Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XIII (1911)
- Issue
- Heft 11 (2.6.1911)
- Date
- 1911-06-02
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 Neue Nationai-ffeitung** Nr. 11 die Glieder, die gefallen waren, haben sie (ausgerichtet und aufrechtgestellt, sie haben Kraft gegeben ihrer Schwachheit und Licht ihren Augen--und sie sind durch das lebendige Wasser, das ewig (währt), errettet worden."38) — Wahrlich, ein naturgetreues Bild des dahinsiechenden, nach Erlösung lechzenden Heidentums auf der einen und des hingebungsvollen Abmühens gotterfüllter Lehrer auf der anderen Seite, Erkenntnis zu verbreiten und neues Leben aus den Ruinen hervorsprießen zu lassen. Aehnliche Bilder führen uns die sibyllinischen Orakel vor. Und wem kommt da nicht das verwandte Bild in Erinnerung, das etwa anderthalb Jahrhunderte früher der Siracide von seiner Tätigkeit als Volkslehrer entwirft? „Auch ich", sagt er, „gleiche dem aus dem Flusse abgeleiteten Büchlein, einer Wasserleitung, die in den Lustgarten fließt. Und ich sprach: ich will meinen Garten bewässern und mein Gartenbeet tranken. Und siehe, mein Bächlein ward zum Flusse, und mein Fluß ward zum Meere! Hinfort will ich meine Lehre wie die Morgenröte ausstreuen und sie weithin leuchten lassen; will meinen Unterricht wie eine Prophezeiung ausgießen und für alle kommenden Geschlechter hinterlassen. Seht also, daß ich nicht für mich allein gearbeitet habe, sondern für alle, die die Weisheit suchen!"39) Und wie zeichnet Henoch die letzte Zeit, in welcher die messiamische Erlösung erfolgen soll? „An jenem Orte", so lautet die Vision, „sah ich einen Brunnen der Gerechtigkeit, der unerschöpflich war. Ringsumher umgaben ihn viele Brunnen der Weisheit, und sie hatten ihre Wohnungen bei den Gerechten, Heiligen und Auserwählten. Zu jener Stunde war jener Menschensohn bei dem Herrn der Geister und sein Name vor dem Betagten genannt." 40) Selig werden in jenen Tagen alle sein, welche die Worte der Weisheit annehmen und kennen, die Wege des Höchsten beobachten, auf dem Wege seiner Gerechtigkeit wandeln und mit den Gottlosen nicht sündigen; denn sie werden gerettet werden."41) (Fortsetzung folgt.) Die Ernennung des beopoldstädter ^Rabbiners .*) Von einem Rabbiner. Ein neuer Autokratenstreich des Dr. Alfred Stern offenbart den Charakter jenes Regimes, welches heute in der Wiener israelitischen Kultusgemeinde sein Unwesen treiot. Ohne Befragung der Gemeinde und gegen alle Vorschriften und Normen des Gemeindestatutes unternimmt es Dr. Stern, mit Hilfe „seines" 36) Ode 6 7 ff. — 39) Sir. 2428-32. — 40) Hen. 481-2. Auch Harnack verweist zu Ode 67 auf diese »teile in der Henochapokalypse. Cf. Hen. 49 1 — 4') Hen. 9910. *) Die in unserer vorletzten Nummer veröffentlichte Nachricht von der dem Gemeinde-Statut Hohn sprechenden Ernennung des Szegediner Oberrabbiners Dr. Löw hat seitens des offiziellen Gemeiudeblattes ihre Bestätigung gefunden. Die allgemeine Auflegung hat dieses Blatt gezwungen, zu unserer Mitteilung Stellung zu nehmen und dieselbe, da sie nicht abgeleugnet werden kann, zu bestätigen. Wir erhalten nunmehr von einem hervorragenden Rabbiner obigen Artikel, der die Entschließung des Kultusvorstandes in das volle Licht rückt. Die Redaktion. Vorstandes einen Rabbiner für die Leopoldstadt zu ernennen. Ein Vorgang wie er in der Wiener