentum. Der F^ampf gegen Salomon l^einach.*) Die diesmaligen Wahlen der Allianee haben Anlaß zu einer' sehr tiefgehenden Erregung in der gesamten jüdisch denkenden Welt gegeben. Die jüdische Presse nimmt fast ausnahmslos die Seite der deutschen Konferenzgemeinsehaft in dem von uns bereits geschilderten Streite zwischen Paris und Berlin. Man versteht diese Stellungnahme, wenn man bedenkt, daß diese älteste der modernen allgemein jüdischen Institutionen einen Mann in ihre Zentralbehörde wieder hineinwählen will, der in der unglaublichsten Weise gegen alles hetzt, was p osi tiv j ü disch ist. In seinem Werke Orpheus (S. 303) findet sich der klassische Satz : „Noch heute bleibt der größte Teil der 11 Millionen Juden in jeder Hinsicht weit gegenüber den Christen zurück, da sie mit großer Strenge den Sabbat und die a b sur d e n Sp eis ege s e t z e b e ob acht en." Man bedenke hiebei, ^daß man den Ver asser dieses Satzes an die Spitze einer Organisation stellen will, die ein weit verzweigtes Schulwerk im ganzen Orient unterhält und begreife, wie ein solcher Geist zerstörend auf alles wirken muß, Avas sich an echtem jüdischen Leben entwickeln will, wie . die Schüler, die aus solchen Schulen hervorgegangen *) Am 4. Juni finden die Neuwahlen in das Zentralkomitee der Pariser Allianee statt. Es sind 33 Mitglieder, davon 14 in Paris und 19 außerhalb Paris zu wählen. Der Wahlkampf steht diesmal im Zeichen eines persönlichen Kampfes gegen den bisherigen Vizepräsidenten und den eigentlichen i eiter der Allianee, Salomon Reinach, welcher Kampf von der deutschen Konferenzgemeinsehaft geradezu erbittert geführt wird. Die Beweggründe dieses Kampfes und seine näheren Umstände finden sich in obigem sehr interessanten Artikel, den wir der „Jüdischen Presse" entnehmen. Die Eedaktion. sind, verächtlich herabblicken müssen auf alle, die so rückständig sind, den Sabbat und die absurden Speisegesetze zu halten. Und dieser religiöse Nihilismus soll proklamiert werden, dadurch, daß die ü' er alle Länder zerstreuten Mitglieder der Allianee einen solchen Mann auf den Schild heben. Allerdings hat er für all die zahlreichen, die ihre Entrüstung über eine solche Zumutung rückhaltlos Ausdruck verleihen, auch ein Sprüchlein ans dem Orpheus parat. Dort heißt es auf Seite 163: „Wenn das Studium der Geschichte, besonders seit dem Triumph des Oliristentums, uns leider nur allzuviel Unglück und Verheerung, als durch religiöse Unduldsamkeit in die Welt gekommen, zeigt, als Folge jenes Fanatismus, den Griechen und Körner nicht kannten, und den das Christentum von d e r j ü d i s c h e n Bibel e r b t e (!!) so muß man anderseits das Gefühl der Menschenwürde, der Nächstenliebe, der Gleichheit der Menschen vor Gott auf das Habenkonto setzen." Die Lehrer der Alliance-Schule können natürlich als Angestellte diesen Schriften den Eingang nicht verwehren; und der Lehrer Ehrlich in 'Heyruth, der sich vor kurzem aus Gewissensnot an den Chachain Baschi wandte mit der Anfrage, was er nun seine Kinder lehren solle, ob das überlieferte Judentum oder die Ideen des Herrn Reinach, wurde auf der Stelle seines Postens enthoben und auf die Straße gesetzt. Und nicht nur in der Beamtenschaft der Allianee selbst sollen die Oppositionen gegen die geheiligte Person des Herrn Reinach erstickt werden, sondern auch unter den Mitgliedern dieser 'Vereinigung. Die Deutsehe Konferenz-Gemeinschaft, die es allerdings allmählich gewöhnt wird, von der Pariser Zentrale mit souveräner Verachtung behandelt zu werden, hatte sich an die Zentrale mit der Bitte gewandt, Herrn Reinach nicht wieder zu kandidieren und hatte gleichzeitig eine Liste aufgestellt, auf der dieser Name fehlte. Die Antwort war, daß man diesen WTunsch rundweg abschlug mit der Begründung, daß Herr Reinach in seiner 26jährigen Tätigkeit für die Allianee (während der er sich die oben zitierten Anschauungen gebildet zu haben scheint) „unser Werk in traditionell religiösem Geiste leite" (!!) und das Zentralkomitee in Paris hat den Text dieser albernen Begründung einstimmig festgestellt, wobei sie allerdings das Maßdessen doch wohl überschätzte, was man dem von ihnen nicht abhängigen Judentum bieten kann. Die Deutsche Konferenz-Gemeinschaft hat hierauf in sehr treffender Weise nach Paris die Fragen gerichtet: ..AVie kann es Herr Reinach mit seinen eigenen Ueberzeugungen vereinbaren, Schulen zu leiten, in denen ganze Generationen in einem Geiste erzogen werden sollen, der den schärfsten Widerspruch seinerseits herausfordern müßte?" und weiter: „Glauben Sie, sehr geehrte Herren, daß etwa Katholiken, Mohamedaner und seihst freidenkende Protestanten auch nur einen Augenblick einen Mann mit solchen missionarischen, ihren Ueberzeugungen zuwiderlaufenden Tendenzen an der Spitze ihrer Schi.ha-eine dulden würden?" Auch das Landes-Komitee für die Niederlande hat einen geharnischten Protest nach Paris gerichtet, in der sie die antijüdische Gesinnung des Herrn Reinach betonen. Es ist indessen nicht anzunehmen, daß trotz aller Bemühungen die Pariser Zentrale sieh zu einem jüdischen Standpunkt in diesen Fragen bequemen wird, sondern sie verkündet weiter nach altbewährtem Verdrehungsrezept der Welt, daß der ganze Kampf gegen den armen Herrn Reinach nur von Zionisten und Orthodoxen angezettelt worden ist, wobei sie allerdings für die Außenwelt noch durchblicken läßt, daß auch deutsch-eliauvinistiselie Interessen mitspielen! Es erübrigt, sich wohl zu sagen, daß die Aus-