Kultusgemeinde bisher unerhört war. Man hei in er, Je 11 inek undGüdemann haben vor der Bestellung eine Probepredigt abgehalten und der Vorstand wollte vor der Entscheidung erst die Stimmung der Gemeindemitglieder wahrnehmen und den Eindruck abwarten, den die Person und die Predigt des Kandidaten in den Kreisen der Gemeindemitglieder hervorruft. Diesmal soll davon Abgang genommen werden; Doktor Stern allein und seine gehorsamen Vorsteher erachten sich für hinreichend kompetent, allein aus eigener Vollmacht einen Rabbiner für die Leopoldstadt zu ernennen. Auch die Leopoldstädter Gemeindemitglieder werden nicht gefragt. Als man in Ottakring einen Rabbiner bestellen sollte, haben die Oltakringer Gemeindemilglieder verlangt und durchgesetzt, daß die Kandidaten für den Rabbinatsposten im Ottakringer Tempel Probepredigten abhalten müßten. Für die Leopoldstadt ist das nicht nötig; denn die Leopoldstädter Gemeitidemilglieder müssen tanzen wie Dr. Stern pfeift. Nun schreibt aber das Gemeindestatut vor, daß vor Bestellung eines Rabbinors Experten einzuvernehmen sind und die Anzahl der Experten ist bestimmt: doppelt soviel als die Anzahl der Vorstandsmilglieder sollen es sein. Das Statut will also, daß die xMeinung der Gemeindemitglieder vor der Wahl gehört werde. Wie sollen aber die Experten eine Meinung äußern über einen Prediger, den sie nie gehört haben, von dem sie bloß wissen, daß die Herren Dr. Stern, Dr. Katzau und Sigmund Kauders ihn erkoren haben? Djs ist nichts anderes alseine empörende Vergewaltigung der Gemeinde. Der Erkorene aber ist Dr. I m m a nii e 1 L ö w aus S z ege di n, er steht im a c h t u n d f u n f z I g s ien Lebensjahr, hat also das Alter längst überschritten, welches als Maximum im Statut normiert wird für einen neu angestellten Rabbiner und Funktionär. Nach demSiatut dürfen Rabbiner und Beamte das 45. Lebensjahr nicht überschritten haben, wenn sie bei der Kultusgemeinde in Wien neu bestellt werden sollen; Dr. Stern und seinen Leuten ist das Gemeindestatut nach keiner Richtung ein Hindernis. Herr Dr. Immanuel Löw, der Mann nach dem Herzen des Dr. Stern, Dr. Katzau und Sigmund Kauders, ist dieser Gunst vollständig würdig. Er ist in den rückständigsten Anschauungen befangen, zählt zu jenen modernen aus der altliberalen Epoche, die seitdem nichts gelernt und nichts vergessen haben, die von der großen Geistesbewegung, welche das Judentum der letzten Jahrzehnte ergriffen hat, keinen Hauch verspüren. Assimilation ist sein Ideal. Er selber fühlt sich nicht als. ungarischer Jude, sondern als jüdischer Magyar. Der Rabbiner von Szegedin schrieb außer seiner Dissertation über aramäische Pflanzennamen (!) auch einige kleine historische Arbeiten. Welcher Art sind sie? Der Herr Rabbiner schrieb nicht über Rabbi Jochanan ben Sakkai, über Rabbi Meir oder Jehuda Halewy. Nein, er schrieb vielmehr über — Tisza Kaiman, Kossut Lajos und Deak Ferencz. Herr Dr. Immanuel Löw ist ein ungarischer Patriot. Er hat seit je ungarischen Patriotismus, ja magyarischen Chauvinismus nach außen zur Schau gelragen und nach innen den Juden gepredigt. Nun soll er Wiener Rabbiner werden und den Jaden in der Leopoldstadt „deutschliberalen Patriotismus" predigen. Daß die Herren Dr. Stern und Dr. Katzan sich dieser Bloßstellung nicht schämen? Der Mann ist ihnen aber sympathisch wegen seines assimilatorischen